Autor und Star-Trek-Experte Sebastian Göttling arbeitet im 2. Teil seines Rückblicks auf Staffel 4 von Star Trek TNG politische und familiäre Intrigen auf.
Wie schon einige Jahre zuvor bei der Originalserie, sprang SAT.1 in die Bresche. Beim ersten Raumschiff Enterprise hatte der Privatsender diejenigen Episoden in den späten 80ern angekauft und synchronisiert, die das ZDF Anfang der 70er-Jahre als unpassend fürs Kinderprogramm eingestuft und ausgelassen hatte.
Mit knapp 20-jähriger Verspätung hatte auf diesem Wege fast die gesamte Originalserie ihrem Weg zum deutschen Publikum gefunden. Warum nur fast? Die eine Ausnahme stellte die verbotene "Nazi-Episode" Patterns of Force (Schablonen der Gewalt) dar.
Viel zeitnaher machte SAT.1 nun selbiges mit der Next Generation, die ab dem 2. März 1994 montags bis freitags im Nachmittagsprogramm gezeigt wurde, zur perfekten Sendezeit für mich, der ich da gerade von der Schule nach Hause kam. Wobei ich sagen muss, dass die wochentägliche Ausstrahlung sowohl bei den 16 letzten ZDF-Folgen als auch nun bei SAT.1 schon fast zu viel des Guten war.
Meine persönliche Lieblingszeit der Next Generation reicht von Staffel 2, Folge 7 bis Staffel 3, Folge 19 - also der Sendeblock, der noch beim ZDF wunderbar gemächlich einmal die Woche gezeigt wurde.
Warum hänge ich besonders an dieser Zeit? Auf Video aufgenommen, konnte ich die jeweilige Folge in der eine Woche dauernden Wartezeit in Ruhe mehrfach anschauen, verstoffwechseln, fast schon auswendig lernen und vor allen Dingen mit meinen Schulfreunden in der großen Pause ausdiskutieren.
Die tägliche Druckbetankung durch SAT.1 fanden wir damals zwar großartig, denn als Teenager möchte man von guten Dingen möglichst viel besonders häufig bekommen, aber fürs Wirken lassen und für die Diskussionskultur waren fünf Folgen die Woche einfach zu viel, um Schritt zu halten und sich mit den Storys gebührend auseinanderzusetzen.
Die deutsche Bearbeitung ließ hin und wieder durchblicken, dass das Arena-Synchronstudio für den strammen SAT.1schen Sendeplan Fließbandarbeit abliefern musste - zwar auf erstaunlich hohem Niveau, aber mit einigen Gestelztheiten.
Quelle: Paramount
Anfangs nur als Nebenrolle vorgesehen, bekam Worf als Erster bei Star Trek eine lang angelegte, durchgehende Handlung.
Ebenso musste man sich im Privatfernsehen an zwei neue Stimmen gewöhnen: Captain Picard wurde nicht mehr von Robert Redfords Synchronsprecher Rolf Schult gesprochen, sondern von Ernst Meincke, der tatsächlich näher an der Originalstimme des Patrick Stewart ist - und auch Deanna Troi, die direkt im Handlungszentrum der ersten SAT.1-Episode The Loss (Das kosmische Band) stand, klang fortan um einiges rauchiger.
Doch wie gestaltete er sich inhaltlich, dieser zweite Sendeblock nach den "Themenmonaten Familie"? Passend zur geordneten Situation hinter den Kulissen, ruhte nun auch die eigentliche Serie in sich selbst. Stilistische Gleichförmigkeit, sehr klassische und unaufgeregte Erzählweise, weniger qualitative Ausreißer nach unten.
Star Trek: The Next Generation war auf einmal der unantastbare Goldstandard für Science Fiction im Fernsehen, auch wenn die Serie in den Augen mancher Fans mittlerweile ein wenig zu behäbig und langweilig geraten war.
Autor Ira Steven Behr, der sich nach der turbulenten dritten Staffel verabschiedet hatte und Jahre später als Showrunner für Star Trek: Deep Space Nine zurückkommen sollte, sagte einmal ironisch, dass er die Next Generation für das "Connecticut von Star Trek" hält.
US-Amerikaner haben, wenn sie Connecticut hören, biedere Siedlungen von Einfamilienhäusern, bewohnt von der oberen Mittelschicht, mit akkurat geschnittenem Rasen vor Augen. Und selbst ich als glühender TNG-Fan kann Behr diese Stichelei nicht verdenken.
Zu den herausstechenden Highlights der restlichen Staffel gehört Data's Day (Datas Tag). Wie der Titel schon verrät, geht es um 24 Stunden im Leben des beliebten Androiden, erzählt aus seiner schrulligen, unentwegt über die Menschheit staunenden Perspektive.
Eine Art Kurzgeschichtensammlung, garniert mit Data-haften Beobachtungen - von den Beziehungsproblemen eines Brautpaars über Tanzstunden bei Dr. Crusher bis hin zu einem romulanisch-vulkanischen Spionageskandal.
The Wounded (Der Rachefeldzug) ist einerseits ein dichtes U-Boot-Drama, in dem ein alter Kriegsheld der Föderation auf Tauchstation in ehemals feindliches Gebiet geht und aufgehalten werden muss. Erzählweise und Atmosphäre lassen dabei äußerst angenehme Reminiszenzen an die Originalserie aufkommen.
Andererseits legt die Folge einen wichtigen Grundstein für das nächste Spin-off, Star Trek: Deep Space Nine, indem eines der wichtigsten, interessantesten und vielschichtigsten Völker des Franchise eingeführt wird: die Cardassianer.
Mit den Stammschauspielern Patrick Stewart und Colm Meaney (Chief O'Brien) und den Gastdarstellern Marc Alaimo - Dukat vor Dukat, mit anderem Namen - und Bob Gunton - dem Gefängnischef aus The Shawshank Redemption (Die Verurteilten) - wird dieses Manöver zum Hochgenuss.
Die Episode First Contact (Erster Kontakt) stellt ein Star-Trek-typisches Konzept originell auf den Kopf. Erzählt wird die Episode aus Sicht eines Alien-Volkes, dessen zivilisatorisches Niveau in etwa unserem 20. Jahrhundert entspricht.
Diese Spezies erhält erstmals Besuch von Leben aus dem All - in Form der Enterprise-Besatzung, die hier eine Folge lang die "kleinen grünen Männchen" spielt und sich auseinandersetzen müssen mit Politikern, einer begeistert-offenen Astrophysikerin, Krankenhauspersonal und Fremdenhass. Eine wunderbar vieldimensionale Stunde Fernsehen, die uns Menschen auf klassische Star-Trek-Art einen Spiegel vorhält.
