Metal Gear Solid im Retro-Rückblick - Seite 7: Was hat das alles zu bedeuten?
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Atomwaffen, Filmmonster und ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft: Bevor wir in den Sonnenaufgang düsen, müssen wir über die großen Themen hinter Metal Gear Solid sprechen.
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Väter, Filme und Atomwaffen
Den übergeordneten Themen, die Metal Gear Solid behandelt, ist Kojimas Handschrift deutlich anzusehen, sobald man seine Hintergründe kennt. Der Game Director verlor mit nur 13 Jahren seinen Vater; ein Einschnitt in seinem Leben, der ihn noch lange beschäftigen würde.
Wie ihr nun wisst, hat Kojimas Vater ihm nicht nur eine Leidenschaft für den Film vermittelt, sondern ihn im Zuge dessen auch schon früh mit weltpolitischen und geschichtlichen Themen konfrontiert. Und alles davon spiegelt sich im Spiel wider.
Sowohl der Protagonist als auch der Antagonist von Metal Gear Solid, also Solid und Liquid Snake, sind Figuren, die vom Vermächtnis ihres Vaters Big Boss eingeholt werden. Beide entstammen einem geheimen Regierungsprogramm namens "Les Enfants Terribles", bei dem die Gene des legendären Soldaten genutzt wurden, um eine neue Generation von ultimativen Kämpfern heranzuzüchten.
Und während Solid Snake am Ende bereit ist, seine Ursprünge hinter sich zu lassen und für sich selbst zu leben, ist Liquid gerade deswegen der Bösewicht, weil er das nicht schafft. Liquid ist besessen von Big Boss, von der Welt des endlosen Kriegs, die ihn hervorbrachte, und vor allem vom Gedanken, dass er die schwächeren Gene seines Vaters geerbt hat.
Quelle: PC Games
Neben Revolver Ocelot ist Liquid wohl der einprägsamste Bösewicht der Reihe, was neben seiner Vertonung auch an den etlichen Auftritten liegt, die ihm spendiert werden. Sein Verhältnis zu Big Boss wird etwa in MGS5 näher beleuchtet.
In Wahrheit ist Liquid der genetisch stärkere Nachkomme, aber weil er sich wie Big Boss nur in Kampf und Krieg beweisen will, geht er letztendlich trotzdem an seinen Genen zu Grunde. Solid Snake lebt weiter, indem er es schafft, andere Prioritäten zu setzen, den Vater loszulassen und sein eigener Mensch zu werden.
Die Botschaft der Geschichte ist genauso simpel wie richtig: Wir werden nicht dadurch definiert, was uns von unseren Vorfahren in die Wiege gelegt wurde, sondern dadurch, was wir selbst im Verlauf unseres Lebens daraus machen. Der Anfang muss nicht das Ende bestimmen.
Darüber hinaus vermittelt Metal Gear Solid eine kritische Haltung gegenüber dem Krieg und nuklearer Aufrüstung. Beides sind für das Spiel keine legitimen Mittel, um Konflikte zwischen Nationen zu lösen oder ihnen zuvorzukommen, ganz im Gegenteil.
Es sind Instrumente für die Reichen und Mächtigen, um noch reicher und mächtiger zu werden, und das gilt für die "Guten", also die USA, genauso wie für die "Bösen", also alle, die auch mächtig, aber zufällig nicht die USA sind.
Die Arbeiter in den Reihen dieser Mächte, darunter auch Solid Snake, sind nichts als Werkzeuge, die erst belogen, dann benutzt und schließlich weggeworfen werden. Der militärisch-industrielle Komplex ist zuallererst eine Geldmaschine, und daher kann er auch keinen Frieden wollen, weil der nun mal nicht lukrativ wäre.
Quelle: PC Games
Die Reihe beschäftigt sich oft mit staatlicher Kontrolle und Manipulation, und diese Staaten nutzen gerne Atomwaffen als Argumentationsverstärker.
Auf der Gameplay-Ebene äußert sich das Motiv darin, dass ein ausgelöster Kampf nicht durch weiteres Kämpfen beendet wird, da uns dann eine endlose Menge an Soldaten auf die Pelle rückt. Und natürlich darin, dass es Schleichspiele sind, in denen der Kampf die letzte und meistens schlechteste Option ist.
MGS1 lässt, im Gegensatz zu seinen Nachfolgern, noch keinen hundertprozentig pazifistischen Durchgang zu, aber wer effizient spielen und am Schluss die beste Bewertung erhalten will, muss seine Kills trotzdem auf ein Minimum beschränken.
Im Zentrum fast jedes Metal-Gear-Spiels steht dann noch der namensgebende Kampfroboter, meistens mit Atomwaffen ausgestattet, meistens unter dem Vorwand der nuklearen Abschreckung von Feinden gebaut, aber insgeheim doch als Angriffswaffe gedacht.
Im Hintergrund der Story droht die totale Vernichtung, und es wird klar, dass die nur mit gleichzeitiger und vollständiger Abrüstung aller Beteiligten abgewendet werden kann, nicht mit mehr oder besseren Waffen.
Am Ende von Metal Gear Solid wird uns mit einer Texteinblendung gezeigt, wie die USA und Russland in der realen Welt daran gescheitert sind, ihre Atomwaffenbestände nach dem Kalten Krieg im vereinbarten Maße zu verkleinern. Im Erscheinungsjahr des Spiels befanden sich immer noch etwa 26.000 Atomsprengköpfe in den Arsenalen der Welt, 27 Jahre später sind wir bei knapp über 12.000 angekommen.
Waffen, die zwar zahlenmäßig weniger geworden sind, aber gleichzeitig auch moderner, vernichtender und schwerer abzuwehren. Die heutige Menge an verfügbaren Nuklearsprengköpfen würde theoretisch immer noch reichen, um jeden einzelnen Menschen auf der Erde zu töten, und zwar mehr als einmal.
Mit der Erfindung der Atombombe haben wir uns in eine Pattsituation manövriert, aus der wir in absehbarer Zeit nicht herauskommen werden. Nach dem Kalten Krieg kehrte zwar Frieden zwischen den Supermächten ein, aber es ist ein Friede, der zum Teil immer noch von nuklearer Abschreckung getragen wird. Abschreckung, die nur funktioniert, solange alle Seiten die gleichen Atomwaffen-Kapazitäten besitzen - zumindest, wenn es nach Metal Gear Solid geht.
Quelle: PC Games
Sind es staatliche oder private Interessen, die zu verheerenden Konflikten führen? Die Grenze verschwimmt bei Metal Gear Solid ähnlich oft wie in der Realität.
Am Ende der Geschichte ist Metal Gear REX nämlich außer Gefecht und von Shadow Moses geht keine nukleare Gefahr mehr aus. Diesen Moment möchte der US-Verteidigungsminister aber direkt ausnutzen, um einen Atomschlag auf Shadow Moses durchzuführen, der nur noch knapp vereitelt werden kann.
Daraus lässt sich eine Botschaft ziehen: Wer keinen Vergeltungsschlag mehr befürchten muss, der ist eher gewillt, seinen Kontrahenten anzugreifen. Deswegen ist das "Gleichgewicht des Schreckens" zwar ein wackeliger Frieden, aber solange nicht alle Atommächte bereit sind, gleichzeitig die Waffen niederzulegen, ist es wohl auch der einzige, den wir erreichen können. Diese Haltung wurde in späteren Metal Gear Solids noch weiter ausgebaut und mit Teil 5 sogar als Spielmechanik in den Online-Modus integriert.
Das nukleare Monster
Nun ist Metal Gear Solid zwar ein recht frühes, aber natürlich auch nicht das einzige Unterhaltungsmedium, das sich damit beschäftigt. Als einziges Land, das bisher mit solchen Atomwaffen angegriffen wurde, hat das Thema vor allem in Japans Kunst und Kultur einen besonderen Stellenwert.
Und knapp neun Jahre nach Hiroshima und Nagasaki betrat das berühmteste Filmmonster der Welt zum ersten Mal Japans Kinoleinwände: Godzilla. In ihrem ersten Auftritt aus dem Jahr 1954 ist die Echse die personifizierte Atombombe - unaufhaltsam, böse, und von Feuer und massenhafter Zerstörung begleitet. Eine Warnung an die Menschheit, dass das Hantieren mit solchen Mächten nichts Gutes bringen kann.
Wenn wir an Godzilla denken, dann haben wir neben seiner bedrohlich auf Tokio zustampfenden Silhouette vor allem eines im Kopf: sein Brüllen. Ein Brüllen, das wir in einer verdächtig ähnlichen Form auch hören, wenn wir am Ende von Metal Gear Solid den Raketenwerfer zücken, um Metal Gear REX zu verschrotten. Wie einer der bekanntesten Filme Japans setzt auch MGS ein schreiendes, riesiges Monster ein, um unmissverständlich klarzumachen, dass mit dieser Technologie nicht zu spaßen ist.
Und, so realistisch müssen wir sein, zu einem großen Teil wahrscheinlich auch deswegen, weil es cool aussieht und sich hervorragend als Endboss für ein Videospiel eignet. Die kindliche Begeisterung für das Medium ist aus den Werken von Kojima und seinen Teams nämlich genauso wenig wegzudenken wie ihre bitterernsten Untertöne.
The Best Is Yet To Come
Letztendlich war es aber sicher die Kombination all seiner Bestandteile, die Metal Gear Solid zu seinem riesigen Erfolg und mindestens sieben Millionen verkauften Einheiten verholfen hat: Die ambitionierte, komplexe Story, das für die meisten Spieler völlig neue Gameplay, die filmreife Inszenierung und die vielen denkwürdigen Momente, egal, ob sie nun albern oder ernst sind.
Klar, nicht jedem gefielen die ständigen Unterbrechungen durch Zwischensequenzen und bei so manchem Spieler löst das Klingeln des Codecs vermutlich immer noch Hassgefühle aus. Zudem ist MGS eins der ersten prominenten Spiele, das sich den Vorwurf gefallen lassen musste, insgeheim eher ein Film zu sein.
Bedenkt man allerdings, wie sehr sich Triple-A-Spiele in den Jahren und Jahrzehnten nach Metal Gear Solid dem Kino angenähert haben, kann man Snakes erstes 3D-Abenteuer wohl als die Blaupause für interaktive Blockbuster bezeichnen.
Quelle: PC Games
Es würde nicht lange dauern, bis Fans Solid Snake zum nächsten Mal auf der Pixel-Leinwand erleben durften - aber ganz anders, als sie es erwartet hatten.
Ein Blockbuster, der vor allem Kreativkopf Hideo Kojima zu einem der wenigen, echten Stars der Videospielindustrie machte und für viele Jahre sicherstellte, dass er sich bei Konami austoben durfte. Zumindest, solange er das im Metal-Gear-Universum tat.
Ein Jahr nach dem ursprünglichen Release in Japan folgte die Integral-Version, deren 300 Missionen starke Bonus-Disc bei uns als Metal Gear Solid: Special Missions erschien. Dort dürfen wir ganz ohne Cutscenes und Codec-Dialoge in unzähligen Szenarien unser Können unter Beweis stellen.
Wer energisch genug ist, alle 300 Missionen abzuschließen, der bekommt am Ende seiner Strapazen ein ganz besonderes Artwork zu Gesicht - eine frühe Konzeptzeichnung von Metal Gear RAY, dem Kampfroboter in Kojimas nächstem großen Wurf: Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty.
Aber der legendäre Nachfolger ist eine Büchse der Pandora, die wir fürs Erste lieber versiegelt lassen, genau wie das Gamecube-Remake von MGS1, das Jahre später mit der Engine von Teil 2 erstellt wurde. Wie ihr seht, lässt sich nämlich schon zu einem einzigen Metal-Gear-Teil außerordentlich viel erzählen, und das auch ohne jeden Pixel und jede einzelne Dialogzeile zu analysieren.
Es ist offensichtlich, wie viel Mühe und kreative Energie in das Spiel geflossen sind. Weil es fast in jeder Szene Hintergründe zu beleuchten und Fußnoten zu setzen gibt, und weil die hohen Ambitionen damals wie heute durch die pixelige PS1-Optik durchscheinen.
Wir hatten jedenfalls auch 27 Jahre später noch einen Riesenspaß dabei, uns durch Metal Gear Solid und seine schier endlose Menge an Trivia zu wühlen. Es ist genauso eine Zeitkapsel wie es ein Wegweiser in die Spielezukunft ist, es ist ein Genrepionier, ein faszinierender Blick in die Köpfe seiner Macher, eine endlose Quelle an Memes und ein Meisterwerk.
Quelle: PC Games
Selbst, wenn wir seinen Geist aus diesem In-Game-Foto tilgen: Kojimas Mix aus Genie und Wahnsinn ist aus MGS nicht wegzudenken. Und wir würden es auch gar nicht anders haben wollen.
Vor allem ist es der Durchbruch einer Reihe, die in ihrer langen und turbulenten Geschichte immer wieder Messlatten höher gelegt und die Spieleindustrie so viel interessanter gemacht hat. Sei es wegen ihres ungefilterten Wahnsinns, ihrer innovativen Ideen oder der unzähligen legendären Szenen, die sie hervorgebracht hat.
Wer weiß, vielleicht führt Konamis neugewonnenes Interesse an seinen Kultmarken irgendwann dazu, dass wir ein modernes Remake dieses Klassikers bekommen. Eines, das den Geist des Originals genauso beibehält, wie es Metal Gear Solid Delta: Snake Eater geschafft hat.
Bis es vielleicht so weit ist, können wir allen nostalgisch veranlagten Spielern nur raten, sich eine der vielen Versionen von Snakes erstem 3D-Abenteuer zu besorgen und den Trip in die Vergangenheit zu wagen. Ihr werdet hier und da fluchen, das Klingeln des Codecs fürchten lernen und ganz bestimmt auch mal unfreiwillig lachen. Aber ihr werdet auch verstehen, warum dieses Spiel damals Maßstäbe gesetzt hat.
Bleibt uns zum Schluss eigentlich nur noch eines zu sagen: Danke für deinen Einsatz, Snake. You're pretty good.
Und wenn ihr bis hierhin gelesen habt, dann bedanken wir uns auch ganz herzlich bei euch! Wir hoffen, euch hat unser Streifzug durch Solid Snakes erstes 3D-Abenteuer gefallen und ihr konntet ein bisschen Metal-Gear-Trivia mitnehmen, mit der ihr beim nächsten Party-Smalltalk Eindruck schinden könnt. Steht euch der Sinn nach noch mehr Nostalgie im XXL-Format? Dann schaut gerne in unser Retro-Special zum legendären Ego-Shooter Doom, wagt eine Reise durch die wilde Geschichte der Ladebildschirme oder lest über den Aufstieg und Fall der Westwood Studios.
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