The Outer Worlds im Test mit Video: Die beste Fallout-Mod, die ihr nie gespielt habt

Test Felix Schütz
The Outer Worlds im Test mit Video: Die beste Fallout-Mod, die ihr nie gespielt habt
Quelle: PC Games

Mit Charme und Witz kann The Outer Worlds im Test punkten, auch wenn das Rollenspiel kaum Neues wagt: Obsidian inszeniert sein Sci-Fi-Abenteuer mit jeder Menge Fallout-DNA, bleibt aber in vielerlei Hinsicht unter seinen Möglichkeiten. Im großen Review klären wir, ob sich hinter in der New-Vegas-im-Weltall-Formel auch ein gutes Spiel verbirgt. Update: Jetzt auch mit Test-Video!

Klären wir doch die offensichtlichste Frage zuerst: Ist The Outer Worlds ein neues Fallout? Nein. Es bedient sich zwar (sehr) vieler Mechaniken aus Fallout: New Vegas, doch eine offene Welt mit Aberdutzenden Spielstunden und Hunderten simulierter Bewohner gibt's hier nicht. Stattdessen wirkt das Rollenspiel eher wie eine unheimlich ambitionierte Mod, oder genauer: wie das Remake einer unheimlich ambitionierten Mod! Eine, die mit tollen Dialogen und coolem Sci-Fi-Setting für Aufsehen gesorgt hätte - wenn sie denn jemals erschienen wäre. Das Ergebnis spielt sich rundum spaßig und vertraut, wird aber nicht jeden Nerv treffen: The Outer Worlds fühlt sich wie ein Spiel an, das auch schon vor zehn, fünfzehn Jahren möglich gewesen wäre. Manchen wird das zu wenig sein. Andere werden es genau dafür lieben.

Die Rollenspiel-Spezialisten von Obsidian Entertainment (Pillars of Eternity) zeichnen für Outer Worlds verantwortlich, hinter dem Projekt stehen Entwicklergrößen wie Leonard Boyarsky und Timothy Cain, die schon an Meilensteinen wie Fallout oder Vampire: The Masquerade - Bloodlines beteiligt waren. Das weckt zu Recht riesige Erwartungen; viele kann das Spiel zwar erfüllen, doch so richtig nach vorne bringt es das Genre leider nie. Nach unserer letzten Anspielmöglichkeit, bei der das Rollenspiel bereits einen guten Eindruck hinterließ, hatten wir das aber auch nicht erwartet.

Update: Wir haben den Artikel um ein ausführliches Test-Video erweitert.

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Willkommen in Halcyon!

Mit seinem Schauplatz kann das Rollenspiel kräftig punkten: Obsidian entwirft ein herrlich abgeranztes, satirisch überzeichnetes Sci-Fi-Setting, in dem die Menschheit zwei Weltall-Kolonien errichtet hat, die sich im entfernten Halcyon-System befinden: Die erste auf der lebenswerten, erdähnlichen Welt Terra 2, die andere dafür auf dem unwirtlichen Planeten Monarch, der von allerlei gefräßigen Kreaturen, Riesenpilzen und gefährlichen Schwefelbecken übersät ist. Hier kommt ihr ins Spiel: Zu Beginn werdet ihr als einer von zahllosen vergessenen Kolonisten aus einer Eiskapsel aufgetaut und ohne jegliche Vorkenntnisse ins Abenteuer katapultiert. Euer Retter ist der liebenswert schusselige Wissenschaftler Phineas Welles, der auch gleich den ersten Job für euch hat: Ihr werdet nach Terra 2 entsandt, wo ihr die Siedlung kennenlernen, Kontakte knüpfen und schlussendlich einen Weg finden sollt, die nötigen Chemikalien aufzutreiben, mit denen Welles auch der Rest der eingefrorenen Kolonisten wiederbeleben möchte. Wie ihr das alles anstellt, ist mehr oder weniger euch überlassen: The Outer Worlds (jetzt kaufen 60,90 € ) ist zwar überraschend linear aufgebaut, gibt euch aber in vielen Quests und Dialogen genügend Entscheidungen an die Hand, um das Schicksal der Halcyon-Kolonien maßgeblich zu beeinflussen.
The Outer Worlds im Test Quelle: PC Games The Outer Worlds im Test

Entscheidungen und Konsequenzen

Es gibt keine Regierungen oder Nationalitäten in The Outer Worlds, stattdessen haben in beiden Kolonien unterschiedliche Firmen das Sagen, die nur an einem interessiert sind: Profit. An jeder Straßenecke werdet ihr mit Postern, Leuchtreklamen und Werbeslogans zugeschmissen, der schrille Markenwahn soll die konsumgeilen Bewohner gefügig halten - und sie davon ablenken, dass es ihnen in Wahrheit ganz schön dreckig geht, denn tatsächlich halten sich die Kolonisten nur noch knapp über Wasser. Die Folge sind soziale Spannungen, immer wieder spalten sich Andersdenkende und Gesetzesbrecher in eigene Splitterfraktionen ab und suchen ihr Glück in der Wildnis. Gut für uns: Wir können nun für verschiedene Seiten Aufträge erfüllen, so unseren Ruf verbessern, für Chaos sorgen oder in manchen Fällen auch mal zwei Streithähne an den Verhandlungstisch bringen.
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So richtig tiefgängig und komplex wird The Outer Worlds dabei aber nicht. Gerade im Rahmen der Hauptquest müssen wir oft nur nur zwischen Variante A und Variante B entscheiden, etwa wenn wir bestimmen, ob wir einer heruntergewirtschafteten, freudlosen Arbeitersiedlung oder einem Lager naturverbundener Deserteure den Strom abdrehen - wer die "gute" Spielweise bevorzugt, muss da nicht lange überlegen. Moralische Grauzonen leuchten die Entwickler nur selten aus, und wenn doch mal eine kniffligere Entscheidung ansteht, tut sich meistens noch ein dritter Lösungsweg auf, der vor allem diplomatischen Spielern die Möglichkeit gibt, einen fairen Kompromiss zu finden. Das alles ist grundsätzlich in Ordnung und macht Spaß, lässt aber langfristige Folgen vermissen: Haben wir beispielsweise die Arbeiter-Krise in der Siedlung Edgewater gemeistert, gibt es danach keinen Grund mehr, jemals wieder an den Ort zurückzukehren und die Folgen der eigenen Entscheidungen auszukosten. Auch hat es oft den Anschein, dass unser Ruf (der deutlich in einem Menü angezeigt wird) keine nennenswerte Rolle spielt, viele Entscheidungen wirken dadurch fast losgelöst vom Rest des Abenteuers und beeinflussen einander nur selten - von einem Spiel, das seine Fraktionen und Quests so in den Mittelpunkt rückt, hätten wir da schon etwas mehr erwartet.

Erst in den letzten Minuten machen sich einige unserer wichtigsten Taten bemerkbar. Allerdings wird die Hauptgeschichte dadurch auch nicht wirklich spannender: Obsidian konzentriert sich deutlich mehr auf das Setting und die interessanten Charaktere darin, anstatt einen fesselnden Plot um das Ganze zu stricken. So überrascht es auch nicht, dass sich bis kurz vor dem Finale kein richtiger Oberschurke blicken lässt - und als er dann doch noch kurzfristig die Bühne betritt, fällt er auch noch erstaunlich flach aus. Wohlgemerkt: Die Story ist niemals schlecht oder lieblos, doch gerade von Obsidian hat man auch schon Besseres gesehen.

Viele Höhen und einige Tiefen

Da ihr zwar größere Levels, aber nie eine zusammenhängende Welt erkundet, erhaltet ihr kurz nach Spielstart ein klappriges Raumschiff, das auf den liebenswerten Namen "Unreliable" (Die Unzuverlässige) hört. Mit dem Kahn reist ihr danach auf einer schlichten Karte zwischen verschiedenen Orten hin und her. So besucht ihr neben Terra 2 und Monarch auch beispielsweise die stimmungsvolle Groundbreaker-Raumstation, wo sich auf engstem Raum verschiedenste Händler, Halunken und Organisationen eingenistet haben - betritt man so eine Location zum ersten Mal, fühlt man sich unweigerlich an Rollenspiel-Klassiker wie Knights of the Old Republic erinnert, in denen man stundenlang von einem witzigen Gesprächspartner zum nächsten stiefelt, während das Questlog immer länger wird. Ein bisschen retro, aber auch was für ein Spaß! Viele Nebenaufgaben locken an solchen Orten mit mehreren Lösungswegen, etwa wenn wir entscheiden dürfen, ob wir einem zwielichtigen Leichenbestatter unter die Arme greifen und seine Geheimnisse vertuschen, oder ob wir ihm stattdessen lieber Gewalt androhen und eine hübsche Summe von ihm erpressen. Diplomatie ist das A und O in The Outer Worlds, egal ob man sein Gegenüber einschüchtern, überzeugen oder anlügen will - hier sollte der Großteil eurer Talentpunkte landen, wenn ihr den gewaltlosen Weg bevorzugt!
The Outer Worlds im Test Quelle: PC Games The Outer Worlds im Test Es gibt aber auch ein paar überraschend uninspirierte Aufträge: Einmal sollen wir beispielsweise nur ein paar entflohene Rattenviecher in einem eintönigen Keller einfangen, das spielt sich so spannend wie es klingt. An anderer Stelle betreten wir zufällig eine abgelegene Hütte, in der eine verdächtige Familie haust ("Mutter hat gleich das Essen fertig, setzt euch doch!") - wer schon mal ein Rollenspiel gespielt hat, sieht den Twist hier schon von Weitem kommen. Gerade von Obisidan hätten wir da mehr frische Ideen und Überraschungen erwartet, stattdessen bekommen wir immer wieder die üblichen Schwarz-Weiß-Malereien aufgetischt, die wir schon zigfach aus anderen Rollenspielen kennen.

Dialoge in Obsidian-Qualität

The Outer Worlds im Test Quelle: PC Games The Outer Worlds im Test Doch selbst wenn vielleicht nicht jeder einzelne Auftrag mitreißt, sind die Dialoge das absolute Glanzlicht von The Outer Worlds: Es ist eine Freude, die vielen, oft verschrobenen Charaktere kennenzulernen, ihre Geschichten anzuhören und herauszufinden, was sie in Wahrheit im Schilde führen. Ausgezeichnete englische Sprecher sorgen für mächtig Stimmung, eine deutsche Vertonung hat man sich dagegen leider gespart. Immerhin wurden aber alle Texte und Untertitel sehr gut übersetzt, Obsidians typischer Wortwitz bleibt dabei zum Glück erhalten - und das ist wichtig! Denn Humor ist eine prägende Eigenschaft des Spiels, von der satirisch überzeichneten Kulisse über die teils bitterbösen Antwortmöglichkeiten bis hin zum sympathischen Raumschiffs-Computer, der uns mit sarkastischen Sprüchen und herrlich unwitzigen Gags bei Laune hält, gibt es in The Outer Worlds erstaunlich viel zu lachen.

Das gilt auch für die sechs Begleiter, die sich uns im Spielverlauf anschließen können und von denen zumindest fünf ausgesprochen sympathisch geschrieben sind. Egal ob die sanftmütige Technikerin Parvati, der grüblerische Vikar Max oder die draufgängerische Nyoka, sie alle klinken sich immer wieder in Dialoge ein, kommentieren das Geschehen und halten uns zwischendrin mit eigenen Begleiter-Quests auf Trab. Anders als bei Bioware-Titeln dürft ihr euch hier aber keine Hoffnungen auf Romanzen machen -für so ein Feature fehlte laut der Entwickler schlichtweg das Budget, wir haben es allerdings auch nie vermisst.

Bequemes Erkunden

Ihr seid grundsätzlich in der Ego-Ansicht unterwegs, eine Verfolgerperspektive wie in Bethesda-Rollenspielen gibt es nicht. So erkundet ihr nicht nur die (wenigen) Siedlungen und Raumstationen, sondern auch mehrere weitläufigere Außenareale, in denen ihr euch in alle Richtungen umschauen könnt. Tag- und Nachwechsel erwecken dabei den Eindruck, dass es sich um eine lebendige Welt wie in Skyrim handeln könnte, doch dahinter steckt nicht viel: Die Außenumgebungen sind ähnlich statisch wie in Mass Effect oder Knights of the Old Republic. NPCs haben auch keine richtigen Tagesabläufe, sondern warten einfach an Ort und Stelle, bis wir sie ansprechen. Immerhin reagieren sie zuverlässig auf Diebstähle.

Trotzdem macht das Erkunden Spaß, da es auf den verhältnismäßig kleinen Maps genug zu entdecken gibt. Freigeschaltete Orte lassen sich bequem per Schnellreise ansteuern, dabei sorgen auch die sehr kurzen Ladezeiten für zusätzlichen Komfort. Dadurch verbringt ihr angenehm wenig Zeit damit, sinnlos durch die Gegend zu latschen, sondern kommt immer flott als Ziel. Das macht auch das häufige Backtracking, das für einige Botengänge und Nebenquests anfällt, einigermaßen erträglich.

Bildergalerie

Altbackene Action im Shooter-Stil

Und auch das erinnert an Fallout: Alle paar Meter trefft ihr auf feindselige Halunken oder außerirdisches Monstergetier, hier lassen wir in klassischer Shooter-Manier die Waffen sprechen. Eine solide Auswahl an Pistolen, Maschinengewehren, Plasmawerfern und mehr ist im Angebot, außerdem sammeln wir hin und wieder einzigartige Waffen wie einen coolen Gedankenkontrollstrahler, der Gegner kurzzeitig zu Verbündeten macht. Ein paar Nahkampfwaffen sind ebenfalls dabei, fühlen sich aber längst nicht so griffig an wie die meisten Knarren. Wurfwaffen oder Granaten gibt es leider gar nicht, und auch exotischeres Kampfgerät - wie etwa Schilde oder unterstützende Drohnen - hat sich Obsidian gespart. Dadurch werden die eigentlich soliden Schießereien nach einer Weile doch etwas eintönig.

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