Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten.
Quelle: Paramount

In unserer großen Reihe zu Star Trek TNG steht Staffel 4 an, und Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling verrät, was diese Season ganz besonders machte. Teil 1!

So entstand dann schließlich, endlich The Best of Both Worlds, Part 2 (Angriffsziel Erde). Eine Auflösung des großen Cliffhangers, in der sich Commander Will Riker nicht mehr wie in Teil 1 um sein festgefahrenes Berufsleben kümmert. Auch macht ihm die aufmüpfige Commander Shelby, die mit ihrer kessen Art seinen Job übernehmen wollte, in Teil 2 keinerlei Ärger mehr und verwandelte sich plötzlich in eine Teamplayerin.

Stattdessen stellt sich die Frage, wie die Familie an Bord der Enterprise-D ohne ihren Übervater Jean-Luc Picard weitermachen kann. Über der Folge liegt deswegen die Schwere eines Trauerflors, denn sie fühlt sich an wie eine Beerdigung für den geliebten Captain - doch auch auf galaktischer Ebene wird es ganz schön finster.

Im Sternensystem Wolf 359 dezimieren die übermächtigen Maschinenwesen die gesamte Sternenflotte, während die Enterprise anderswo feststeckt, nicht an der Schlacht teilnehmen kann und später nur noch durch einen gewaltigen Raumschiffsfriedhof fliegt. Götterdämmerung im Star-Trek-Universum.

Weil die Öffentlichkeit und entsprechend die Entertainment-Fachpresse großes Interesse am Finale der Geschichte hatten, wollte Michael Piller unbedingt Leaks verhindern und griff dabei zu einem gar teuflischen Trick: Im Drehbuch kommt ein Jupiter-Außenposten vor, der in jeder gedruckten Version eine andere Nummer bekam.

All diese Nummern standen auf einer großen Liste neben der jeweiligen Person, die diese Fassung des Skripts ausgehändigt bekommen hatte. Sobald irgendeine Publikation also das Ende ausplaudern würde, brauchte man von ihr nur beiläufig diese Nummer zu erfragen, um den Übeltäter oder die Übeltäterin ausfindig machen zu können.

Der Plan ging auf: Anders als beim Attentat auf den Dallas-Ölbaron J.R. Ewing einige Jahre zuvor plauderte in diesem Fall niemand vor Ausstrahlung des zweiten Teils aus, ob und wenn ja wie Captain Picard und die Föderation gerettet werden können.

Die große Kopfnuss fürs Autorenteam: Wie kann man den Captain aus den Händen der Borg retten und diese besiegen? Quelle: Paramount Die große Kopfnuss fürs Autorenteam: Wie kann man den Captain aus den Händen der Borg retten und diese besiegen? Wie sah es denn nun aus, dieses Ende? 33 Jahre später können wir die Bombe bei PC Games wohl platzen lassen. Ein fehlgeleitetes Computerkommando bringt die Borg dazu, gemeinschaftlich einzuschlafen, was wiederum - aus welchem Grund auch immer - die Selbstzerstörung ihres Würfelschiffes auslöst.

Trotz allen Hirnschmalzes letztendlich doch ein reichlich antiklimaktisches Ende der Bedrohungslage, man könnte auch von einem Deus ex Machina im wahrsten Sinne des Wortes sprechen. Mit dem ausweglosen Finale des ersten Teils hatte man sich anscheinend doch zu sehr in eine Zimmerecke gemalt - und wer kann schon sagen, welche anderen, noch weniger brauchbaren Ideen im Sommer 1990 im Hart Building abgeschmettert wurden.

Tatsächlich stellt dieser erzählerische Kniff für mich den Anfang vom Ende der Borg dar, die über das nächste Jahrzehnt eine Schwachstelle nach der anderen angedichtet bekamen, bis gegen Ende von Star Trek: Voyager nicht mehr viel von ihrem anfänglich unbezwingbar scheinenden Schrecken übrig blieb.

Auch für Corey Allen, Regisseur des Cliffhangers ebenso wie des Staffelauftakts, und Showrunner Michael Piller fiel der zweite Teil von The Best of Both Worlds gegenüber dem ersten deutlich ab.

Als Grund nannten die beiden nicht das "Kaninchen aus dem Hut", welches die Selbstzerstörung der Borg darstellte, sondern vielmehr, dass man in der Fortsetzung den Fokus zu stark auf Action - unter anderem wird der borgifizierte Captain Picard in einer halsbrecherischen Aktion der Enterprise-Crew zurückentführt - und weniger auf einfühlsame Charakterszenen gelegt hatte.

Dabei hatte man sogar eine wunderbar geeignete Szene gedreht, die als Deleted Scene auf den Blu-Rays zu sehen ist. Darin schaut Riker betrübt aus dem Fenster im Bereitschaftszimmer des Captains, das er in dieser Geschichte nur widerwillig erbt - die gleiche Geste, der gleiche Blick, den auch Captain Picard am Ende des zweiten Teils hat.

Traurig berührt Riker die Stuhllehne des Picard, als Bordpsychologin Deanna Troi hereinkommt und Riker seiner Vertrauten gegenüber zugibt: "Ich liebte den Captain mehr als meinen eigenen Vater." Auch Troi ist hier den Tränen nahe, denn dank ihrer telepathischen Kräfte ist sie nach wie vor mit dem entführten und umoperierten Captain in Kontakt und spürt, wie seine Menschlichkeit gequält wird.

Mit dem Wort Liebe, das in dieser Szene gleich zweimal fällt, geht Star Trek normalerweise sehr sparsam um und verkneift es sich in Hinsicht auf Captain Picard eigentlich völlig.

Vermutlich entfiel diese Szene aus Zeit- und Dopplungsgründen, denn nur wenig später in der Handlung ereignet sich ein Dialog mit der Barkeeperin Guinan, der dramaturgisch denselben Zweck erfüllt. Doch auch, wenn es in The Best of Both Worlds, Part 2 nicht zu hochemotionalen Charaktermomenten kommt, das Publikum sollte auf solche nicht lange warten müssen.

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