Metal Gear Solid im Retro-Rückblick - Seite 6: Die Solid-Snake-Konversationsmethode und legendäre Figuren
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Was zeichnet einen Top-Agenten aus, der sich in einer Geschichte voller Verrat und wahnsinniger Figuren wiederfindet? Nun, er stellt viele Fragen. Und klingt dabei wie ein Boss.
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Der Twist im Twist im Twist
Wir rekapitulieren kurz: Snake wird in die verschneite Basis Shadow Moses geschickt, soll den Terroristen der Sons of Big Boss das Handwerk legen und zwei VIPs befreien. Zuerst den Chef der amerikanischen Militärbehörde DARPA und dann den Präsidenten der Firma, die für die Entwicklung von Metal Gear REX verantwortlich war.
Aber obwohl wir Metal Gear Solids kreative Gameplay-Aufgaben nach und nach meistern, verläuft unsere Geheimoperation auf der erzählerischen Ebene dabei alles andere als reibungslos.
Es stellt sich schnell heraus, dass wir als Solid Snake von allen Seiten getäuscht, verraten und ausgenutzt werden. Schon beim ersten Missionsziel, der Rettung des DARPA-Chefs aus seiner Zelle, ist nichts so, wie es scheint, und das zieht sich konsequent bis zum Ende durch.
Da verrät uns der Mann zuerst, dass wir es nicht, wie zuerst angenommen, mit einer normalen Atomwaffe, sondern einem Metal Gear zu tun haben, was Snake in bester Serientradition mit einem schockierten "Metal Gear?!" kommentiert.
Dann stirbt der DARPA-Chef plötzlich durch einen Virus, den Snake, ohne es zu wissen, in die Basis transportiert hat, und später stellt sich auch noch heraus, dass das gar nicht der DARPA-Chef war, sondern Decoy Octopus, einer der Sons of Big Boss! Alles von langer Hand geplant, natürlich.
Quelle: PC Games
Schon im Gespräch mit dem DARPA-Chef wird genug erzählt und gezeigt, um uns den Kopf rotieren zu lassen.
Die Terroristen sind uns scheinbar immer einen Schritt voraus, unsere Verbündeten verfolgen teils auch ihre eigene Agenda und hinter den Kulissen tun sich Verschwörungen bis in die höchsten Regierungskreise auf.
Das Motiv des Protagonisten als Spielball rätselhafter Mächte zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Reihe. Ungeachtet ihres Legendenstatus sind die verschiedenen Snakes in den Metal-Gear-Spielen, und damit auch wir, immer nur kleine Zahnräder in riesigen Getrieben der Politik und des Kriegs.
Diese Systeme sind viel zu mächtig und korrupt, als dass ein einzelner Mann mit einer schallgedämpften Pistole und einem Traum dagegen ankämpfen könnte. Aber der Versuch ist es allemal wert.
Meistens wissen wir sogar erst nach der Post-Credit-Szene, wer eigentlich die ganze Zeit am längeren Hebel saß, und Spoiler: Es sind selten die Figuren, die wir gerade noch im letzten Bosskampf besiegt haben und die ihrerseits schon zwei, drei gesalzene Twists für uns auf Lager hatten.
Wer Metal Gear Solid kennt, der weiß, was für absurde Ausmaße das ganze Tarnen und Täuschen annehmen kann und welche tiefgreifenden Themen gleichzeitig in die Geschichte eingewoben sind.
MGS1 beschäftigt sich mit Vaterkomplexen, Genetik, dem immateriellen Vermächtnis, das wir der Welt hinterlassen, den Gefahren nuklearer Aufrüstung sowie machthungrigen Regierungen und deren Helfershelfern. Und wie ihr sicher wisst, macht es das nicht nebenbei, sondern mit außerordentlich vielen Worten.
Gespräche führen wie ein (Big) Boss - mit diesem simplen Trick!
Dass wir die Geschichte in einer solchen Detailtiefe präsentiert bekommen, haben wir dabei nicht nur den Schreibern, sondern auch unserem Helden höchstpersönlich zu verdanken. Der wendet nämlich eine extrem effektive Art der Informationsbeschaffung an, die in Fachkreisen als "Solid-Snake-Konversationsmethode" bekannt ist.
Funktioniert folgendermaßen: Ihr wiederholt einfach das letzte, das euer Gesprächspartner gesagt hat, setzt aber ein Fragezeichen ans Ende und geht dabei mit eurer zigarettengestählten Badass-Stimme eine Spur höher. Kommt ihr beispielsweise mal mit jemandem ins Gespräch und er erwähnt beiläufig Metal Gear, entgegnet ihr nur "Metal Gear?!". Daraufhin wird euch die Person noch viel mehr über Metal Gear erzählen. Wahrscheinlich mehr, als ihr jemals über Metal Gear wissen wolltet.
Quelle: PC Games
Snake bei dem, was er am besten kann: schleichen und Fragen stellen.
Probiert's doch mal aus - funktioniert garantiert. Nun, zumindest, solange sich euer Gegenüber wie ein echter Kojima-Charakter verhält, was aber wohl nur auf die wenigsten echten Menschen zutrifft. Leider!
Charaktere für die Ewigkeit
Neben der filmischen Inszenierung, der komplexen Story und dem abwechslungsreichen Gameplay sind es nämlich vor allem die markigen Figuren des Spiels und ihre Interaktionen miteinander, die sich ins Gedächtnis brennen.
Für ein Spiel, das sich beim ersten Mal in sechs bis acht Stunden beenden lässt, hat Metal Gear Solid einen riesigen, tief ausgearbeiteten Cast an Charakteren, und an so gut wie jedem davon ist ein Philosoph verlorengegangen.
Der Star der Show ist natürlich Solid Snake selbst - ein Infiltrationskünstler, den man auf den ersten Blick vielleicht noch als James-Bond-Verschnitt abtun könnte, wenn er jede Frau, die nicht bei drei unterm Pappkarton sitzt, mit halb-eleganten Komplimenten beackert.
Damit würde man ihm aber Unrecht tun. Nicht nur, weil die Figur im Spielverlauf viele zusätzliche Schattierungen bekommt, sondern auch, weil Snakes englischer Synchronsprecher David Hayter die käsigen Zeilen genauso ikonisch vertont wie die ernsten.
In einem Interview mit den Kollegen von Game Informer verriet Hayter, dass die heute unverkennbare Snake-Stimme eine spontane Eingebung bei der ersten Aufnahme-Session war. Erst da erfuhr er aus dem Skript, dass er einen älteren Soldaten spielen sollte, der bereits einige Einsätze auf dem Kerbholz hat. Und wenn es eines gibt, nach dem Snake klingt, dann ist es ein volles Kerbholz. Ein volles Kerbholz und stangenweise Zigaretten.
Quelle: PC Games
Snake wird über weite Teile des Spiels als recht gefühlskalter Soldat gezeichnet, aber es bricht doch immer wieder eine menschliche, manchmal auch schrullige Seite durch.
Obwohl sich die Stimme gerade in späteren Spielen so angestrengt anhört, dass man teilweise allein vom Zuhören ein flaues Gefühl in der Halsgegend bekommt, versichert Hayter, dass es nicht wehtut, Snake zu sprechen.
Zum Glück, denn gerade durch seine markante Vertonung präsentieren sich die Dialoge des Spiels stets mit einem gewissen Augenzwinkern. Das passt perfekt zu der Mischung aus brisanten und abstrusen Dingen, über die in einem Metal Gear nun mal gesprochen wird.
Metal Gear Solid behandelt vor allem für ein Werk seiner Zeit erstaunlich komplexe Fragen, aber es ist gleichzeitig eine Welt mit Cyborg-Ninjas, brüllenden Mechs und Telepathen, die PlayStation-Controller über den Boden hüpfen lassen.
Und ob man die Spiele für diesen Mix nun besonders schätzt oder sie eher dafür belächelt, eines muss man der Reihe lassen: Man bekommt hier definitiv Dinge zu Gesicht, die man nicht vorhersehen konnte. Und man hört Dialogzeilen, die bis heute Kultstatus genießen.
Quelle: PC Games
Otacon startet hier die lange Tradition sich-in-die-Hose-pinkelnder Wissenschaftler in Metal Gear Solid.
"Das ist ja wie einer meiner japanischen Animes!" ist eine dieser legendären Zeilen, ausgesprochen von Snakes langjährigem besten Freund Hal Emmerich, Codename: Otacon. Und wenn ihr MGS gespielt habt, dann wisst ihr, dass das für "Otaku Convention" steht. Vielleicht hat euer Gehirn damals den Geburtstag eines Verwandten vergessen, um diese Information zu speichern, aber ent-wissen könnt ihr sie garantiert nicht mehr.
Obwohl es schwerfällt, sich beim ersten Treffen nicht fremdzuschämen, ist auch Otacon so gelungen vertont, dass wir ihm den späteren Wandel zum kompetenten Wissenschaftler-Sidekick abkaufen. Und immerhin liefert seine Begeisterung für die japanische Popkultur auch eine Erklärung dafür, warum er der Chefingenieur hinter Metal Gear REX ist: Als großer Fan von Mecha-Animes lag es für ihn schlichtweg nahe, auch beruflich an riesigen Robotern zu arbeiten.
Quelle: PC Games
"Revolver Ocelot." - Revolver Ocelot, 1998
Revolver Ocelot feiert in Metal Gear Solid ebenfalls seinen ersten von vielen ikonischen Auftritten. Der Mann mit dem großen Eisen an der Hüfte ist gleichzeitig ein wandelndes Meme und eine der cleversten Figuren in der Story. Hinter Cowboymantel und rotierenden Colts verbirgt sich ein Triple-Agent, der immer sämtliche Fäden in der Hand hält und meistens dafür zuständig ist, uns die wildesten aller Plot-Twists um die Ohren zu hauen.
Wie, es gibt noch einen Snake? Und er ist der Präsident der USA? Und er heißt ernsthaft Solidus? In der Tat, werter Spieler. Und diese Information wird Ihnen präsentiert von einem Schnauzbartzwirbler, der Ihnen vor wenigen Stunden noch erklärt hat, dass Sie die Kreistaste hämmern müssen, um seine Folter zu überleben.
Das schmerzhafte Button-Mashing lohnt sich vor allem, wenn wir das kanonische Ende von Metal Gear Solid sehen wollen, in dem Snake es schafft, die ehemalige FOXHOUND-Agentin Meryl lebendig aus Shadow Moses mitzunehmen. Damit sie überlebt, darf Snake nicht aufgeben, während er von Ocelot gefoltert wird.
Im typischen Kojima-Stil triefen die frühen Szenen mit Meryl vor Fan-Service. Wir müssen sie zum Beispiel irgendwann als Soldatin verkleidet in einer Gruppe von Feinden erspähen. Das schaffen wir, indem uns ihre Bewegungsmuster ansehen, die wegen ihres, Zitat, "großartigen Hinterns" etwas anders aussehen als die des männlichen Wachpersonals. Aber auch sie entwickelt sich im Spielverlauf zu einer voll ausgeschriebenen Figur mit einem festen und wichtigen Platz in der Saga.
Das gilt ebenso für viele Nebencharaktere, selbst die, von denen man es nicht erwarten würde: Datenexpertin Mei Ling ist zum Beispiel eigentlich nur dafür zuständig, über den Codec unser Spiel zu speichern, aber Metal-Gear-typisch ist sogar das Speichermenü eine eigene Figur und hat eine Rolle in der übergeordneten Story.
Quelle: PC Games
Spielt ihr die amerikanische NTSC-Version für eine höhere Bildrate, trägt Johnny in dieser Szene eine Unterhose, statt sich nackt und verpixelt zu präsentieren.
Auch die Wache Johnny, dem wir während des Abenteuers öfters in unvorteilhaften Situationen begegnen, ist ein bleibender Teil des Metal-Gear-Casts. Johnny taucht in mehreren Spielen auf, und sein definierendes Merkmal sind dabei immer seine Verdauungsprobleme.
In Metal Gear Solid 1 und 3 brechen wir aus einem Gefängnis aus, in beiden Spielen werden wir dabei von einem Johnny bewacht, und in beiden Spielen stürmt dieser Johnny irgendwann mit grummelndem Magen in Richtung des nächsten Porzellanthrons.
Und die Schreiber haben es sich nicht nehmen lassen, die Durchfall-Dynastie der Johnnys über die Jahre hinweg immer weiter auszuschmücken, bis sich einer davon in Metal Gear Solid 4 sogar zur wichtigen Nebenfigur mausern konnte.
Wie die Quatsch-Charaktere bringen natürlich auch sämtliche Bossgegner ausführliche Hintergrundgeschichten mit, die sie uns in langen Sequenzen quasi "auf dem Sterbebett" mitteilen, und keine davon existiert in einem Vakuum.
Für ein Actionspiel von 1998 ist das bemerkenswert, und auch, wenn die Dialoge nicht immer elegant genug geschrieben sind, um die wirklich großen Gefühle auszulösen, macht sich die Mühe bezahlt.
Es bleibt nämlich der Eindruck eines komplexen Sci-Fi-Universums, in dem alles und jeder miteinander verbunden ist. Eines, das so gut wie immer eine Erklärung parat hat, so abstrus und kompliziert sie teils auch sein mag. Und eines, bei dem die witzigen Bestandteile genauso ausgearbeitet sind wie die ernsten. Auf der nächsten Seite beleuchten wir die brisanten Themen hinter Metal Gear Solids Irrsinn und klären, was Metal Gear mit einem der berühmtesten japanischen Filme verbindet.
- Seite 1 Solid Snakes MSX-Einsätze
- Seite 2 Kino küsst Konsole
- Seite 3 Synchro-Comedy und erste Schritte in Shadow Moses
- Seite 4 Pappkartons und vierte Wände
- Seite 5 Das legendäre Ausrufezeichen und ein kontroverses Titellied
- Seite 6 Die Solid-Snake-Konversationsmethode und legendäre Figuren
- Seite 7 Was hat das alles zu bedeuten?
