Star Trek: The Motion Picture - ein perfekter, unperfekter Film

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek: The Motion Picture - ein perfekter, unperfekter Film
Quelle: Copyright © 2022 Paramount Pictures. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved

Unser Autor Sebastian Göttling ergründet die turbulente Entstehungsgeschichte des ersten Star-Trek-Kinofilms, der nach 43 Jahren vielleicht endlich fertiggestellt wurde.

Der Nikolaustag 1979, Washington D.C. Regie-Legende Robert Wise, 65, frisch aus Los Angeles eingeflogen, erreicht das K-B MacArthur Theater zur Weltpremiere seines neuen Films. Es ist gut, dass Wise da ist, denn die Filmrollen hat er im Handgepäck. In letzter Minute sind sie fertig geworden, obwohl von fertig eigentlich nicht die Rede sein kann. Gerne noch hätte Wise länger an dem Film gearbeitet, aber am Ende ging schlichtweg die Zeit aus. Es war dermaßen knapp, dass die Abzüge noch feucht waren, als Wise abreiste. Der Stress der letzten Monate sitzt ihm in den Knochen, er ist mit dem Ergebnis nicht zufrieden und er betritt das prachtvolle Art-Deco-Kino mit gemischten Gefühlen.

Tausende Fans werden zur Premiere erwartet, aber es regnete den ganzen Tag über und seit dem späten Nachmittag senkt sich zudem dichter Nebel auf die US-Hauptstadt. Deswegen kommen nur 300 Fans. Alles nicht gerade zuträglich für Wises eh schon gedämpfte Stimmung. Der Film, um den es heute Abend geht, ist das Leinwanddebüt einer Science-Fiction-Serie aus den späten Sechzigern und nennt sich "Star Trek: The Motion Picture", zu Deutsch "Star Trek: Der Film". Ein unfertiger Film, von dem vieles abhängt: Die Reputation des Regie-Meisters, die Zukunft eines altehrwürdigen Hollywood-Studios und ein ganzes Franchise, das zu dem Zeitpunkt noch keines ist.

Offenbarung auf VHS

Jahre später. Wir schreiben das Jahr 1994, genauer gesagt den zweiten Tag der Sommerferien in NRW. Der erste richtig warme Tag eines Sommers, von dem man Ende August 1994 sagen würde, er sei der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. An einem Tag wie diesem geht man ins Freibad!
Oder aber man macht es wie ich. Statt Badespaß lasse ich im elterlichen Wohnzimmer die Jalousien herunter, schaffe eine angenehm-kühle Kinoatmosphäre und lege eine der Star-Trek-VHS-Kassetten ein, die mir der Comicladen meines Vertrauens am Vortag zugeschickt hat. Denn nicht nur der Sommer ist heiß, auch meine Star-Trek-Liebe lodert seit drei Jahren. Bei dem Video handelt es sich um die britische VHS von "Star Trek: The Motion Picture".
1979 nach zehn Jahren wieder vor der Kamera: Die Crew der Enterprise<br> &nbsp; Quelle: Copyright © 2022 Paramount Pictures. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved 1979 nach zehn Jahren wieder vor der Kamera: Die Crew der Enterprise
 
Ein Film, der seit seinem Erscheinen vor damals knapp 15 Jahren von Fans mit genauso gemischten Gefühlen aufgenommen wird, wie sie der Regisseur am Premierentag hatte. Was ich an diesem Tag schaue, ist aber nicht die unfertige Fassung des Films von 1979, es ist eine ebenso unfertige von 1983. Das Videocover nennt diese Fassung "Special Collector's Edition with Additional Footage". Doch mehr dazu später.

Das Wohnzimmer ist dunkel und auch die ersten Minuten des Films sind dunkel, denn bei schwarzem Bildschirm ist als Einstimmung eine orchestrale Ouvertüre zu hören. (Übrigens: Neben "Das schwarze Loch" von Disney, ebenfalls aus dem Dezember 1979, die letzte Ouvertüre ihrer Art.) Hell wird es für die nächsten knapp zweieinhalb Stunden nicht, denn der Film ist voll finstrem Zauber. Obwohl er gewaltige Raumschiffe und noch gewaltigere Weltraumphänomene zeigt, ist der Film auf wohlige Art klaustrophobisch.

Pastellene Farben und Licht - oder die Abwesenheit von Licht - wirken wie eine stickig-dunkle Diskothek der Spätsiebziger. Rauschvolle Bilder, noch rauschvollere Musik, eine Atmosphäre von gemütlicher Unendlichkeit - die Unendlichkeit der Sommerferien und auch des Universums. Die Handlung tritt bei dieser psychedelischen Reise mitunter in den Hintergrund, aber das alles ist für mich bei diesem Fest für die Sinne zweitrangig.

Ich verliebe mich an diesem Tag in das Gefühl, das dieser Film in mir erweckt. Im Laufe der nächsten 28 Jahre sollte "Star Trek: The Motion Picture" zu meinem ganz persönlichen Herzensfilm wachsen. Meiner Liebe gegenüber steht aber ein Stigma, denn für viele gilt der Film als eine der schwächeren Star-Trek-Geschichten.

Und das nicht einmal zu Unrecht, denn es gibt sehr viele Punkte, die gegen den Film sprechen. Um das zu ergründen, muss ich euch aber die Entstehungsgeschichte erzählen. Keine Sorge, sie ist spannender als die meisten Krimis.

Mr. Spock und seine Fans sind unzufrieden

Zurück zum Nikolaustag 1979. Die Filmpremiere ist gelaufen und Leonard Nimoy, der Darsteller des Mr. Spock, ist mächtig sauer. Um den Grund für diese Wut zu schildern, folgt eine knappe Inhaltsangabe von "Star Trek: The Motion Picture". (Spoiler-Warnung.) Ein paar Jahre nach der legendären Fünf-Jahres-Mission ist die Crew des Raumschiffes Enterprise in alle Winde zerstreut. Doch eine gewaltige Wolke mit zerstörerischer Kraft steuert auf die Erde zu und muss aufgehalten werden.

Die Enterprise ist wie so oft das einzige Schiff in Reichweite. Ex-Captain Kirk, mittlerweile Admiral, entreißt dem eigentlichen Captain Will Decker das Kommando der frisch renovierten Enterprise, versammelt nach und nach alle alten Reckinnen und Recken wieder um sich und dringt in die Energiewolke vor, die sich selbst V'Ger nennt. Am Ende entpuppt sich eine alte NASA-Sonde, die von mysteriösen Maschinenwesen weiterentwickelt wurde, als Herzstück des nebulösen Widersachers.

Spock nimmt mit der Sonde telepathischen Kontakt auf und spürt dort nichts außer einer eiskalt logischen Maschinenseele. Also entledigt man sich der beiden "Gastcharaktere" des Films, besagtem Decker und der Navigatorin Ilia, die mit der Sonde verschmelzen, ihr so eine menschliche Komponente hinzufügen und inmitten einer galaktischen Lightshow in neue Bewusstseinssphären entschweben. Ende.

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