Sie haben es eben immer noch drauf: Der Pokémon-Hype der 1990er-Jahre erlebt mit Pokémon GO eine Renaissance - auf Smartphones in der ganzen Welt.
Die Pokémon beherrschten Mitte der 1990er-Jahre die Diskussionen auf den Schulhöfen. Diejenigen, die damals leidenschaftlich Taschenmonster per Link-Kabel tauschten, sind heute erwachsen - und spielen höchstwahrscheinlich Pokémon Go auf ihren Smartphones. Menschenmengen versammeln sich an öffentlichen Orten, um seltene Pokémon zu fangen, Pokéstops zu aktivieren und ihre Hosentaschentierchen in Arenen um die Vorherrschaft ihres Teams kämpfen zu lassen. Die ganze Welt ist (wieder) im Pokémon-Fieber!
In diesem Artikel
Quelle: The Pokémon Company
Pikachu:
Der gelbe Hasen-Maus-Verschnitt mit Elektrokräften ist das bekannteste aller Pokémon.
Quelle: The Pokémon Company
Bisaflor:
Die finale Evolutionsstufe des Starterpokémons Bisasam.
Evolution
Neu ist die Idee hinter Pokémon Go nicht. Niantic, die Entwickler der App, hatten mit ihrem Vorgänger-Programm Ingress bereits mäßigen Erfolg. Dabei ging es ebenfalls darum, draußen herumzulaufen und die Einflussbereiche des gegnerischen Teams zu erobern, unterstützt von Augmented Reality, GPS und den Karten von Google Maps. Anders als Pokémon Go ist Ingress recht storylastig - wohl auch, um die Spieler auf Dauer bei der Stange zu halten.
Bei Pokémon war nie mehr als ein Feigenblatt von Hintergrundgeschichte nötig, um für millionenschwere Absätze zu sorgen. Dementsprechend überrascht es nicht, dass Pokémon Go (bislang) auf einem notdürftig verputzten Story-Fundament steht: Ihr seid Pokémon-Trainer, sucht euch wie üblich ein Starter-Monster aus und zieht los, um den Pokédex zu erweitern. Erreicht ihr Level fünf, entscheidet ihr euch für eines von drei Teams und nehmt Arenen ein, um diese mit den Farben Gelb, Blau oder Rot zu schmücken.
Dass Pokémon Go alle Rekorde sprengt, liegt viel mehr zu einem großen Teil an der Nostalgie der Pokémon-Veteranen aus den 1990er-Jahren. Wer hat nicht davon geträumt, selbst wie Held Ash Ketchum auszuziehen und in der freien Natur niedliche Hosentaschenmonster zu fangen und zu trainieren?
Quelle: The Pokémon Company
Aquana:
Eine der drei (klassischen) möglichen Evolutionsformen von Evoli.
Quelle: The Pokémon Company
Tauboss:
Der große Vogel entwickelt sich aus Taubsi und ist wesentlich stärker.
Selbst wer damals keinen Game Boy besaß, kannte zumindest die erfolgreiche, gleichnamige Zeichentrickserie, hat den Kinofilm gesehen, Spielkarten gesammelt oder mit Pikachu-Plüschtieren gekuschelt. Sogar die damals ältere Generation kannte zumindest einige der 151 Ursprungs-Pokémon beim Namen. Die Serie ist seit jeher Zugpferd im Nintendo-Stall, deshalb kennen die Kinder und Jugendlichen von heute Pummeluff, Relaxo und Karpador - die Zielgruppe der Handy-App ist somit von Haus aus um ein Vielfaches größer als die von Ingress.
Aktion statt Reaktion
Auch die Verbreitung von Smartphones trägt zum Erfolg der App bei. So gut wie jeder hat das Handy den ganzen Tag über bei sich, checkt in regelmäßigen Abständen Anrufe und Nachrichten, sucht Informationen im Netz oder vertreibt sich die Wartezeit mit Spielen. Free-2Play-Titel wie Clash of Clans oder The Simpsons: Tapped Out haben es vorgemacht: Wer möchte, muss kein Geld ausgeben, und hat dennoch stundenlang Spaß. Für alle, denen die Euros lockerer in den Taschen sitzen, bieten solche Spiele verlockende Bonusobjekte oder einfach ein Plus an virtueller Währung, die einen schnelleren Fortschritt ermöglicht.
Das Gleiche gilt für Pokémon Go, doch bei der Nintendo-App kommt das Selbermachen-Prinzip hinzu. Da es nämlich noch kein Tauschen-Feature gibt, muss man alle potenziellen Teammitglieder selbst fangen. Und dazu muss man die Taschenmonster erst einmal aufspüren und per Pokéball dingfest machen. Dazu kommt, dass jedes der Ungeheuer andere Werte aufweist, auch wenn es sich um die gleiche Art Monster handeln mag.
Quelle: The Pokémon Company
Bibor:
Das mit sage und schreibe drei Stacheln ausgestattete Wespenwesen ist die finale Form von Hornliu.
Quelle: The Pokémon Company
Onyx:
Die riesige Felsschlange ist nach einem Gesteinstyp benannt.
Geduld und Geschick sind erforderlich, wenn man ein echtes Prachtexemplar für Arenakämpfe heranzüchten will. Der Einsatz von kostenpflichtigen Items ist nicht nötig, um gute Pokémon zu finden und zu fangen. Es gibt dafür nur eine Voraussetzung: aufstehen, rausgehen und auf Trab bleiben. Eine halbe Stunde zu warten, bis in einer App ein Countdown abgelaufen ist, fühlt sich auf dem Sofa deutlich länger an, als wenn man sich draußen fortbewegt, frische Luft einatmet und die Umgebung beobachtet - oder sich mit einem Begleiter unterhält.
Gruppenfang
Die soziale Komponente des Pokémon-Phänomens sollte man nicht unterschätzen. Der Algorithmus des Spiels sorgt zum Beispiel dafür, dass an Orten, an denen eine hohe Dichte von Smartphones mit der Pokémon-App besteht, besonders starke oder seltene Taschenmonster auftauchen.
Ebenso praktisch: Sogenannte Lockmodule verströmen einen (virtuellen) Duft, der bewirkt, dass eine halbe Stunde lang mehr Pokémon auftauchen. Davon profitiert aber nicht nur die Person, die das Lockmodul in den Pokéstop gesetzt hat. Auch alle anderen Spieler in der Nähe können an diesem Ort auf eine hohe Zahl Monsterbegegnungen vertrauen. In vielen belebten Bereichen von größeren Städten findet man Grüppchen, die sich unterhalten, während sie auf Pokémon-Jagd sind und ihre Pokédex-Einträge vergleichen.
Quelle: The Pokémon Company
Glurak:
Die letzte Entwicklungsstufe von Starter-Monster Glumanda. Ihr braucht 100 Glutexo-Bonbons für die Evolution!
Quelle: The Pokémon Company
Taubsi:
Eines der häufigsten Taschenmonster. Leicht zu fangen und relativ billig zu entwickeln. Tauboss ist zudem recht stark.
Zwar motiviert Pokémon Go definitiv zur Bewegung, Spaziergänge in der Natur sind aber, wenn man nach der App geht, weniger wert als Stadtbummel. In dicht besiedelten Gebieten findet man logischerweise deutlich mehr Sehenswürdigkeiten, die als Pokéstops dienen, als im tiefen Wald. Natürlich kann man aber auch die Zeit in ländlichen Gebieten nutzen, indem man zum Beispiel durch das Zurücklegen längerer Strecken Eier ausbrütet.
Dass Schrittzähler Menschen dazu bringen, sich mehr zu bewegen, ist nicht erst seit der Verbreitung von Fitness-Apps und Accessoires bekannt. Das schlechte Gewissen wird zugleich beruhigt. Den ganzen Tag ein Handyspiel gespielt? Mag sein, aber dabei hat man vielleicht ganz neue Viertel in der Heimatstadt zu Gesicht bekommen, da ein kleines, schönes Café entdeckt oder einfach ein wenig Sonne getankt. Und da Bewegung, Frischluft und Sonnenschein die Produktion von Glückshormonen anregen, fühlt man sich wahrscheinlich ziemlich gut nach so einer Jagd.
Stolpersteine
Pokémon Go ist ein echtes Phänomen. Millionen Spieler weltweit widmen ihre Freizeit den Taschenmonstern, viele sind jedoch auch wieder abgesprungen. Denn so genial die Verbindung von Augmented Reality, Fitness-App, bekannter Marke und dem liebsten elektronischen Gerät der modernen Welt ist - der Launch verlief mehr als unglücklich. Wie so oft machten - und machen - die Server zu Stoßzeiten reihenweise schlapp. Vor der Veröffentlichung in Nordamerika hätte Nintendo vorwarnen müssen, dass die Kapazitäten für den Ansturm eifriger Monsterjäger nicht ausreichen. Die Europäer, die nicht warten wollten und deshalb über einen kleinen Umweg ebenfalls die amerikanischen Server besiedelten, sorgten für noch mehr Belastung.
Quelle: The Pokémon Company
Turtok:
Die dritte Entwicklungsstufe von Schiggy.
Quelle: The Pokémon Company
Enton:
Die verwirrte Ente trifft man vor allem in der Nähe von Gewässern.
Das Spiel startet nicht, es friert beim Pokémon-Fangen ein, es verliert das GPS-Signal, krebst mit schreckenerregender Framerate vor sich hin oder stürzt einfach ab - jeder Nutzer der App hatte schon mindestens eines dieser Probleme. Features wie das Tauschen und Kämpfen fehlen (mehr dazu später), Features wie etwa die Anzeige, welche Pokémon sich in der Nähe befinden, funktionieren nicht richtig.
Vieles ist außerdem noch unklar. Gibt es wirklich Kontinent-exklusive Pokémon? Wenn ja, welche sind das? Und wo stecken Mewto und Mew? Wann kommen die Monster der anderen Editionen dazu? Nintendo selbst scheint mit dem gigantischen Erfolg der App nicht in dieser Ausprägung gerechnet zu haben. Jetzt muss das japanische Unternehmen aber schnell die schlimmsten Probleme des Programms in den Griff bekommen, damit nicht noch mehr Spieler abspringen.
Indes wird der Hype um die App sicherlich Nachahmer motivieren und das Thema Augmented Reality stärker in den Mittelpunkt rücken. Wie ihr in den Kästen lesen könnt, treibt das Phänomen weltweit schon teilweise arg seltsame Blüten - mal sehen, was da noch auf Smartphone-Besitzer und Pokémon-Jäger zukommt.
