Fortsetzungswahn: Warum Video- und Computerspiel-Sequels so beliebt sind

Special Online Redaktion

Der Mensch meckert, wenn im Fernsehen nur noch Wiederholungen laufen - Videospieler sind da irgendwie anders... Sie kaufen Fortsetzungen, auch wenn manch einer der Spiele-Branche mangelnde Innovationslust vorwirft. Dennoch sind Fortsetzungen beliebt, bei Spielern und Kritikern - warum und wieso, das klärt dieser Report.

Hand aufs Herz: Wer hat ein Problem damit, dass praktisch jedes halbwegs erfolgreiche oder beliebte Spiel fortgesetzt wird? Wagemutige Antwort: so gut wie niemand. Ganz im Gegenteil: Es hat eher den Anschein, dass ein zweiter Teil genau dann herbeigesehnt wird, wenn der erste frisch durchgespielt ist. Auch die Ankündigungen von Reboots oder Remakes werden meist bejubelt statt getadelt - selbst wenn es sich um eine halbherzige HD-Neuauflage eines Playstation-2-Klassikers wie God of War oder Metal Gear Solid 2 handelt. Hierfür gibt der Fan gerne 30 Euro aus, obwohl sich in aller Regel abseits der Bildschirmauflösung wenig im Vergleich zum Original geändert hat.

"Wo liegt das Problem?", wird der eine oder andere von euch denken, "Filmfortsetzungen verkaufen sich doch auch viel besser als ein neues Franchise." Rein auf den Kommerz bezogen ist dies durchaus richtig, schließlich werden die Kinocharts in aller Regel von seelenlosen Block bustern und eben 08/15-Sequels dominiert. Allerdings ist dieser "Trend" Filmliebhabern wie Kritikern ein Dorn im Auge: Sobald der x-te Stirb Langsam-Teil oder das hundertste Spider-Man-Remake angekündigt werden, jaulen die User aller Internet-Foren innerhalb von Sekunden auf und schimpfen auf die Ideenlosigkeit Hollywoods. Am stärksten fällt der qualitative Unterschied von Fortsetzungen bei Preisverleihungen auf: In der Geschichte der Oscar-Verleihung wurden bisweilen knapp über 500 Filme für den begehrten Best-Picture Preis nominiert, von denen sich gerade mal vier Prozent als Fortsetzungen oder Remakes klassifizieren lassen.

Der Game Developers Choice Award hingegen existiert erst seit geraumer Zeit und hat bereits bei insgesamt 65 "Game of the Year"-Preisen mehr als 40 Prozent an Sequels, Remakes oder Reboots vergeben. Und erinnert euch einfach selbst an die letzten Jahre eurer Zockerei: Grand Theft Auto 3 ... Super Mario _64 ... Metal Gear Solid_4 ... Call of Duty 4 ... Uncharted 2 ... The Elder Scrolls: Skyrim ... Das sind alles renommierte Titel wie Nachfolger, die ihren eigenen Stellenwert in der Geschichte der digitalen Spiele besitzen und im Gegensatz zu dem einen oder anderen Vorgänger in zahlreichen "Best Games Ever"-Listen auftauchen. Halten wir fest: Spiele-Fortsetzungen sind nicht nur beliebt, sondern oft auch erstaunlich gut. Um das "Warum und wieso?" zu erörtern, müssen wir die Zeit um mehrere Dekaden zurückdrehen.

Das Zelda-Prinzip

Kandidat für einen Game Developer Choice Awards: Fallout 3. Quelle: Bethesda Kandidat für einen Game Developer Choice Awards: Fallout 3. Wenn in den 1980er-Jahren ein neuer Spiele-Hit auf den Markt kam, dann ließ dieser trotz aller Euphorie aus einem ganz simplen Grund zu wünschen übrig: Die Technik gab einfach nicht mehr her. Die Entwickler mussten in den Zeiten des C64 oder des Nintendo Entertainment System mit eng gesteckten Grenzen leben und arbeiten. Pixelige Grafik, computergenerierter Sound oder eine auf 16 bis 256 Farben eingeschränkte Farbpalette mögen vielleicht heute als Kunstform gelten. Doch damals waren es Ketten, die der kreativen Entfaltung der Designer im Wege standen. Sobald eine neue Generation der Computersysteme oder Videospielkonsolen eingeläutet wurde, änderten sich die Spielregeln. Genau genommen weiteten sich die besagten Grenzen immer weiter aus. Jeder, der erstmals ein technisch halbwegs optimiertes Super-Nintendo-Spiel zu Gesicht bekam, der wusste sofort: Auf dem alten NES wäre das so nie und nimmer möglich gewesen.

Die ständigen Quantensprünge in der Technik trugen einen maßgeblichen Anteil zur Kurzlebigkeit von Computer- und Videospielen bei. Bereits nach einem Jahr konnte ein als Hit gefeierter Titel plötzlich ganz altbacken aussehen. Wer wollte denn jemals wieder ein 3D-Spiel ohne bunt texturierte Umgebung spielen, nachdem er durch die Höhlen des ehrfürchtigen Ultima Underworld spaziert ist? Oder schaut euch die rasante Entwicklung bei den Rennspielen an: Passionierte Videospieler haben sicherlich nie den Tag vergessen, an dem sie das erste Mal Ridge Racer auf der brandneuen Playstation spielten. Das Gefühl ließ sich damals nur mit einem "Boah, Wahnsinn! Genau wie in der Spielhalle!" beschreiben. Aber startet den gleichen Racer mal heute auf einem dicken LCD-Fernseher mit einem Durchmesser von 50 Zoll ... Die logische Konsequenz: Aufgrund der neuen Möglichkeiten, die jede weitere Hardware-Generation mit sich brachte, wuchs automatisch der Wunsch nach einer Fortsetzung oder einer Modernisierung des altbekannten Lieblingsspiels.

Japanische Entwickler haben die "Win-Win"-Situation hinter dieser Agenda schnell erkannt: So musste Nintendo eigentlich "nur" für jede neue Konsole ein frisch aufpoliertes The Legend of Zelda produzieren, um eine bis heute fanatische Fan-Gemeinde zu halten und unzählige Spiel-des-Jahres-Preise zu sammeln. Wohlgemerkt: Fortsetzungen dieser Art profitieren nicht nur von einem besseren Grafikchip oder einer schnelleren CPU, sondern mitunter auch von mehr Hauptspeicher. Dieser ermöglicht größere Spielwelten oder gar komplexere Spielmechaniken, was man ebenfalls sehr gut an der Evolution der Zelda-Serie beobachten kann.

Vom Experiment zum Hit

Entdecke die 3D-Möglichkeiten: Die neue, dem Schleichen dienliche Perspektive macht den Unterschied zwischen Metal Gear und Metal Gear Solid. Entdecke die 3D-Möglichkeiten: Die neue, dem Schleichen dienliche Perspektive macht den Unterschied zwischen Metal Gear und Metal Gear Solid. In wenigen Fällen sorgte eine neue Hardware-Basis gar dafür, dass sich eine Idee, die zuvor als mehr ambitioniert als ausgefeilt galt, plötzlich vollends entfalten konnte. Das beste Beispiel ist Grand Theft Auto 3: Während die beiden Vorläufer zwar lustig waren, aber aufgrund der Vogelperspektive unter einer mangelhaften Übersicht sowie wenig Atmosphäre litten, schoss der erste 3D-Teil in ungeahnte Wertungsregionen und erreichte einen bis heute ungebrochenen Beliebtheitsstatus. Auf einmal funktionierte das heute so begehrte Open-World-Konzept, mit all seinen Facetten der actionlastigen Missionen bis zum ungehemmten Autoklau.

Als ähnlich stark gilt der Sprung von Metal Gear zu Metal Gear Solid, weil auch in diesem Fall der Zusatz der dritten Dimension in einem gänzlich neuen Spielgefühl resultierte und ein komplexeres, logischeres Spieldesign ermöglichte. Selbst innerhalb einer Generation lassen sich anhand diverser Serien erstaunliche Qualitätssprünge feststellen. Vergleicht hierfür das erste Tekken mit dem dritten: In nur drei Jahren konnte Namco die alte PSone viel effizienter nutzen, weshalb allein in optischer Hinsicht Welten zwischen den beiden Titeln liegen. Auch in puncto Spieldesign gibt es einige interessante Fälle, in denen die Fortsetzung trotz praktisch gleichbleibender Technikgrenzen dramatisch besser ist - jeder, der sowohl das erste als auch das zweite Assassin's Creed gespielt hat, weiß, wovon die Rede ist.

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