Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
Quelle: Paramount

Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation.

Diese zweite Version der Geschichte ging so: Durch ein Problem mit besagtem Zeitportal stirbt Surak. Surak wer? Der war Vulkanier, lebte tausende Jahre in der Vergangenheit und gilt als Urvater der Logik und Friedfertigkeit seines Volkes. Ohne Surak schlug die Geschichte der Leute mit den spitzen Ohren eine ganz andere Richtung ein. Sie wurden kriegerisch, regierten die Galaxis mit eiserner Faust und rotteten unter anderem die Klingonen aus. Auch die Föderation ist im 24. Jahrhundert beinahe am Ende, doch immerhin lebt Tasha Yar. Am Ende opfert sich Spocks Vater Sarek - er reist durch das Zeitportal Jahrtausende in die Vergangenheit, nimmt Suraks Identität und Platz ein und sorgt dafür, dass die Vulkanier zu dem werden, was sie sein sollen.

Noch bevor Showrunner Michael Piller diese Version der Geschichte lesen konnte, erhielt auch er einen Anruf von Denise Crosby. So versessen war die Schauspielerin darauf, dass Tasha Yar zurückkehrte, dass sie Lobbyarbeit dafür betrieb, wo immer sie konnte. Piller erinnerte sich nach dem Gespräch an Ganinos Geschichte und rief diesen an, denn genau diese Zeitreise-Story würde sich bestens eignen für eine Rückkehr des Charakters. Zwei Dumme, ein Gedanke!

Stillwell und Ganino meinten daraufhin nur: "Wie passend, Michael, wir haben schon eine Geschichte geschrieben, die deinen Anforderungen entspricht", also arrangierten sie ein Meeting und zeigen ihm Version 2.

Piller lehnte jedoch die viel zu zahlreichen Rückbezüge auf die Originalserie ab, vor allem aber wollte er auf keinen Fall eine Geschichte mit Spocks Vater Sarek erzählen. Was äußerst ironisch ist, denn gegen Ende von Staffel 3 kehrte der Charakter nicht bloß zurück, die Episode trug sogar seinen Namen.

Mit diesen Änderungswünschen schickte Piller die beiden Jungautoren wieder an die Arbeit. Lediglich zwei Wochen Zeit bekamen sie und mussten rund um die Uhr in die Tasten ihrer Schreibmaschinen hämmern. Dabei waren die beiden zwar enthusiastisch am Werk, verhoben sich aber letztendlich in den Schwurbeligkeiten ihrer Ausarbeitung.

Eine ablenkende Liebesgeschichte zwischen Tasha Yar und Data schrieben sie ebenso in die Geschichte wie eine Seitenhandlung mit Commander Riker und Chefingenieur Geordi La Forge. Die beiden Kollegen sind mit einem Shuttle auf Außenmission und befinden sich deswegen außerhalb des Einflussbereichs der Zeitanomalie.

So können sie von außen beobachten, dass sich ihre Kameradinnen und Kameraden in einer finsteren und unguten Version der Geschichte befinden. Michael Piller las dies und gab Stillwell und Ganino die endgültige Rückmeldung: "Vielen Dank für eure Mühen, das habt ihr prima gemacht, aber schließlich wollen wir das auch verfilmen, deswegen übernehmen ab jetzt die Profis."

Guinan, die Barkeeperin, die alle Zeitlinien durchschaut Quelle: Paramount Guinan, die Barkeeperin, die alle Zeitlinien durchschaut Für jene Profis drängte die Zeit plötzlich, denn eigentlich war die Episode für Drehstart im Januar 1990 geplant, doch nun stellte sich heraus, dass die benötigten Gastdarstellerinnen Denise Crosby und Whoopi Goldberg nur im Dezember 1989 gemeinsam Luft in ihren Terminkalendern hatten. Mit dem Zeitdruck im Nacken schrieb der frisch angestellte Stabautor Ron Moore zunächst eine Story-Ausarbeitung, aber noch kein fertiges Drehbuch.

Das musste dann schließlich Ende November 1989 über Thanksgiving entstehen - traditionell ein langes Wochenende, an dem alle freihaben und nach Hause zu ihren Familien fahren. Nicht so das Autorenzimmer von Star Trek: The Next Generation.

Dank oberster Anordnung der beiden Chefs Rick Berman und Michael Piller war der Feiertag 1989 nicht bloß abgesagt, es wurde auch etwas eingeläutet, was in der Gaming-Branche als Crunch bezeichnet wird: Sämtliche Arbeitszeitgesetze wurden ausgehebelt, um die unerbittliche Deadline zu halten.

Michael Pillers Aussage, die Moore ihn auch Jahre später nicht vergessen ließ: "Ron, *echte* Autoren erscheinen auch am Wochenende." Um die Aufgabe zu bewältigen, wurde eine höchst ungewöhnliche Aufteilung der Geschichte vorgenommen: Statt dass sich bloß ein oder zwei Autoren um das Drehbuch kümmern, wurden die unterschiedlichen Akte (das sind die einzelnen Abschnitte zwischen zwei Werbepausen) im Autorenzimmer aufgeteilt. Hans Beimler, Ira Behr und Richard Manning schrieben jeweils einen dieser Akte, Ron Moore schrieb die Szenen vor dem Vorspann und den finalen Akt.

Das Endergebnis wurde einfach zusammengepappt. Diese eigentlich kreativitätsfeindliche und unschöne Arbeitsweise wird im Hollywoodjargon auch als Gangbang bezeichnet.

Ira Behr dazu: "Wir waren zu dieser Zeit keine Autoren, wir waren Feuerwehrleute." Dabei war die Stimmung aktuell ohnehin am Boden, weil das Drehbuch der Vorwoche, die Episode A Matter of Perspective (Riker unter Verdacht), von allen als kolossaler Fehlschlag gewertet wurde. Und dann auch noch ein Gangbang.

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