Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten.
Quelle: Paramount

In unserer großen Reihe zu Star Trek TNG steht Staffel 4 an, und Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling verrät, was diese Season ganz besonders machte. Teil 1!

Und als wäre das noch nicht schlimm genug, meinte Roddenberry außerdem: "Diese Geschichte enthält weder Gefahr noch Weltraum-Action. Das ist kein Star Trek!" Ein Ausruf, wie ihn auch heutzutage der toxische Fandom noch regelmäßig verwendet, nicht nur bei Star Trek, sondern auch bei Star Wars und anderen großen Franchises. Selbst die Schöpfer dieser Universen sind nicht frei von solchen Entgleisungen.

Nachdem sich Rick Berman, Michael Piller und Ronald D. Moore in Roddenberrys Büro dessen aufgebrachte Gardinenpredigt anhören durften, wurde der Jungautor von seinen beiden Vorgesetzten aus dem Raum geschickt, mit den Worten: "Ron, geh mal lieber, wir klären das mit Gene." Was auch immer sich dort hinter verschlossenen Türen ereignete, wir werden es womöglich nie erfahren. Fest steht nur, als Berman und Piller einige Zeit später wieder herauskamen, meinten sie zu Moore: "Du musst dir keine Sorgen machen, wir haben das geregelt. Setz dich wieder ans Drehbuch."

Weil der Schreibprozess für diese emotional und charakterlich ungewohnt tiefgehende Episode deutlich mehr Zeit brauchte als eine Wald-und-Wiesen-Star-Trek-Folge, verschaffte man Ronald D. Moore großzügigen Vorlauf, indem zuerst die dritte und vierte Episode der Staffel gedreht wurden.

Dadurch, dass Family als vierte Episode gefilmt, jedoch als zweite ausgestrahlt wurde, wurde der Zeitraum für die Post Production dramatisch verkürzt. Anstelle der üblichen zwei Monate standen hier nur vier Wochen zur Verfügung, was jedoch aufgrund der vergleichsweise geringen Anzahl an Spezialeffekten - ein Matte-Painting des Weinguts mit einer futuristischen Siedlung am Horizont sowie die Enterprise-D zur Reparatur im Trockendock - möglich wurde.

Und, Funfact: Von den 178 Episoden von Star Trek: The Next Generation ist Family die einzige, in welcher der Androide Data nicht einen einzigen Moment lang vorkommt.

Mit dieser Episode war den Machern der Next Generation ein Zaubertrick gelungen, den ich als Teenager zwar einigermaßen okay fand, aber erst jetzt als Erwachsener wirklich zu schätzen weiß.

Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten. Quelle: Paramount Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten. Mit dieser Familien-Episode, die sich durchaus den Vorwurf der Seifenoper gefallen lassen muss, wenngleich sie deutlich besser geschrieben und gespielt ist, werden die Charaktere, allen voran der überperfekte Captain, verletzlicher, dadurch menschlicher und schließlich authentischer.

Ein Kniff, der schon in den Star-Trek-Kinofilmen vor allem mit Jim Kirk gelungen war und den man nun gekonnt wiederholte. Für Fernseh-Star-Trek ein völliges Novum, das sich damals wie heute frisch anfühlt.

Im Produktionsteam war man ebenso zufrieden mit dieser Leistung wie die externe Kritik, die voll des Lobes war für diesen ungewöhnlich intimen und charaktervollen Abschluss einer bombastischen Geschichte. Lediglich das US-Fernsehpublikum zeigte sich nicht gar so begeistert, denn Family erzielte die niedrigste Einschaltquote der gesamten vierten Staffel.

Einerseits ist es verständlich, dass das Publikum Woche für Woche das gleiche von einer Serie erwartet und nach einem Action-Kracher ein subtiles Charakterdrama womöglich eine zu hohe Fallhöhe darstellt. Auch ist es fast schon komisch, wie der Preview-Trailer für die Folge - Woche für Woche verlässlich ein dreißigsekündiges Konzentrat reißerischer Hyperbeln - sich redlich bemühte, das Familiendrama zu einer die Galaxie erschütternden Story hochzustilisieren.

Andererseits spricht es nicht gerade für das Publikum, dass es anscheinend nicht gewillt war, sich wenigstens für eine Episode auf etwas Anderes, Ruhigeres einzulassen. Doch Family sollte in TNG-Staffel 4 nur die Spitze des Familieneisbergs gewesen sein. Fortsetzung folgt in Teil 2 der Nachbetrachtung von Staffel 4.


Sebastians bisherige Star-Trek-Retrospecials


Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von "Star Trek: The Next Generation" sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf Blu-ray und DVD.

Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.

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