Timespinner Review: Das Zeitreise-Metroidvania im Test

Test Felix Schütz
Timespinner Review: Das Zeitreise-Metroidvania im Test
Quelle: Lunar Ray Games

Mit stimmiger 16-Bit-Optik, Zeitreise-Story und kräftigen Castlevania-Anleihen will Timespinner bei Metroidvania-Fans punkten. Wir haben das charmante 2D-Action-Adventure durchgespielt und klären im Test, ob es sich einen Platz in der Oberliga sichern kann. Timespinner ist seit dem 25. September 2018 für PC, PS4 und PS Vita erhältlich.

Im Metroidvania-Lager herrscht mal wieder Hochbetrieb: Allein mit Chasm, Guacamelee! 2, The Messenger oder dem aufpolierten Hollow Knight hatten Genre-Fans in letzter Zeit ordentlich was zu tun! Und damit der Nachschub nicht versiegt, feiert nun auch Timespinner seinen großen Auftritt. Das liebevoll gepixelte 2D-Metroidvania hat eine lange Geschichte hinter sich, es wurde in jahrelanger Arbeit von einem einzigen Entwickler umgesetzt, der dazu mehr als 175.000 US-Dollar über Kickstarter sammeln konnte. Nun - nach fast neun Jahren! - ist sein Werk endlich vollbracht und für PC, PS4 und PS Vita erschienen. Im Review zu Timespinner überprüfen wir, ob sich der Aufwand gelohnt hat.

Timespinner im Test: Zurück in die Vergangenheit

Wie schon Owlboy oder Chasm verneigt sich Timespinner respektvoll vor den großen 16-Bit-Klassikern der frühen 90er Jahre: Mit seinem stilechten gepixelten Retro-Design könnte es glatt als heimliches Spätwerk für das Super Nintendo durchgehen! Auch die Handlung fühlt sich an, als sei sie ein wenig aus der Zeit gefallen: Das Action-Adventure erzählt eine solide Rachegeschichte, in der wir die Zeithüterin Lunais auf ihrer Reise durch Gegenwart und Vergangenheit begleiten. Auf beiden Zeitebenen, zwischen denen wir mittels Portalen hin und her wechseln, erkunden wir das Fantasiereich Lachiem, das von einem machthungrigen Imperator und seinen Armeen unterjocht wurde. Das ist weder originell noch tiefgründig, im Vergleich zu vielen anderen Metroidvanias geht der Plot aber völlig in Ordnung und hat sogar die eine oder andere Überraschung auf Lager.
Egal ob bei Steuerung, Kämpfen oder dem pixeligen Retro-Design, das große Vorbild Castlevania ist jederzeit spürbar. Quelle: PC Games Egal ob bei Steuerung, Kämpfen oder dem pixeligen Retro-Design, das große Vorbild Castlevania ist jederzeit spürbar.

Timespinner im Test: Macht über die Zeit

Timespinner steht ganz in der Tradition von Castlevania: Symphony of the Night: Wir erkunden mit Lunais eine verzweigte 2D-Welt, sammeln neue Fähigkeiten, erschließen damit weitere Levelbereiche und freuen uns dabei über die präzise Steuerung, die das Rennen, Springen und Kämpfen zum Genuss macht. Timespinner ist aber nicht nur ein grundsolides Metroidvania von der Stange, es hat auch eine spielerische Besonderheit zu bieten: Auf Knopfdruck kann Lunais für einen Augenblick die Zeit einfrieren! Dadurch weicht sie Angriffen kinderleicht aus, huscht selbst unter Bossgegnern lässig hinweg, die sie sonst mühelos an die Wand geklatscht hätten. Cool: Sobald die Zeit einfriert, können Gegner und sogar Geschosse als Plattformen dienen, über die Lunais eigentlich unerreichbare Levelabschnitte erkunden und Secrets entdeckt. Eine schöne Idee, die aber erstaunlich selten zum Einsatz kommt, die meisten Umgebungspuzzles knackt man auch ohne Zeitspielereien - davon hätten wir gerne mehr gesehen!

Timespinner im Test: Schwächen im Leveldesign

Die Spielwelt ist zwar weder weitläufig noch übermäßig abwechslungsreich, hat aber ein paar stimmungsvolle Areale zu bieten, darunter ein idyllisches Waldgebiet, ein Schloss im Castlevania-Stil und ein futuristisches Geheimlabor, die allesamt stilecht von stimmungsvoller Retro-Musik untermalt sind. Manche Zonen sind dabei hübscher geraten als andere, vor allem in der ersten Spielstunde wandern wir durch triste Höhlengebiete, die an die Zufallslevels von Chasm erinnern. Zwar steigert sich Timespinner später noch deutlich, doch an das überragende Leveldesign eines Hollow Knight kommt es zu keinem Zeitpunkt heran.
Lunais kann zwei verschiedene Orbs ausrüsten und in drei Sets abspeichern. Quelle: Lunar Ray Games Lunais kann zwei verschiedene Orbs ausrüsten und in drei Sets abspeichern. Schade: Die Zeitreisen zwischen Gegenwart und Vergangenheit wirken sich kaum auf die Levels aus. Situationen, in denen wir beispielsweise etwas in der Vergangenheit verändern müssen, um in der Gegenwart weiterzukommen, finden sich nur sehr selten. Da lässt Timespinner viel Potenzial für kreative Puzzles ungenutzt! Immerhin gibt's aber eine ordentliche Auswahl an Secrets und Geheimräumen, mit denen Timespinner ordentlich Erkundungsanreize schafft. Und damit das Backtracking nicht zu sehr ausufert, sind auch regelmäßig Schnellreisepunkte verteilt, die Lunais blitzschnell von A nach B bringen.

Timespinner im Test: Ausrüstung und Kämpfe

Auch für die präzisen Kämpfe ließ sich der Entwickler kräftig von Castlevania inspirieren, besonders die Waffenauswahl erinnert stark an den Serien-Ableger Order of Ecclesia: Anstatt Schwerter, Äxte, Lanzen oder Bögen auszurüsten, schwingt Lunais in jeder Hand einen magischen Orb, der für unterschiedliche Attacken steht. Manche Orbs erzeugen etwa glühende Hieb- und Stichwaffen, andere schleudern magische Kugeln oder verschießen Blitze, Eiszapfen und Feuerbälle.

Nicht nur Lunais levelt durch Kämpfe auf, auch die Orbs werden durch Benutzung stärker und können unabhängig voneinander kombiniert werden. Weil Gegner unterschiedliche Resistenzen und Schwächen haben, dürfen wir außerdem drei Orb-Sets abspeichern und schnell mit den Schultertasten durchwechseln. Jeder Orb schaltet obendrein eine mächtige magische Spezialattacke sowie verzauberten Schmuck frei, den wir uns bei einem Handwerker anfertigen lassen können und der uns verschiedenste passive Boni verleiht. Hinzu kommen noch Familiar-Begleiterwesen, die unverwundbar um uns herumschweben, in Kämpfe eingreifen, dabei aufleveln und uns mit magischen Fähigkeiten unterstützen.
Bosskämpfe sind gut gemacht, fallen aber dank der Zeitstopp-Funktion relativ simpel aus.  Quelle: Lunar Ray Games Die Bosskämpfe sind gut gemacht, fallen aber dank der Zeitstopp-Funktion relativ simpel aus.  Das Ergebnis ist ein bewährtes, sauber umgesetztes Kampfsystem, das zwar viel Spaß macht, sich aber auch ein paar Schnitzer leistet: Die drei Fähigkeitensets reichen beispielsweise einfach nicht aus, um bequem zwischen allen Orbs hin- und herzuschalten, hier wäre uns ein Ringmenü auf dem rechten Analogstick lieber gewesen. Auch fallen manche Fähigkeiten wie der Plasma Orb schlicht übermächtig aus, während andere - wir schauen dich an, Ice Orb! - reichlich nutzlos daherkommen. Dadurch ist es oft praktischer, einfach bei bestimmten Angriffen zu bleiben, anstatt die Orbs durchzuwechseln.

Timespinner im Test: Quests, Entscheidungen und ein bisschen Sex

Wie in Symphony of the Night findet Lunais eine ordentliche Auswahl an Rüstungsteilen, Schmuckstücken und Heiltränken, prima! Häufig sammelt sie auch Handwerksmaterialien, mit denen sich Lunais regelmäßig zurück in ein Flüchtlingscamp begibt, wo sich sich bei mehreren NPCs neue Ausrüstung herstellen lässt. Hier kann sich Lunais außerdem regelmäßig neue Nebenquests abholen - eher ungewöhnlich fürs Genre!

Viele optionale Dialoge in Timespinner handeln von Sexualität und LGBT Quelle: PC Games LGBT, Polyamorie und Geschlechtsidentität: Gegen Ende der Nebenquests ist Sexualität das vorherrschende Thema der Dialoge.  Zwar entpuppen sich die meisten Aufträge als unspektakuläre Hol- und Bring-Dienste, doch immerhin werden sie in reichlich Dialoge verpackt, in denen wir die Nebencharaktere besser kennenlernen. Während sich die Gespräche anfangs noch über Nahrungsbeschaffung, verschollene Unterlagen oder Medizin drehen, entwickeln sich die Dialoge später zunehmend in eine andere Richtung: Früher oder später will jeder NPC im Lager über seine romantischen Vorlieben oder sexuelle Orientierung plaudern. Obwohl einige Dialoge dabei auch mal etwas plump und aufgesetzt rüberkommen, sendet Timespinner trotzdem ein positives Signal: representation matters.

Timespinner im Test: Verschiedene Endsequenzen

Selbst das Menü erinnert stark an die Castlevania-Reihe. Quelle: PC Games Nach knapp 10 Stunden hatten wir 100 Prozent der Karte aufgedeckt und den Großteil der Orbs gefunden. Zusätzlich polstern die Nebenquests auch die nicht gerade üppig bemessene Spielzeit aus: Wir haben das Action-Abenteuer in rund 10 Stunden durchgespielt und dabei 100% der Map aufgedeckt - damit bewegt sich Timespinner zwar noch im üblichen Rahmen, hätte aber ruhig etwas länger ausfallen können. Wer nur zügig das Ende erreichen will, ist sogar in der Hälfte der Zeit durch, denn den Endboss hat man schnell erreicht. Doch auch hier zeigt sich Timespinner in bester Castlevania-Tradition, denn nach dem Endgegner ist das Spiel noch lange nicht vorbei! Wer den Obermotz ignoriert (oder nach dem Sieg einfach nochmal den Spielstand lädt), der darf die Spielwelt weiter erkunden, neue Orbs, Upgrades und Fähigkeiten sammeln, weitere Bosse bezwingen und tiefer in die Geschichte eintauchen - bis hin zu weiteren möglichen Endsequenzen. Danach locken ein New-Game-Plus-Modus und ein höherer Schwierigkeitsgrad für einen zweiten Durchgang.

Timespinner ist für PC, PS4 und PS Vita (Crossbuy) erhältlich und kostet 20 Euro. Eine Umsetzung für Nintendo 3DS ist in Arbeit. Zum Test stand uns nur die PC-Version zur Verfügung.

Timespinner im Test: Wertung und Fazit

Meinung

Wertung zu Timespinner (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Gutes Metroidvania im Castlevania-StilPräzise SteuerungOrdentliche Auswahl an Orbs, Ausrüstung und ZaubernGelungene BosseGut umgesetzte Zeitstopp-MechanikHübsche 16-Bit-PräsentationPassende MusikuntermalungKomfortable Schnellreise
Kaum Puzzles, welche die beiden Zeitebenen verbindenZeitstopp-Manipulation kommt nur selten zum EinsatzMit 6 bis 10 Stunden etwas kurz geratenDurchwechseln der Obs auf Dauer mühsamLeveldesign mit Höhen und TiefenUnspektakuläre Familiar-Begleiter

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