Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten.
Quelle: Paramount

In unserer großen Reihe zu Star Trek TNG steht Staffel 4 an, und Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling verrät, was diese Season ganz besonders machte. Teil 1!

Zum ersten Mal in der Geschichte der Next Generation bedeutete ein Staffelübergang keinerlei Veränderungen. Weil zwischen der letzten Szene von Staffel 3 und der ersten von Staffel 4 exakt null Sekunden vergehen, konnte man sich keinerlei optische Abweichungen erlauben und deswegen blieben diesmal all die Dinge konstant, die bei den bisherigen Jahreswechseln mehr oder weniger starken Änderungen unterlagen:

Sets, Uniformen, Gesichtsbehaarung, die Schauspielerin der Bordärztin - um nur vier Beispiele zu nennen. Was bisher ständig wechselhaft war, das schien nun auf sicherem und festen Kurs.

Dazu passend wollte auch Showrunner Michael Piller sich endlich "sein" perfektes Autorenzimmer zusammenstellen, so wie es ihm von Anfang an vorgeschwebt war: geprägt von Harmonie und Kollegialität und ohne den Zwist der frühen Staffeln, die von persönlichen Befindlichkeiten, dutzenden Kündigungen und sich einmischenden Anwälten gezeichnet waren.

Pillers hehres Vorhaben glückte jedoch nicht mit der ersten Personalentscheidung, dem Anheuern des Fernsehveteranen Lee Sheldon, der bereits bei Drei Engel für Charlie oder auch Quincy tätig gewesen war - und der im späteren Karriereverlauf Gamedesigner werden sollte für die Agatha-Christie-Point&Click-Adventures aus dem Hause The Adventure Company.

Denn Sheldon gefiel sich zu sehr in seiner Rolle als alter Hase und ließ das vor allem Jungautoren wie Ronald D. Moore spüren, mit dem er sich mehr als einmal lautstark in die Wolle bekam.

Sheldon wollte den Ton angeben, war kein Teamplayer und als Moore eines Tages leidenschaftlich für einen bestimmten Plot Point argumentierte, schmetterte Sheldon diesen ab mit den herablassenden Worten: "Ich muss mich dir gegenüber nicht begründen. Es wird so gemacht, wie ich es sage, weil ich der Ältere bin."

Ein Happy End für Patrick Stewart, der die Serie nach Staffel 3 doch nicht verließ Quelle: Paramount Ein Happy End für Patrick Stewart, der die Serie nach Staffel 3 doch nicht verließ Nach dem ersten Drittel der Staffel strich Sheldon vor lauter Gegenwind die Segel - das vorerst letzte Opfer der legendären Autorenzimmer-Drehtür. Doch kurz, bevor er ging, schlug er Chef Michael Piller noch seine eigene Nachfolgerin vor. Eine Personalie, die sich als absoluter Glücksgriff erweisen sollte.

Die Rede ist von Jeri Taylor, die Sheldon bei Quincy kennengelernt hatte und die zum Zeitpunkt ihres Arbeitsbeginns bei der Next Generation bereits Anfang 50 war. Wenn Michael Piller eine besonnene, wenn auch nicht allzu nahbare Vaterfigur dargestellt hatte, dann handelte es sich bei Taylor um die mütterliche Präsenz im Autorenzimmer, das ansonsten von sehr jungen Männern bevölkert war.

Taylor war das exakte Gegenteil von herablassend oder gar Furcht einflößend; sie begann sofort, eine positive, erziehende und ermutigende Atmosphäre zu schaffen.

Wann immer sich "ihre Jungs", von denen sie alterstechnisch eine Generation entfernt war, wegen irgendeinem Story-Detail an die Köppe bekamen, vermochte sie zu auf eine Art und Weise zu schlichten, dank der Groll überhaupt nicht erst entstehen konnte. Aus dem schlimmsten Arbeitsplatz Hollywoods war kurzerhand eine regelrechte Bilderbuchfamilie geworden.

Unter den ehemals angestellten Frauen im Autorenteam war Hilary J. Bader, die sich von Maurice Hurley, dem grummeligen Showrunner in Staffel 2, unterbuttern ließ und nie zu sich selbst fand, aber auch Melinda Snodgrass, die sich vorrangig um den Charakter des Androiden Data kümmerte und ihn stetig weiterentwickele, so wie es die legendäre Dorothy Fontana bei der Originalserie mit dem Vulkanier Spock getan hatte.

So war es vor Jeri Taylor ein Ding der Unmöglichkeit, dass die beiden weiblichen Besatzungsmitglieder der Enterprise-D, Dr. Beverly Crusher und Counselor Deanna Troi, auch mit der wahrhaftigen Stimme einer Frau geschrieben wurden - ihre Dialoge stammten allesamt aus der Feder von entweder sehr jungen oder aber alten, grantelnden Männern.

Aus diesen Gründen waren die beiden Charaktere bislang eher farblos, klischeehaft und im Hintergrund geblieben - auch das sollte sich unter Taylor ändern.

Das Chaos der vorangegangenen Staffeln schickte zwar immer noch Schockwellen durch das vierte Jahr - Drehbücher waren nach wie vor Mangelware und wurden Woche für Woche von der Produktion weggefressen -, doch es war zumindest kein völliger Albtraum mehr. Ronald D. Moore: "Zum ersten Mal lebten wir nicht mehr von der Hand in den Mund."

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