Das Gothic Remake liefert ab, verschenkt aber Potenzial

Test Carlo Siebenhüner
Das Gothic Remake liefert ab, verschenkt aber Potenzial
Quelle: PC Games

Das Gothic Remake wagt sich an heiliges deutsches Rollenspiel-Erbe. Im Test zeigt sich: Alkimia Interactive hat den Geist des Originals verstanden, auch wenn nicht alles perfekt läuft.

Es ist ein undankbarer Job, einen Spieleklassiker wie Gothic in einem Remake wieder aufleben zu lassen. Unter dem prüfenden Blick der Fans muss man es schaffen, den Geist einer ganz anderen Zeit und die Vision eines komplett anderen Entwicklerteams einzufangen und trotzdem an moderne Standards anzupassen. Man muss die wichtigsten Features mit in die Neuauflage retten, und doch erwartet man auch eine gewisse Weiterentwicklung. Man muss bekannte Orte erhalten, aber den neuen Entwicklern auch Freiraum für die eigene Kreativität geben.

Vor alldem stand das frisch für das Gothic-Remake gegründete Entwicklerteam Alkimia Interactive. Es hätte 1000 Möglichkeiten gegeben, wie das Team hätte scheitern können, und mehr als einen Moment der Unachtsamkeit hätte es nicht gebraucht, um das ganze Ding in den Sand zu setzen. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz haben sie es geschafft. Gothic Remake (jetzt kaufen / 49,99 € ) ist eine tolle Neuauflage geworden, die dem Original gerecht wird, es teilweise sogar übertrifft, aber an anderer Stelle auch nicht das volle Potenzial ausschöpft.

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Zurück im Minental

Mit dem Playable Teaser hat man 2019 einen ersten Versuch gestartet, wie ein Gothic-Remake hätte aussehen können. Das Ergebnis war zwar Vorfreude über die Idee eines Remakes, allerdings doch bitte nicht so. Viel zu neumodisch, viel zu viel anders, viel zu weit weg vom Original war da der Grundtenor. Das haben sich die Entwickler zu Herzen genommen.

Schon in den darauffolgenden Trailern konnte man endlich wieder erkennen, dass es sich hier um das altgediente Minental auf der Insel Khorinis handelt. Dort befinden sich die Erzminen von König Rohbar dem Zweiten. Der befindet sich im Krieg mit den Orks und ist auf das magische Erz angewiesen. Damit die Minen geschützt sind, hat er die mächtigsten Magier des Reiches ausgesandt, um eine magische Barriere um das Tal zu errichten. Blöderweise geht das schief, die Barriere wird viel größer als geplant und vor allem kommt man jetzt nur noch rein und nichts Lebendes kommt mehr raus.

Ein König sitzt auf seinem Thron. Quelle: PC Games Die Story des Gothic-Remakes hält sich grundsätzlich an die des Originals. Hier und da gibt es aber kleine Änderungen. Obendrein übernehmen auch noch die Insassen die Kontrolle und erpressen den König. In diese Gemengelage wird der namenlose Held als weiterer Gefangener geworfen. Wir wollen hier natürlich wieder raus, allerdings müssen wir uns vorher mal zurechtfinden. Drei Fraktionen gibt es, von denen wir uns einer anschließen müssen. Das Alte Lager hält den Status quo aufrecht. Sie fördern Erz, liefern es an den König und bekommen von dem alles, was sie verlangen. Das Neue Lager hat auch eine Mine, häuft das Erz aber für einen Ausbruchsplan an. Das dritte Lager ist die Bruderschaft des Schläfers. Die beten ihren Götzen an, dass er ihnen die Freiheit schenkt. Bisher hat er sich noch nicht gemeldet.

Deutsche Synchro mit Schwächen

Die ersten Momente in Gothic Remake fühlen sich sofort vertraut an. Nachdem wir von Bullit und seinen Jungs "getauft" wurden, hilft uns Diego und erzählt uns ein paar Takte über die Lage innerhalb der Barriere. Dabei findet er fast die gleichen Worte wie im Original. Allgemein orientieren sich die Entwickler gerade in den ersten Stunden sehr am Ablauf und an den Dialogen von Gothic 1 mit leichten Ergänzungen. Das hat uns gut gefallen, denn so hatten wir stets das Gefühl von früher und waren trotzdem neugierig, wenn doch mal neue Infos eingestreut wurden.

Auch die deutsche Sprachausgabe kann im Großen und Ganzen überzeugen. Die meisten NPCs sprechen passend rau und gut betont. Sie sind allerdings nicht mehr ganz so überzeichnet wie im Original. Im Gesamtbild mit der jetzt auch etwas realistischeren Darstellung passt das aber unserer Meinung nach trotzdem. Nur die Gesichtsanimationen dürfen gern noch besser werden.

Nahaufnahme des namenlosen Helden. Quelle: PC Games Ausgerechnet der Held ist in der sonst guten Synchro eine Schwachstelle. Obwohl er vom Originalsprecher vertont wird. Leider gehört zu den wenigen Ausnahmen ausgerechnet der namenlose Held. Der wird zwar vom Originalsprecher Christian Wewerka gesprochen, allerdings fehlen ihm im Remake irgendwie die gewisse Ironie und der Sarkasmus des Originals. Oft passt auch die Tonlage nicht zum vorher Gesagten oder es wirkt einfach sehr gepresst. Das ist gerade deswegen schade, weil in manchen Situationen der Wortwitz dann doch durchblitzt.

Das Minental glänzt

Als wir nach unserem Gespräch mit Diego dann endlich unsere ersten Schritte durchs Minental gehen, staunen wir nicht schlecht. Die Spielwelt des Gothic-Remakes ist schlicht und ergreifend wunderschön. Man hat das Tal ein Stück vergrößert. Allerdings nicht nur in seiner Fläche, sondern auch in den Proportionen. Es ragen jetzt hohe, schneebedeckte Berge auf, die als natürliche Begrenzung dienen, aber auch die Architektur wirkt ein Stück wuchtiger.

Dabei beweist das Entwicklerteam aber auch ein enormes Gespür für Details. Sei es das Gerümpel, das überall in den Lagern herumliegt, die überwucherte Natur zwischen den Gemeinschaften mit wahnsinnig viel Vegetation und schicken Dunst- und Nebeleffekten oder schlicht die sehr detaillierten Felsformationen: Es gibt überall was zu gucken und zu staunen. Auf den Bergen stapft der namenlose Held sogar durch Schnee und Eis und hinterlässt eine realistische Spur im Schnee.

Bei den Lagern hält man sich größtenteils an die bekannte Architektur des Originals, allerdings gibt es auch Orte, die komplett umgebaut wurden. Das Sumpflager werdet ihr etwa nicht wiedererkennen. Das Lager der Bruderschaft steckt jetzt in einem Sumpf, den man auch wirklich als solchen bezeichnen kann. Die Luft ist zum Schneiden dick, die Vegetation ist extrem dicht und lässt das Sonnenlicht dadurch nur durch kleine Lücken strömen. Das Lager selbst ist verschnörkelt und verwinkelt. Viele Behausungen sind in die Bäume gebaut und mit Holzstegen verbunden.

Ausblick auf einen Sumpf Quelle: PC Games Das Sumpflager wunderschön designt mit seinen verschnörkelten Pfaden und dem dichten Blätterwerk. Gerade nachts ist die Stimmung noch mal eine Schippe mystischer und geheimnisvoller. Allgemein sind die Nächte und auch die Höhlen im Gothic-Remake schön düster. Es ist also eins der Spiele, wo es sich mal lohnt, eine Fackel in die Hand zu nehmen. Auch wenn die irgendwie dämlich gelöst sind. Anstatt die Fackel wieder zu löschen und ins Inventar zu packen, haut der Namenlose das Ding einfach immer in den Boden.

Das ist hervorragend umgesetzt und eine tolle Eigeninterpretation, die die Welt von Gothic ungemein bereichert. Doch auch die anderen Lager sind toll umgesetzt und versprühen ganz viel vom originalen Flair. Dazu kommt noch die wieder hervorragende Musik vom Originalkomponisten Kai Rosenkranz. Der hat seine Stücke von damals modernisiert und erweitert und liefert dabei erneut ein Meisterstück ab. Wir haben uns immer wieder dabei erwischt, wie wir die tolle Musik mitgesummt haben beim Spielen.

Auf der nächsten Seite klären wir, was die wunderschöne Welt für einen Hardwarehunger hat.

  1. Seite 1 Das Minental glänzt erneut
  2. Seite 2 Hardware-Hunger und der Detailgrad der Welt
  3. Seite 3 Kampfsystem & Movement
  4. Seite 4 Progressionssystem & Fertigkeiten
  5. Seite 5 Story, Quest, Bugs und Fazit
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