Wer eine lebendige Welt in Avowed erwartet, wird enttäuscht. Trotzdem hat das Obsidian-Rollenspiel eine ganze Menge zu bieten!
Länger als erwartet
Aber auch hier gilt: Obsidian hat gar kein Interesse daran, alle Register zu ziehen, sondern begnügt sich oft schon mit den Basics. Das gilt auch für die Spielwelt und ihre Bewohner: Erwartet bloß keine aufwendige Simulation wie in Gothic, The Witcher 3 oder Kingdom Come: Deliverance 2! Es gibt zwar stimmungsvolle Tag- und Nachtwechsel, doch die haben null Auswirkungen aufs Gameplay. NPCs folgen keinerlei Tagesabläufen und auch den Monstern ist die Uhrzeit völlig egal. Ob Freund oder Feind, alle bleiben exakt dort, wo die Leveldesigner sie hingepflanzt haben.
Es gibt auch keine fahrenden Händler, Patrouillen oder Fraktionen wie zum Beispiel in New Vegas. Kein Wettersystem, kein Regen, kein Wind, keine dynamischen Zufallsereignisse. Alles hat seinen festen Platz, wodurch sich die Welten manchmal ganz schön statisch und leer anfühlen. Selbst die hübsch designten Wildtiere, die sich in den Dschungeln, Wäldern, Ruinen und Wüsten tummeln, sind reine Dekoration - ihr könnt die bunten Viecher weder angreifen noch jagen. (Dabei haben die so schöne Felle, achtet mal drauf!)
Dafür bekommt ihr aber abwechslungsreiche und wunderschön gestaltete Biome geboten, darunter Wüsten, mediterrane Küsten, schummrige Pilzwälder oder eine karge Gebirgsregion mit Mordor-Charme, durch die sich langsam die Lavaflüsse ziehen. Wo ihr auch gerade seid, alle Gebiete laden mit ihrer fantastischen Weitsicht zum Erkunden ein.
Quelle: Xbox Game Studios
Wer mag, kann Nahkampfwaffen, Magie oder Schusswaffen nutzen. Auch ein Mix ist möglich.
Und das kann ganz schön viel Zeit verschlingen: Obsidian hat zwar öfter betont, dass Avowed einen vergleichbaren Umfang wie The Outer Worlds bieten soll, doch das kann ich nicht bestätigen! Ich vermute zwar, dass man die Story durchaus in 20 bis 30 Stunden abschließen kann, doch wer wirklich alles erleben, jede Quest lösen und jedes bisschen Loot mitnehmen will, ist locker doppelt so lang beschäftigt. Da man auch viele Rohstoffe für das Crafting braucht (dazu später noch mehr), muss man ohnehin ordentlich Zeit ins Erkunden stecken. Ich wollte jedenfalls alles sehen - und habe bis zum Finale weit mehr als 60 Stunden gebraucht.
In diesem Artikel
- Seite 1 Avowed im Test: Es muss nicht immer ein Meisterwerk sein
- Seite 2 Avowed im Test: Überraschung aus der zweiten Reihe
- Seite 3 Avowed im Test: Wurde das Action-RPG zu lange unterschätzt?
- Seite 4 Avowed im Test: Das reicht nicht für die Oberklasse
- Seite 5 Avowed im Test: Technik, PS5 und Wertung
- Seite 6 Bildergalerie
Agil und schnell
Was mir beim Erkunden besonders gut gefällt: Meine Spielfigur ist schön flott unterwegs, kann sich problemlos an den meisten Kanten raufziehen, schwimmen, tauchen und so weiter. Die Parkour-Elemente machen Avowed zwar nicht gleich zu einem Dying Light, aber sie sorgen für ein flüssiges Spielgefühl.
Quelle: PC Games
Für ein Rollenspiel genießt ihr ungewöhnlich viel Bewegungsfreiheit. Ihr könnt sogar auf viele Gebäude klettern.
Und die Leveldesigner machen davon guten Gebrauch: Viele Umgebungen sind mit zig vertikalen Elementen wie Klippen, Türmen, Gebirgen und so weiter gespickt. Und damit sich der Aufstieg auch lohnt, gibt's massenhaft, wirklich massenhaft kleine Schätze, die ihr nur erreicht, wenn ihr in alle Richtungen erkundet und klettert, was das Zeug hält.
Zum Beispiel landet man gleich nach dem Tutorial in einem stimmungsvollen Hafengebiet. Hier könnte man natürlich einfach direkt weiter zur nächsten Hauptquest flitzen und die Story vorantreiben. Oder aber ihr habt so wenig Selbstdisziplin wie ich und versucht, auf jedes Dach zu kraxeln, weil da ja irgendwas versteckt sein könnte. So hat man schnell ein paar Stündchen verbummelt.
Nutzlos: Schleichen und Diebstahl
Angst vor misstrauischen Wachen braucht ihr bei euren Streifzügen übrigens nicht haben, ein Diebstahlsystem gibt's nämlich nicht. Heißt also, ihr könnt auch in den Städten alles einsacken, was nicht niet- und nagelfest ist. Hin und wieder gibt es verschlossene Türen oder Kisten, die man nur mit einem Dietrich öffnen kann, auch das ist den Wachen daneben völlig egal. Darum ist es nur logisch, dass es auch keine richtigen Diebestalente oder ein Schlösserknacken-Minispiel gibt - schließlich interessiert sich eh niemand dafür.
Schleichen dürft ihr allerdings schon, auch wenn ich den Sinn dahinter nie kapiert habe. Denn zum Lösen von Quests ist Schleichen komplett überflüssig. Sein einziger Zweck besteht darin, einen Gegner lautlos von hinten anzugreifen, das gibt einen kleinen Schadensbonus. Aber braucht man das? Überhaupt nicht. Das Feature hätte Obsidian also auch einfach weglassen können.
First Person oder Third Person: Was ist besser?
Avowed legt dafür größten Wert auf seine Kämpfe - und die gehen dank der gelungenen Steuerung auch gut von der Hand. Das Spiel wurde klar für eine First-Person-Ansicht designt, die ist auch standardmäßig aktiviert. Ähnlich wie in Fallout 4 oder Starfield könnt ihr das komplette Abenteuer aber auch in der Verfolgeransicht spielen, wenn ihr unbedingt wollt. Beim Kämpfen und Erkunden hat man da kaum Nachteile, einzig das Aufsammeln von Items fällt hier etwas fummelig aus.
Nun sind die Kampfanimationen aus dieser Ansicht aber ohnehin nicht hübsch anzuschauen, das Schwertgefuchtel wirkt da eher ungelenk. Für die actionbetonten Kämpfe rate ich darum klar zur Ego-Perspektive, das macht einfach mehr Spaß.
Quelle: PC Games
Bosskämpfe sind keine Stärke von Avowed.
Und es spielt sich angenehm flott: Man kann zum Beispiel über den Boden rutschen, schnell per Ausweichbewegung zur Seite hechten oder Schläge abblocken. Fühlt sich gut an und hat Tempo! Allzu taktisch geht's aber nicht zu, man muss im Grunde nur die eigene Ausdauerleiste im Blick behalten, die Abwehr von Gegnern mit aufgeladenen Schlägen durchbrechen, hier und da feindliche Heiler ins Visier nehmen und zwischendurch mal einen Trank süffeln. Das bekommen auch Einsteiger locker hin.
- Seite 1 Avowed im Test: Es muss nicht immer ein Meisterwerk sein
- Seite 2 Avowed im Test: Überraschung aus der zweiten Reihe
- Seite 3 Avowed im Test: Wurde das Action-RPG zu lange unterschätzt?
- Seite 4 Avowed im Test: Das reicht nicht für die Oberklasse
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