Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
Special
Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation.
Eine der größten Diskussionen bei diesem Endspurt war, wie viel Durchblick durch die verworrenen Parallelzeitlinien Barkeeperin Guinan tatsächlich haben soll. "Weniger, weniger, weniger!" so forderte Produzent Michael Piller, bis am Ende nur noch übrig blieb, dass sich für Guinan die Situation schwammig falsch anfühlt. Generell galt die Ära unter Michael Piller als eine der ungenauen Chef-Rückmeldungen. Bis heute berichten Ron Moore und Ira Behr, dass sie ihre Vorgesetzten oft fragten: "Was sollen wir denn an Geschichte XY ändern?" Woraufhin von Rick Berman und Michael Piller lediglich die Rückmeldung kam: "Das wissen wir auch nicht. Irgendwie anders halt!"
Das ursprünglich geschriebene Ende der Episode "Yesterday's Enterprise" stellte eine Art Frust-Überdruckventil für die stressgeplagten Autoren dar. Was in der fertigen Folge deutlich entschärft wurde, war, dass die gesamte Brückencrew der Enterprise-D auf spektakuläre Weise ums Leben kommen sollte in den dramatischen letzten Momenten, bevor die Geschichte wieder in normale Bahnen gelenkt wurde. Man sieht in der fertigen Folge zwar sehr wohl Commander Riker mit einer hässlichen Halswunde tot am Boden liegen, doch die restlichen saftigen Todesfälle wurden dem Publikum vorenthalten.
So sollte beispielsweise Teenager Wesley von einem umherfliegenden Trümmerteil geköpft und der allseits beliebte Androide Data von einer ordentlichen Portion Starkstrom, die aus seiner Konsole austrat, gründlich gebraten werden.
Außerdem fällt vielen Fans bis heute auf, dass der Klingone Worf in der alternativen Zeitlinie keine Rolle spielt - und das, obwohl die Enterprise am Ende sogar von Klingonen angegriffen wird. Das ursprüngliche Konzept von Ron Moore und Ira Behr sah tatsächlich vor, dass der gegnerische Captain niemand Geringeres als Worf hätte sein sollen, doch Chef Rick Berman legte sein Veto ein: Worf war ihm zu jung für eine solch hohe Position.
Später gaben die beiden Autoren zu, dass es tatsächlich ein wenig unpassend gewesen wäre, so kurz vor Schluss eine "Worf-Überraschung" einzubauen. Inmitten einer hochdramatischen Handlung wäre dies ein etwas zu cleverer und verspielter Gag gewesen, der die Immersion des Publikums empfindlich gestört hätte. Ach, wenn doch nur die heutigen Star-Trek-Leute so sparsam und bedacht mit Eastereggs und Anspielungen umgehen würden ...
Zuletzt fegte Michael Piller selbst ein letztes Mal über das Drehbuch, sodass schlussendlich sieben Autoren an der Entstehung von Yesterday's Enterprise beteiligt waren: zwei an der Story, fünf am Drehbuch. Das Autorengewerkschaftssystem in den USA jedoch legt Dinge äußerst genau fest, und so dürfen beispielsweise maximal drei Drehbuchautoren genannt werden.
In diesem Fall setzte sich Michael Piller bei der Gewerkschaft für sein Team ein und erhielt eine Ausnahmegenehmigung: Statt drei Autoren durften vier genannt werden - er selbst verzichtete auf seinen eigenen Credit, doch alle anderen Beteiligten wurden genannt.
Landläufig heißt es, dass viele Köche den Brei verderben - und so war die versammelte Autorenschaft bei diesem Drehbuch reichlich skeptisch, ob ihnen etwas Gutes gelungen war. Vor allem, weil sie in der entscheidenden Phase alle separat geschrieben und die unterschiedlichen Akte der Geschichte anschließend frankensteinmäßig zusammengeschustert hatten.
Immerhin zementierte die Zusammenarbeit beim Schreiben dieser Episode die Freundschaft von Ron Moore und Ira Behr, die Jahre später erfolgreich und von der Kritik gelobt bei Star Trek: Deep Space Nine kreativ wirken sollten.
Verblüfft waren die Autoren davon, dass sie nachträglich und ausdrücklich den Tod der Tasha Yar in Staffel 1 als sinnlos bezeichnen durften. Normalerweise ist es ein absolutes No-Go für eine Fernsehserie, vergangene Plot-Entwicklungen selbstkritisch in einer späteren Episode auseinanderzunehmen, doch hier konnte ausnahmsweise das Abservieren der Sicherheitschefin offen thematisiert werden.
Allerdings - und dieser Fauxpas ist womöglich der Entstehungsweise der Geschichte geschuldet - verschwindet Tasha nebst ihrem frisch kennengelernten Love Interest, Richard Castillo von der Enterprise-C - zehn Minuten vor Ende der Episode aus der Handlung und wird ab da nicht mehr gesehen. Doch wie die Produktion von Yesterday's Enterprise ablief, was das Vermächtnis der Episode wurde - und mit welch spektakulärem Cliffhanger die Autoren die dritte Staffel über die Ziellinie trugen, das erfahrt ihr in Teil 2 dieses Artikels.
Sebastians bisherige Star-Trek-Retrospecials
- Star Trek: The Motion Picture - ein perfekter, unperfekter Film
- Star Trek 2 Der Zorn des Khan: Eine Reise aus der Midlife-Crisis und zurück
- Ungerader Film mit klassischen Qualitäten: Star Trek 3 - Auf der Suche nach Mr. Spock
- Ein Familienfilm für die Festtage: Star Trek 4: Zurück in die Gegenwart
- Utopie, Zoff & Teerpfützen: Die erste Staffel von Star Trek The Next Generation
- Star Trek 5 The Final Frontier: William Shatners Pechsträhne am Rande des Universums
- Staffel 2 von Star Trek TNG: Streiks, Sturköpfe und Sternen-Storys
- Horror im Weltraum: 13 schaurige Star-Trek-Folgen für Halloween
Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von "Star Trek: The Next Generation" sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf Blu-ray und DVD.
Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.
