In unserer großen Reihe zu Star Trek TNG steht Staffel 4 an, und Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling verrät, was diese Season ganz besonders machte. Teil 1!
Ein genauerer Blick auf die Episode, die tonangebend für das vierte Jahr werden sollte und die unmittelbar auf den epischen Borg-Zweiteiler folgte: Family (Familienbegegnung). Anfangs war geplant, dass sich der Kampf gegen die Borg über drei Episoden strecken sollte und so die vierte Staffel mit einem actiongeladenen Zweiteiler starten würde. Das wurde jedoch rasch verworfen und stattdessen ein inoffizieller dritter Teil geplant, eine Art Epilog.
Die Begründung Michael Pillers dafür: Ein Trauma wie das des Captain Jean-Luc Picard, der entführt und zum Maschinenwesen Locutus umgebaut wird, de facto eine Vergewaltigung auf Basis von Technologie mit einer gehörigen Portion Body-Horror: Das steckt selbst ein so zivilisierter, gesetzter und hoch entwickelter Mensch wie Picard nicht einfach so weg.
Piller bestand darauf, dass Picard mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ringen sollte und ging mit diesem Konzept wiederum zu seinen beiden unmittelbaren Vorgesetzten, dem für Star Trek verantwortlichen Paramount-Executive Rick Berman und dem Franchise-Begründer Gene Roddenberry.
Pillers Argumentation ihnen gegenüber: "Was wir hier machen, ist zwar Science Fiction, aber damit das Publikum die Charaktere ernst nehmen kann, sollte deren Entwicklung trotzdem halbwegs realistisch erfolgen. Dazu gehört auch, dass Picard nach einem so schrecklichen Erlebnis nicht mir nichts, dir nichts zur Tagesordnung übergeht und in der nächsten Folge direkt wieder in ein unbeschwertes Weltraumabenteuer startet."
Rick Berman war bei dieser Idee sehr schnell an Bord, knüpfte seine Zusage jedoch an eine Bedingung. Da man nach wie vor bei Star Trek war, sollte unbedingt eine B-Story enthalten sein, die einen starken Science-Fiction-Plot bot. Dass der stattliche Worf vom Kriegervolk der Klingonen auf seine menschlichen Adoptiveltern trifft, reichte Berman augenscheinlich nicht als Science Fiction.
Quelle: Paramount
Das Borg-Trauma des Captain Picard war so groß, dass er anschließend zur Bewältigung aufs Weingut der Familie reiste.
Also schuf man kurzerhand einen Subplot, der von einem außerirdischen Kind handelte, das sich - von der Besatzung der Enterprise unbemerkt - als blinder Passagier an Bord einnistet und aus irgendeinem Grund die Crewmitglieder peu à peu verschwinden lässt. An diesem Konzept wurde wochenlang herumgeschraubt, doch man konnte es einfach nicht passend machen für die Family-Episode.
Selbst Rick Berman sah das schließlich ein und gab zähneknirschend sein Go dafür, eine Star-Trek-Episode zu produzieren, deren Handlung keinerlei Science-Fiction-Zutaten im eigentlichen Sinn beinhaltete. Doch weil Geschichten immer noch Mangelware waren, wurde die Mär vom einsamen Alienkind in den Vorratsschrank gepackt und sollte sogar zwei Episoden in der ersten Hälfte der vierten Staffel inspirieren.
Den ausführenden Job bekam Ronald D. Moore, der sich ans Werk machte und ein dreigeteiltes Drehbuch verfasste. Zum einen die bereits erwähnte, äußerst herzerwärmende Worf-Handlung, zum anderen eine ultrakurze Geschichte über den Teenager Wesley, dem eine Art Zeitkapsel in die Hände fällt, die eine holografische Botschaft seines längst verstorbenen Vaters beinhaltet, der ihm ermutigende Worte für den weiteren Lebensweg zuspricht. Den saftigen Kern der Episode bildet die Rückkehr des Jean-Luc Picard zum Weingut der Familie in Frankreich.
Dort lebt sein älterer und äußerst unbequemer Bruder Robert, der verbittert darüber ist, dass Nesthäkchen Jean-Luc die Familientradition ablehnte, Robert mit den gärenden Trauben zurückließ und sein eigenes Glück in den fernen Sternen suchte. Zu allem Überfluss hat Roberts Teenager-Sohn René ganz ähnliche galaktische Flausen im Kopf wie sein Onkel Jean-Luc.
Der wiederum kurz vor dem Zusammenbruch steht aufgrund der schrecklichen Erfahrungen, die ihm in den Händen der Borg widerfuhren. Nur unter größter Anstrengung kann er bei den steifen Abendessen im Familienkreise eine stoische Fassade wahren, bis sich alles zwischen den Brüdern Angestaute schließlich in einer Prügelei inmitten der Reben entlädt, woraufhin für alle Beteiligten der lange, seelische Heilungsprozess beginnen kann.
Als dem Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry dieses Drehbuch in die Hände fiel, tobte er. Wir erinnern uns an die sogenannte Roddenberry-Box, die Roddenberry als selbst ernannter Futurist in den 70er- und 80er-Jahren entwickelt hatte.
Die drei Hauptcharaktere seiner Originalserie, Kirk, Spock und McCoy, durften sich in den 60ern nach Herzenslust zanken, doch in der nächsten Generation des 24. Jahrhunderts sollte es so etwas nicht mehr geben. Die Menschheit hatte sich, so war das eben in besagter Roddenberry-Box, über derart banale Dinge wie Familienstreitigkeiten und Traumata ein für alle Mal hinweggesetzt. Was Ronald D. Moore hier geschrieben hatte, widersprach den Grundideen dieser Box.
