Jahresrückblick 2010: Spiele in der Öffentlichkeit - Medal of Honor und die Taliban

Special Max Falkenstern

Taliban in Medal of Honor, Eklat bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises und Bayerns umschrittenes Veto gegen die Altersfreigabe von Dead Space 2: Diese und andere kontroverse Themen fanden 2010 auch außerhalb der Gaming-Szene reichlich Gehör. Ein Rückblick auf die aufsehenerregendsten Ereignisse des vergangenen Jahres.

Skandalgeschichte: Taliban in Medal of Honor spielbar
Die Taliban als spielbare Fraktion im neuen Medal of Honor-Reboot lösten eine hitzige Debatte aus. Quelle: Electronic Arts Die Taliban als spielbare Fraktion im neuen Medal of Honor-Reboot lösten eine hitzige Debatte aus.
Zunächst schien sich niemand daran zu stören. Electronic Arts kündigte im Dezember 2009 vollmundig den Reboot der Medal of Honor-Reihe ein. Die Macher verabschiedeten sich von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs und verlegten das Geschehen in die heutige Zeit. Der aktuelle Krisenherd Afghanistan sollte als Schauplatz herhalten, die Geschichte aus der Perspektive einer US-Eliteeinheit erzählt werden. Auf welche Feinde Sie im zerrüttenen Land treffen würden, daraus wurde von Anfang an kein Geheimnis gemacht. Natürlich standen die Taliban auf der Abschlussliste. Bis auf ein paar vereinzelte Stimmen wurde allerdings wenig Kritik geübt.

Die Welle der Empörung brach erst los, als Electronic Arts für den Mehrspielermodus angekündigte, dass auch die Taliban voll spielbar sein würden. Der konservative US-Sender Fox News bekam Wind von der Meldung und bastelte daraus eine Skandalgeschichte. Fox bestellte für eine Sendung zum Thema die Mutter eines im Irak gefallenen US-Soldaten, die das kurz vor der Veröffentlichung stehende Spiel heftigst kritisierte. Es sei "respektlos" gegenüber den Hinterbliebenen, dass Spieler in die Rolle eines Taliban schlüpfen und auf Amerikaner schießen können. Electronic Arts versuchte mit einer Stellungnahme, die aufkochenden Gemüter zu beruhigen, doch da war es bereits zu spät.
Das US-Militär erwirkte ein Verkaufsverbot in und unmittelbar außerhalb von Stützpunkten durch. Quelle: forum-3dcenter.org Das US-Militär erwirkte ein Verkaufsverbot in und unmittelbar außerhalb von Stützpunkten durch.
Das US-Militär setzte in kurzer Zeit ein Verkaufsverbot von Medal of Honor durch, wonach das Spiel nicht mehr im Umkreis von Stützpunkten verkauft werden durfte. Rückendeckung erhielten die Amerikaner von ihren britischen Kollegen. Ihr Verteidigungsminister Liam Fox bezeichnete den Kriegs-Shooter als "ekelhaft" und "unbritisch", obgleich in Medal of Honor keine britischen Soldaten vorkommen. In Deutschland reagierte der Bundeswehrverband ähnlich entsetzt über das Spiel: "Es ist widerwärtig, so ein Spiel auf den Markt zu bringen, während in Afghanistan Menschen sterben", so ein Sprecher.

Der Publisher zeigte sich zunächst kampfbereit und reagierte mit Gegendarstellungen. Letztendlich knickte Electronic Arts unter dem wachsenden Druck ein und benannte die Taliban in Opposing Forces um - mit ernüchterndem Erfolg. Viele Spieler fanden es bedauerlich, dass EA den Schwanz eingezogen hatte. Sie waren der Meinung, dass der Publisher hätte weiterkämpfen müssen. Schließlich hatte der kalifornische Konzern gegenüber dem Nachrichtenmagazin Focus die berechtigte Frage aufgeworfen, warum Gewalt in Spielen immer noch tabuisiert wird, während sie in Büchern, Filmen oder im TV stattfindet. "Wenn jemand der Gendarm ist, muss ein anderer der Räuber sein, jemand muss der Pirat sein, das Alien. Im Multiplayer-Modus von Medal of Honor muss jemand der Taliban sein", argumentierte EA. Außerdem führte die Maßnahme nicht zur erhofften Aufhebung des Verkaufsverbots in der Nähe von US-Militär-Einrichtungen.

Sendung zu Medal of Honor bei Fox News:

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