Death Positivity in Spielen: Bedeutung in der Videospielwelt & Effekte der Auseinandersetzung

Special Marie-Theres Ottowitz Annika Menzel
Death Positivity in Spielen: Bedeutung in der Videospielwelt & Effekte der Auseinandersetzung
Quelle: PC Games

Aufgrund der Trivialität des Todes in vielen Videospielen fallen die "death positive"-Werke in diesem Medium besonders auf. Doch was bringt uns die Auseinandersetzung damit überhaupt?

Der Tod in "death positive"-Spielen - mehr als nur eine Niederlage

Wir meiden unangenehme Gespräche über das Sterben, doch eigentlich begegnet uns der Tod ständig, vor allem in den Medien. Dabei ist es ziemlich irrelevant, ob diese fiktional oder nicht-fiktional sind, die Thematik ist praktisch allgegenwärtig. Doch nicht in allen Unterhaltungsformen wird dem Sterben dieselbe Bedeutung zugeschrieben.

In vielen Videospielen ist das Phänomen zum Beispiel schon fast trivial geworden - eine Gegebenheit ohne viel Bedeutung. So signalisiert das Sterben - besonders des eigenen Charakters - im Spiel meist eine Niederlage oder dient als Bestrafung für einen Fehler. Der Tod ist oft ein überwindbares Hindernis, wenn man sich nur genug anstrengt, und ein didaktisches Werkzeug, um den oder die Spieler*in dazu anzuspornen, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.

Und abgesehen vom sogenannten Permadeath wird dem Lebensende damit sogar ein definierendes Charakteristikum genommen: seine Permanenz. Deshalb stechen gerade in diesem Medium die Werke heraus, die den Tod auf realistischere Weise behandeln und damit auch das Potenzial nutzen, unsere Wahrnehmung von der Sterblichkeit positiv zu beeinflussen.

Besonders bei Jugendlichen löst die Thematik häufig Ängstlichkeit aus, aber auch im Erwachsenenalter ist dies keine Seltenheit. Durch die Tabuisierung führt das häufig dazu, dass negative Emotionen und Furcht gegenüber dem Lebensende allein und in Stille erduldet werden. Einige Menschen fühlen sich schlicht unvorbereitet und nicht fähig, in der Zukunft mit einem Verlust umzugehen, aber nun mal genauso wenig, diese Sorgen mit anderen zu teilen.

Blinzeln stellt die Hauptmechanik in Before Your Eyes dar. Damit schreitet nicht nur die Zeit immer weiter voran, sondern ihr könnt so auch mit den Objekten in eurer Umgebung interagieren. Quelle: Skybound Games Blinzeln stellt die Hauptmechanik in Before Your Eyes dar. Damit schreitet nicht nur die Zeit immer weiter voran, sondern ihr könnt so auch mit den Objekten in eurer Umgebung interagieren. Und hier kommen unsere virtuellen Welten ins Spiel. Denn sie können uns die Möglichkeit bieten, uns dennoch mit schwierigen Emotionen zu befassen, und zwar, ohne sich zunächst den Erwartungen oder Hemmungen eines menschlichen Gegenübers stellen zu müssen.

Die inhärente Interaktivität von Spielen und die damit verbundene Freiheit, die Handlung bis zu einem gewissen Grad mitzugestalten, tragen zudem dazu bei, dass sich die Umgebung kontrollierbar und sicher anfühlt. Das wiederum ermutigt uns dazu, uns an die besonders negativen und vermeintlich bedrohlichen Facetten des Lebens heranzutasten und schwierige Themen zu konfrontieren.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, zu betonen, dass die Erfahrungen mit "death positive"-Spielen extrem subjektiv sind. Während die förderlichen Effekte zwar wissenschaftlich fundiert sind, können trotzdem kaum allgemeingültige Aussagen getroffen werden und es besteht trotzdem die Chance, dass die Belastung letztendlich gegenüber dem Nutzen überwiegt.

Was können uns "death positive"-Spiele bringen?

Jetzt aber mal Klartext: Welche positiven Effekte ergeben sich denn nun konkret aus einem vielleicht nicht ganz so einfachen und spaßigen Erlebnis, wie man es sonst von Spielen gewohnt ist? Einerseits ist da einfach die Tatsache, dass wir durch das Beobachten schon etwas für uns mitnehmen können.

Denn auch unsere Lieblingscharaktere werden in einigen Spielen aktiv einem Trauerprozess ausgesetzt - und wir häufig mit ihnen. Natürlich sind Spiele nie ein exaktes Abbild der Realität, und doch sind sie von Menschen erschaffen, die ihre Werte und Erfahrungen einfließen lassen.

Das heißt auch, dass wir beobachten können, wie andere mit Themen rund um Verlust und Trauer umgehen, und häufig auch, dass die meisten Menschen trotz des Schmerzes relativ schnell mit der Realität des Todes klarkommen und sich der Zukunft zuwenden.

Die beobachteten Effekte sind aber sogar um einiges vielfältiger als das. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt das sehr deutlich. Hierfür sollten Hinterbliebene die beiden Spiele Spiritfarer sowie Bear's Restaurant spielen und Tagebuch zu den - für sie - wichtigsten Momenten führen. Dabei wurde deutlich, dass Spieler*innen besonders dann neue Bedeutungen für sich ableiteten, wenn sie Szenen aus dem Spiel mit den eigenen Erfahrungen verknüpfen konnten.

Bevor ein Geist die letzte Reise antritt, versammeln sich alle Gäste, um sich gemeinsam zu verabschieden. Quelle: PC Games Bevor ein Geist die letzte Reise antritt, versammeln sich alle Gäste, um sich gemeinsam zu verabschieden. Zwar kam es auch vor, dass manche Teilnehmer*innen schmerzhaften Teilen der Spiele aktiv aus dem Weg gingen, vor allem wenn die besprochenen Themen stark den real erlebten Todesursachen ähnelten. Doch zum Großteil waren die neu abgeleiteten Gedanken positiv.

Manche sahen durch das Spiel beispielsweise die Möglichkeit, die Sicht des Verstorbenen einzunehmen, indem sie die Interpretationen der betroffenen Spielcharaktere zu ihrer jeweiligen Situation erfahren haben. Das war besonders auffällig bei Teilnehmer*innen, die einen geliebten Menschen an eine Krankheit verloren hatten.

Statt sich rein auf den Verlust zu konzentrieren, konnten sie so zum Beispiel dem Gedanken mehr Raum geben, dass der oder die Verstorbene von etwaigen Schmerzen befreit wurde. Auch das Erfüllen von Wünschen, die den Hinterbliebenen bis dato verwehrt geblieben waren, zählte zu den neuen Erfahrungen, die Teilnehmer*innen durch das Spielen der beiden "death positive"-Spiele machen durften.

Und selbst das sind nur einige der Effekte, die in der Studie festgestellt wurden. Falls ihr dem genauer auf den Grund gehen wollt, könnt ihr dort alle Details nachlesen. Jetzt, wo wir also wissen, was Death Positivity ist und welche Vorteile sie bringen kann, ist noch interessant, wie verschiedene Spiele das Konzept überhaupt umsetzen. Hierfür haben wir uns drei Beispiele mit verschiedenen Ansätzen rausgesucht und begeben uns damit auch in das Spoiler-Territorium. Wie sich Spiritfarer mit den Themen Sterben, Trauer und Verlust befasst, erfahrt ihr auf der nächsten Seite.

  1. Seite 1 Inhaltshinweis & Begriffsklärung von Death Positivity
  2. Seite 2 Bedeutung in der Videospielwelt & Effekte der Auseinandersetzung
  3. Seite 3 Spiritfarer
  4. Seite 4 Before Your Eyes
  5. Seite 5 A Mortician's Tale & Hilfsangebote
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