Das Borg-Rätsel ist gelöst: Die vierte Staffel von Star Trek TNG

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Jede Menge Action, dafür aber wenige Charakterszenen, hatte die Borg-Fortsetzung zu bieten.
Quelle: Paramount

In unserer großen Reihe zu Star Trek TNG steht Staffel 4 an, und Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling verrät, was diese Season ganz besonders machte. Teil 1!

Es war Sommer 1990 und Michael Piller hatte allen Grund zum Feiern, doch weil er zeitlebens ein in sich gekehrter Kopfmensch war, saß er stattdessen im Hard Building, einem der ältesten Bürogebäude auf dem Paramount-Gelände, und grübelte. Seit einem knappen Jahr war Piller der Showrunner von Star Trek: The Next Generation und als solcher hatte er die Serie gerettet.

Den kränkelnden Ableger eines Klassikers aus den 60er-Jahren hatte er in seiner kurzen Amtszeit wider alle Erwartungen zu einem Megahit gemacht. Die unter seiner Ägide erzählten Geschichten bekamen große kritische Beachtung sowohl von alteingesessenen Fans als auch vom Mainstream. Die Charaktere an Bord der Enterprise-D schienen viel lebendiger als zuvor - und alles, was in den ersten beiden Produktionsjahren ein wenig rumpelig aussah, war nun zu einer Hochglanzproduktion gediehen.

Doch all diesen Erfolg hatten Piller und sein Team sich, wie mein letzter Artikel berichtete, mit viel Blut, Schweiß und Tränen erkämpft. Ständig lief ihnen die Zeit davon, Wochenenden und Feiertage wurden durchgearbeitet, "Crunchtime" war im Gegensatz zu "Feierabend" kein Fremdwort und inmitten all dieses Stresses hatten die Macherinnen und Macher selbst gar nicht richtig wahrnehmen können, wie sich ein hohes Qualitätsniveau eingestellt hatte.

Jetzt in der Sommerpause hatte man längst verstanden: Die Renaissance Star Treks war da, doch aufgrund der Turbulenzen hatte man unterwegs Autoren wie den Veteranen Ira Steven Behr verloren, auf dessen Schultern einige der positiven Entwicklungen in Staffel 3 ruhten.

Auch Chef Piller selbst hatte mit dem Gedanken gespielt, seinen neuen Job nach nur einem Jahr wieder hinzuschmeißen. Ein mitunter verlockender Gedankengang, den er auch in der letzten Geschichte von Jahr 3 verarbeitet hatte, in welcher der erste Offizier der Enterprise, Commander Riker, mit seiner beruflichen Zukunft hadert.

Star Trek TNG - Season 4 Quelle: Paramount Star Trek TNG - Season 4 Immerhin diese Gewissensfrage hatte Piller zwischenzeitlich gelöst und sich zum Bleiben entschieden. Nun wollte er, stets von großem Verantwortungsbewusstsein getrieben, dem nur wenige Monate alten Erfolg ein sicheres Fundament bauen, sodass er auch die nächsten Jahre anhalten würde.

Doch neben all diesen organisatorischen und Motivationsfragen plagte Piller auch ein Problem, das aus dem hochdramatischen Cliffhanger resultierte, mit dem er Star Trek: The Next Generation in die Sommerpause geschickt hatte. Das Fernsehpublikum Amerikas erlebte im Gegensatz zu Piller weniger grüblerische, sondern vielmehr atemlose Ferien, denn die übermächtigen Borg hatten sich in The Best of Both Worlds angeschickt, unseren Föderationsheldinnen und -helden den Garaus zu machen.

Und nicht nur das, sie hatten sogar den großen Jean-Luc Picard gekidnappt und zu einem der ihren gemacht. So war es nun unsicher, ob der beliebte Captain die Geschichte überleben und auf seinen Sessel auf der Brücke der Enterprise-D zurückkehren würde.

Michael Piller wusste bereits, dass die Borg besiegt werden sollten und der Protagonist erhalten bleiben würde, jedoch hatte er am Ende von Staffel 3 nur eines vorgehabt: Die Spannung auf den Siedepunkt zu bringen, indem er die Handlung der Serie in eine schier ausweglose Situation bugsierte.

Das Ende der Geschichte und damit den eigentlichen Ausweg, beides kannte Piller selbst noch nicht - und so stand er nun vor der Denksportaufgabe, ein Happy End herbeizuführen, ohne dabei zu schummeln.

Immerhin arbeitete Piller nicht allein und stets mit Weitblick, also holte er sich für seine Brainstorming-Sitzungen den Jungautor Ronald D. Moore ins Büro. Zum einen, um Ideen hin und her zu werfen, zum anderen, damit Moore den inoffiziellen dritten Teil der epischen Borg-Saga schreiben konnte. Auf diese Weise war ein besserer innerer Zusammenhalt der Episoden sichergestellt. Doch zu dieser Fortsetzung der Fortsetzung kommen wir später.

Ein weiterer aufstrebender Jungautor erschien in der Sommerpause zum Vorstellungsgespräch, ein gewisser Brannon Braga. Auch er bekam von seinem zukünftigen Chef Piller die Kopfnuss gestellt: "Jetzt denk mal mit - ich suche nach einem Weg, die Borg zu schlagen!" Die zündende Idee hatte am Ende zwar Piller selbst, doch für Braga sprang immerhin ein achtwöchiges Praktikum heraus, an dessen Ende eine Festanstellung winkte.

Und wie das Schicksal manchmal spielt, können aus den kleinsten Aufgaben die entscheidendsten Lebensabschnitte werden. Brannon Braga: "Damals im Sommer 1990 hätte ich nicht gedacht, dass ich 15 Jahre später, als das Star-Trek-Franchise vorerst schlafen gelegt wurde, der Letzte im Hart Building sein würde, der das Licht ausschaltet."

Im Laufe dieser anderthalb Dekaden hatte Braga es vom Praktikanten zum Showrunner gebracht, doch auch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.

Und so zog sich Michael Piller schließlich wieder alleine in sein Büro zurück, um alleine an dem Borg-Dilemma weiter zu grübeln. Wann immer er in solchen Momenten keinen verbalen Sparringspartner zur Verfügung hatte, verfiel Piller in eine Methode, die er selbst als "Zen-Schreiben" bezeichnete.

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Dabei schloss er seine Augen, versetzte sich reihum in sämtliche Seriencharaktere und ließ sie einfach reden. So saß er da und hörte mal Will Riker zu, mal Chefingenieur Geordi La Forge, mal Dr. Beverly Crusher. Diese Hirngespinste Pillers erzählen dem Vernehmen nach auch viel unbrauchbares Zeug, doch sobald sie etwas sagten, das sich authentisch anfühlte und in der aktuellen Geschichte funktionierte, öffnete Piller die Augen wieder und hämmerte drauflos in die Tasten seiner Schreibmaschine.

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