Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
Special
Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation.
Im Sommer 1989 stand das Star-Trek-Franchise auf so wackeligen Füßen wie zuletzt 1969, dem Jahr, in dem die Originalserie abgesetzt wurde. Dabei hatte es nur drei Jahre zuvor noch richtig gut ausgesehen: Man beging 1986 das 20. Jubiläumsjahr, der vierte Kinofilm Star Trek 4: Zurück in die Gegenwart wurde der bis dato finanziell erfolgreichste und vom Mainstream für seine Leichtfüßigkeit geliebt - und auf einer Pressekonferenz wurde feierlich die Spin-off-Serie Star Trek: The Next Generation für Herbst 1987 angekündigt. Doch dann ging es steil bergab. Die ersten beiden Staffeln dieser neuen Serie versuchten mehr oder weniger erfolgreich, das Feuer der Originalserie einzufangen, fanden aber keinen richtigen Zugang zu den Zuschauern. Hinter den Kulissen gab es Aufruhr und Streitereien, großen Verschleiß von Autorinnen und Autoren, was Star Trek zum berüchtigtsten Arbeitgeber in ganz Hollywood machte.
Zu allem Überfluss geriet der fünfte Kinofilm unter William Shatners Regie, Star Trek 5: Am Rande des Universums, zu einem Streifen, der beim Publikum und bei der Kritik durchfiel und seine Produktionskosten nur mit Mühe wieder einspielen konnte. So durfte es nicht weitergehen, sonst könnte die Marke Star Trek zum zweiten Mal stillgelegt werden und es nicht in die 90er-Jahre schaffen.
Weil ein möglicher sechster Kinofilm zum einen fraglich und zum anderen mindestens zwei Jahre Vorbereitungszeit benötigen würde, ruhten alle Hoffnungen der fiktiven Zukunft Star Treks auf den Schultern der dritten Staffel Star Trek: The Next Generation, dieser vom Publikum nur lauwarm gemochten Serie.
Außerdem stand man aktuell führungslos da. Der letzte Showrunner, Maurice Hurley, hatte das sinkende Schiff zum Ende der zweiten Staffel verlassen und als abschließenden "Liebesbrief" eine ziemlich hingeschluderte Clipshow produziert. Bei Star Trek als Produzent anzuheuern, schien Mitte 1989 so, als würde man auf ein Ticket für die Titanic kaufen - nach dem Eisberg.
Dennoch gab es Interessenten und die Wahl fiel auf einen Michael, aber eben nicht auf Michael Piller, wie Star-Trek-kundige Leserinnen und Leser an dieser Stelle möglicherweise denken. Nein, in die dritte Staffel getragen wurde die Serie von einem gewissen Michael Wagner, der sich unter anderem um die revolutionäre Polizei Serie Hill Street Blues verdient gemacht hatte.
Wagners erste Arbeit für die dritte Staffel der Next Generation war The Survivors (Die Überlebenden auf Rana-Vier), eine stimmungsvolle Rätselepisode um ein übermächtiges Wesen, das aus Rache für den Tod seiner Frau eine fremde Zivilisation restlos auslöscht. Eine durchaus spannende und unterschätzte Episode mit angenehmen Horrorelementen, die warme Reminiszenzen an die Originalserie aufkommen ließen.
Wäre da nicht der Chef besagter Originalserie, Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry, dem Wagners Erstlingswerk gar nicht in den Kram passte. Roddenberry bat Wagner nebst Chefproduzent Rick Berman in sein Büro, um ihnen zu erzählen, dass es in Star Trek keine Aliens gibt, die gesamte Völker aus der Existenz tilgen können.
Quelle: Paramount
Die Crew der Enterprise-D beamt an Bord einer unruhigen Staffel
Dabei vergaß Roddenberry, dass sich ausgerechnet in seiner eigenen Schöpfung in den 60er-Jahren die gottgleichen Wesen die Klinke in die Hand gaben, aber Roddenberry war fühlte sich stets wohl in der Rolle eines Fabulierers, der über die Jahre und Jahrzehnte seine Meinung revidierte. Frei nach Konrad Adenauer: "Was kümmert mich mein Geschwätz von 1966?"
Auf Wagners Frage, warum denn solche Entitäten nicht in Star Trek vorkommen dürfen, kam von Roddenberry die autoritäre Ansage: "Warum? Weil ich das sage!" Rick Berman wurde aus dem Büro geschickt, damit Wagner und Roddenberry noch ein Gespräch unter vier Augen führen konnten.
Was genau sich dort zutrug, ist nicht überliefert, denn beide nahmen dieses Geheimnis mit in ihr jeweiliges Grab. Roddenberry starb 1991 und Wagner nur ein Jahr später im Alter von gerade einmal 44 Jahren an einem Gehirntumor.
Unabhängig davon, was genau hinter verschlossener Tür vor sich ging - anschließend kündigte Wagner unter Tränen fristlos. Die dritte Staffel, auf der sämtliche Hoffnungen ruhten, war gerade einmal fünf Wochen alt und stand schon wieder ohne Showrunner da.
Jetzt aber: enter Michael Piller. Damals Anfang 40, hatte Piller nur gelegentlich einzelne Drehbücher zu Fernsehserien beigesteuert, er war aber dennoch in Hollywood wohlbekannt als jemand, der für die Abteilung Standards & Practices arbeitete, zu Deutsch: Piller war ein Sittenwächter, der darauf achtete, dass das, was das Fernsehen über den Äther schickte, den US-amerikanischen Vorstellungen von Moral und Anstand entsprach.
Außerdem hatte Vorgänger Maurice Hurley ihn empfohlen als jemanden, der mit frischen und einfühlsamen Ideen eine so aufwendige Serie wie Star Trek betreuen könnte - und das, obwohl Piller überhaupt keine Ahnung von Science Fiction hatte, wie er selbst zugab.
Doch Piller war interessiert an Charakteren, an der Conditio Humana und wollte etwas versuchen, was Star Trek bereits seit Anfangstagen am besten konnte: Menschliche Geschichten erzählen, verpackt in ein futuristisches Gewand.
Sicherlich tat es der Serie auch gut, dass es sich bei Piller um einen ruhigen Pragmatiker handelte. So gewitzt sein Vorgänger Hurley auch war, er hatte sich als Hitzkopf erwiesen und dazu beigetragen, dass die Stimmung im Autorenzimmer verheerende Ausmaße angenommen hatte. Ruhepol Piller war genau der Richtige, um endlich für Frieden hinter den Kulissen zu sorgen.
Ungewöhnlich für einen Showrunner auch, dass es sich bei Piller um kein Alphamännchen handelte. Er galt als eher schüchtern im Umgang mit anderen Menschen und zeigte sich ungeschickt, wenn es darum ging, bei Sektempfängen oder anderen festlichen Anlässen in Hollywood Smalltalk zu führen.
Auch gegenüber den Schauspielerinnen und Schauspielern trat er so gut wie gar nicht in Erscheinung, da er sich lieber um das Autorenzimmer kümmerte. Data-Darsteller Brent Spiner witzelte seinerzeit: "Wenn Michael nicht ständig diese Baseballkappe tragen würde - ich wüsste gar nicht, wer er ist."
Bisherige Showrunner, allen voran Maurice Hurley, verzweifelten an der sogenannten Roddenberry-Box. Das war eines dieser hochtrabenden Konzepte, die sich der "Große Vogel der Galaxis" erst in den Jahrzehnten nach der Originalserie überlegt hatte, um sich selbst zum Visionär zu stilisieren. Und das, obwohl allmächtige Wesen neuerdings ein No-Go waren.
Diese Box besagte, dass unter den perfekten Charakteren der Sternenflotte, ganz anders als hinter den Kulissen, ständig eitel Sonnenschein zu herrschen hatte. Alle Crewmitglieder der Enterprise sollten sich pausenlos miteinander vertragen und Konflikte durften bestenfalls von außen an die erleuchtete Menschheit des 24. Jahrhunderts herangetragen werden.
Für kreatives Schreiben war die Roddenberry-Box fatal, denn seit jeher ringen Geschichtenerzählende nach Konfliktpotenzial zwischen Hauptcharakteren - ohne Remmidemmi keine Story. Wo aber die bisherigen Lenker der Serie an dieser paradoxen Vorgabe schier verzweifelten, sah Michael Piller in der Roddenberry-Box eine Herausforderung an seine eigene Kreativität.
Er wollte sich dazu zwingen, sich in diesem eng gesteckten Rahmen zu bewegen, wollte darin aber trotzdem interessante Geschichten schreiben und dem ganzen seinen eigenen Stempel aufdrücken, indem er die starren Regeln sanft weiterentwickelte.
Bildergalerie
Freilich wurde Pillers Arbeit auch dadurch erleichtert, dass Gene Roddenberry aufgrund zahlreicher kleiner Schlaganfälle zunehmend gesundheitlich angeschlagen war und der Altmeister viel weniger noch als in den ersten beiden Serienstaffeln das Leben des Showrunners durch querköpfigen Input erschweren konnte.
