Metal Gear Solid im Retro-Rückblick - Seite 5: Das legendäre Ausrufezeichen und ein kontroverses Titellied

Special Stefan Wilhelm
Metal Gear Solid im Retro-Rückblick - Seite 5: Das legendäre Ausrufezeichen und ein kontroverses Titellied
Quelle: Konami / Yoji Shinkawa, Montage: PC Games

Na, versetzt euch das Ausrufezeichen auf unserem Titelbild direkt in Alarmbereitschaft? Wir klären, warum das passieren könnte, und beleuchten den skurrilen Hintergrund zur MGS-Titelmelodie.

Wissen ist Macht

Den massiven Redebedarf der Charaktere auszunutzen ist ohnehin ein guter Weg, um mit Metal Gear Solids kreativen Herausforderungen fertigzuwerden. Die hören bei Psycho Mantis und den vielen Puzzles in der Basis noch lange nicht auf. Auch alle anderen Bosse verlangen mal mehr, mal weniger spezielle Taktiken, denn die Kämpfe sind stark um die Besonderheiten der FOXHOUND-Agenten herum designt.

Mit der kurdischen Meister-Scharfschützin Sniper Wolf liefert sich Snake etwa wenig überraschend einen Schusswechsel auf weite Distanz. Da sind neben den vorhin erwähnten Beruhigungsmitteln auch gute Nerven am Controller gefragt.

Wegen Metal Gear Solids halbgarer Analogstick-Unterstützung ist das Zielen mit dem Scharfschützengewehr nämlich ein einziger Krampf. Wer auf das ehrenvolle Duell pfeift, etwas Köpfchen einsetzt und den Lenkraketenwerfer auspackt, hat es deutlich leichter.

Metal Gear Solid ist auch dann noch ein großer Spaß, wenn ihr es heute zum ersten Mal erlebt. Das Scharfschützengewehr bedient sich nach heutigen Maßstäben allerdings mehr als grausam. Quelle: PC Games Metal Gear Solid ist auch dann noch ein großer Spaß, wenn ihr es heute zum ersten Mal erlebt. Das Scharfschützengewehr bedient sich nach heutigen Maßstäben allerdings mehr als grausam. Anders verhält es sich mit Gray Fox, dem Cyborg-Ninja. Hier lässt Snake die Waffen lieber stecken und duelliert sich im Nahkampf mit seinem alten Freund, so, wie der es immer haben wollte. Dann wird das wilde Gefecht auch kontrollierbarer.

Der Inuit-Schamane Vulcan Raven kommt zuerst im Panzer und dann mit einer Gatling-Gun angestürmt und es gilt in beiden Fällen, sich geschickt um den Hünen herumzuschlängeln und die richtigen Waffen einzusetzen, damit Snake nicht im Kugelhagel untergeht.

Besonders eindrucksvoll ist natürlich der Kampf gegen Metal Gear REX, das stählerne Atom-Monster im Zentrum des ganzen Einsatzes. Hier kommt es auf genaue Positionierung und flotte Waffenwechsel an, denn wie bei fast allen anderen Gegnern ist es auch bei REX relativ leicht möglich, sein Verhalten zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Auf höheren Schwierigkeitsgraden wird das immer wichtiger.

Der Stinger-Raketenwerfer und etwas kluge Beinarbeit haben noch jeden Metal Gear kleinkriegt. Quelle: PC Games Der Stinger-Raketenwerfer und etwas kluge Beinarbeit haben noch jeden Metal Gear kleinkriegt. Metal Gear Solid ist ein Spiel, das Wissen mehr belohnt als alles andere. Haben wir einmal gelernt, wo die wichtigen Items liegen und wie man Fallen und Gegner aushebelt, gibt es nur noch wenige Stellen, die im klassischen Sinne fordernd sind. Während des ersten Durchgangs passiert das allerdings noch nicht, dafür sind die Aufgaben und Kämpfe zu abwechslungsreich.

(!) Interpunktion, die man hört

Was sich dagegen schon in den ersten paar Räumen ins Gedächtnis brennt, ist das absolut kultige Sounddesign des Spiels. Selbst, wenn ihr noch nie etwas mit Metal Gear am Hut hattet, können wir fast garantieren, dass ihr zumindest seine Soundeffekte schon einmal gehört habt.

Wird Snake beim Herumschleichen entdeckt, wird uns das auch unmissverständlich klargemacht. Das Radar wird blockiert, alle Feinde in der Umgebung stürmen zu uns und eröffnen das Feuer. Aber zuallererst hören wir, dass wir den Einsatz gerade vermasselt haben, und zwar durch den ikonischen, schrillen Alarmsound.

Der hat sich über die vielen Spiele, in denen er zum Einsatz kommt, zum Markenzeichen der Reihe gemausert - oder genauer gesagt zu einer Hälfte des Markenzeichens. Dazu gehört nämlich auch das rote Ausrufezeichen, das über dem Kopf einer Wache aufleuchtet, sobald sie uns ertappt. Beides ist längst zum Meme geworden, das sich weit über die Grenzen der Fanbase hinaus verbreitet hat.

Vermutlich ist der Fragezeichen-Block in Super Mario das berühmtere Gaming-Satzzeichen, aber direkt danach kommt das rote Ausrufezeichen von Metal Gear Solid. Quelle: PC Games Vermutlich ist der Fragezeichen-Block in Super Mario das berühmtere Gaming-Satzzeichen, aber direkt danach kommt das rote Ausrufezeichen von Metal Gear Solid. Kojima selbst erklärte in einem frühen Interview, dass seine Vorgesetzten bei Konami sogar erst dann vom Konzept des ersten Metal Gear überzeugt waren, als sie das Ausrufezeichen über den Köpfen der Gegner sahen.

Zuvor hatte der aufstrebende Game Director schon mehrmals über eine Kündigung nachgedacht, weil seine verschiedenen Pläne für das Spiel immer wieder von oben abgesägt wurden. Bis zu dieser schicksalhaften Präsentation, mit diesem unscheinbaren HUD-Element.

Ob das wirklich so passiert ist oder Kojima die Geschichte rückblickend etwas ausschmückt, wissen wir zwar nicht, aber es ist zumindest gut vorstellbar, dass Kojimas Vorgesetzte in dem Moment das Potenzial des neuen Gameplays erkannten, als sie zum ersten Mal entdeckt wurden.

Gesehen zu werden bedeutet bei Metal Gear nämlich nicht das Game Over, sondern es ist der Übergang von einer langsamen, taktischen Spielphase in eine schnelle, chaotische. Vielleicht war es genau diese dynamische Veränderung des Gameplays, veranschaulicht durch das rote Ausrufezeichen, die Konami letztendlich vom Projekt überzeugt hat. Das wäre zumindest unsere Erklärung für Kojimas Aussage.

Bis heute gibt es jedenfalls nur wenige Spielereihen, die Soundeffekte und Icons mit einem solchen Wiedererkennungswert hervorgebracht haben. Und wo wir schon bei Wiedererkennen sind: Wie sich die Wachen in MGS1 zu Snakes Aktionen äußern, hat auch einen Trend losgetreten, der bis heute sinnbildlich für Stealth-Games steht.

Was war das für ein Geräusch? Läuft Snake durch eine Pfütze, werden die Wachen hellhörig, und das teilen sie uns auch zuverlässig mit. Quelle: PC Games Was war das für ein Geräusch? Läuft Snake durch eine Pfütze, werden die Wachen hellhörig, und das teilen sie uns auch zuverlässig mit. Die Kollegen haben nämlich ein paar vertonte Sätze auf Lager, mit denen sie uns immersiv ihren Alarmstatus mitteilen können. Hören wir sowas wie "Was war das für ein Geräusch?" oder "Wessen Fußspuren sind das?", wissen wir dadurch auch ohne Einblendungen, dass wir schnellstens die Position wechseln und auf nahende Gegner achten sollten. Ein Funkspruch, der den Soldaten die Rückkehr zur Patrouille befiehlt, kündigt uns dagegen das Ende einer Alarmphase an.

Metal Gear Solid ist das erste prominente Schleichspiel, bei dem die Gegner Sprachausgabe nutzen, um dynamisch auf unser Verhalten zu reagieren, und so gut wie jeder Genrevertreter hat die Idee später übernommen. Und damit hören die Alarmphasen von MGS1 auch noch nicht auf.

Der perfekte Spielesoundtrack

Während wir panisch durch die Gegend laufen, um uns irgendwo heimlich den Pappkarton überzustülpen, hören wir den Alert-Soundtrack, der immer noch zuverlässig den Kampf- oder Flucht-Modus in unserem Gehirn auslöst.

Ohnehin ist die musikalische Untermalung von Metal Gear Solid ein absoluter Volltreffer. Die knapp 20 Titel lange Songliste schafft es, jede Szene des Spiels mit so viel zusätzlicher Atmosphäre aufzuladen - mal geheimnisvoll und bedrohlich, mal energiegeladen, mal melancholisch.

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Die Chöre unterstreichen die epische Breite der Story, die Electro-Einflüsse transportieren die kalte High-Tech-Stimmung des Settings. Der Soundtrack klingt so dermaßen nach Sci-Fi-Spionage mit globaler Tragweite, dass für uns überhaupt kein anderes Szenario vorstellbar ist, in dem er eingesetzt werden könnte. Besser hätten die Komponisten ihren Job nicht machen können.

Musical Espionage Action

Allerdings gibt es da eine prominente Ausnahme: Das Titelthema von Metal Gear Solid, das im Spiel selbst zwar nicht wirklich zum Einsatz kommt, sich aber später zum musikalischen Aushängeschild für die ganze Serie mausern würde.

Bis zu einem Tag, vermutlich im Jahr 2006, als publik wurde, dass das "Metal Gear Solid Main Theme" frappierende Ähnlichkeit zu einem Stück des russischen Komponisten Georgi Swiridow aufweist. Die besagte Melodie ist das Finale seines Werks "Der Schneesturm".

Und weil das Quellmaterial erst in den 1970er-Jahren geschaffen wurde, konnte sich MGS-Komponist Tappi Iwase auch nicht unbedingt auf die Gemeinfreiheit berufen. Was genau dann hinter den Kulissen bei Konami passierte, ist nicht bekannt - allerdings wurde der Moment, in dem Kojima das Stück zum ersten Mal gehört hat, auf Video festgehalten, da es ihm während eines E3-Interviews von einem russischen Spielemagazin vorgespielt wurde.

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Viel mehr als ein verdutztes Grinsen ist ihm nicht anzusehen, aber das Ganze hatte eine Konsequenz: Nachfolgende Metal-Gear-Spiele konnten das Leitmotiv nicht mehr benutzen.

Ein prägnantes Detail noch an der Stelle: Wie wir in Metal Gear Solid 3 erfahren, war es ein Russe, der das Konzept der zweibeinigen Kampfroboter ins Leben rief, nach denen die Reihe benannt ist. Da hat die Kunst also gewissermaßen das reale Leben imitiert, ohne es zu wissen.

Eingerahmt wird Metal Gear Solid aber ohnehin nicht von seinem Titelthema, sondern von einem Song, der musikalisch so gar nicht zu den anderen passen will.

"The Best is Yet to Come" ist das außergewöhnlichste Stück auf der Liste, weil es keine epische Sci-Fi-Musik ist, sondern eine ruhige Folk-Nummer mit gälischen Lyrics. Kojimas einzige Vorgabe: Er wollte ein Lied in einer ihm völlig unbekannten Sprache, daher der alt-irische Text.

Die englische Übersetzung offenbart zwar ein paar reichlich schnulzige Zeilen, aber sie passen zu den hoffnungsvollen Szenen, mit denen man uns aus dem Spiel entlässt. Bis wir auf dem Schneemobil in die Morgendämmerung düsen dürfen, muss Solid Snake aber noch so einiges über sich ergehen lassen. Auf der nächsten Seite werden wir von legendären Figuren getäuscht und betrogen, aber das finden wir gar nicht weiter schlimm, solange wir dabei David Hayters markige Stimme im Kopf haben.

  1. Seite 1 Solid Snakes MSX-Einsätze
  2. Seite 2 Kino küsst Konsole
  3. Seite 3 Synchro-Comedy und erste Schritte in Shadow Moses
  4. Seite 4 Pappkartons und vierte Wände
  5. Seite 5 Das legendäre Ausrufezeichen und ein kontroverses Titellied
  6. Seite 6 Die Solid-Snake-Konversationsmethode und legendäre Figuren
  7. Seite 7 Was hat das alles zu bedeuten?
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