Star Trek TNG Staffel 3: Zwei neue Michaels und eine alte Enterprise
Special
Star-Trek-Guru Sebastian Göttling blickt im neuen Teil seiner Retrospektive auf die erste Hälfte von Staffel 3 von Star Trek The Next Generation.
Doch nicht nur auf der Ebene der überlebensgroßen Moralfragen machte Piller die Serie nahbarer, er sorgte auch dafür, dass es im Kleinen menschelte. Er war der Erfinder des sogenannten Piller-Filler, das sind kleine, für die Handlung eher nebensächliche Charakterszenen, die eine Episode zwischendurch auflockerten und das freundschaftliche Miteinander der Crew auf eine völlig neue Ebene hoben. Wo das Miteinander in Staffeln 1 und 2 bisweilen noch recht distanziert wirkte, begann ab der dritten Staffel eine Familie zu entstehen.
Oft wird Michael Piller nachgesagt, dass er derjenige war, der Star Trek anno 1989 vor dem Aus bewahrte. Doch Piller selbst gab sich hier zeitlebens charakteristisch bescheiden und so meinte er Jahre später: "Ich habe Star Trek nicht gerettet, es wäre auch ohne mich weitergegangen. Ich habe lediglich den Fokus auf die Charaktere gesetzt und die Serie in die Bahnen gelenkt, die zu größerem Erfolg führten." Doch so uneitel Piller auch war, seine Sozialphobien und der ungelenke Umgang mit anderen Menschen führten auch dazu, dass er einige Autorinnen und Autoren der alten Garde, die sich doch noch aus Staffel 2 herübergerettet hatten, vor den Kopf stieß. Mit den besten Intentionen und als freundlich zugewandte, konstruktive Kritik meinte Piller ein Memo, das er an den Autorenstab verteilen ließ und welches den schönen Titel trug: "Wie man gute Geschichten fürs Fernsehen schreibt."
Na schönen Dank auch, dachten sich der erfahrene Richard Manning und vor allem auch die Frau, die den Charakter des Data in den frühen Staffeln definierte, Melinda Snodgrass. Sie bekam das Schriftstück in den falschen Hals, fasste es als passiv-aggressiv auf.
Das war für Snodgrass der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn ihr war ein barscher und direkter Bollerkopp vom Schlage eines Maurice Hurley lieber als der eher unnahbare und verquaste Michael Piller. Nach einer finalen Data-Story kündigte Snodgrass in Staffel 3.
Im Autorenzimmer saßen jedoch nicht bloß alte Hasen, sondern auch eine neue Garde an Jungautoren, unter ihnen heutzutage legendäre Showrunner wie Ronald D. Moore und René Echevarria. Wo sich die Alteingesessen vor dem Kopf gestoßen fühlten, waren die Jungen dankbar für jegliche Lenkung und nahmen Pillers Memo eher als Ermutigung auf.
Diese Newcomer spürten unter Piller gleichzeitig eine nie dagewesene Freiheit, erfuhren aber auch Mentoring. Star Trek und Michael Piller starteten die Karrieren dieser begabten Autoren, sie beide durften in der dritten Staffel mit den Episoden The Bonding (Mutterliebe) und The Offspring (Datas Nachkomme) solide bis legendäre Erstlingswerke vorlegen, während sie zeitgleich noch Gelegenheitsjobs nachgingen - Echevarria beispielsweise war das ganze Jahr über noch Kellner in New York City.
Auch ein weiterer alter Hase fand endlich seinen Weg zu Star Trek: Die Rede ist von Ira Steven Behr, der zu dem Zeitpunkt bereits Showrunner der Serie Fame - Der Weg zum Ruhm gewesen war. Bei Behr handelte es sich um einen kreativen Genius mit einem unfassbar reichen Wissen um sämtliche Aspekte der Filmgeschichte und wie kineastisches Erzählen funktioniert.
Quelle: Paramount
Die empathische Deanna spürt deutlich, was sich im Autorenzimmer der Serie im dritten Jahr zusammenbraut.
Ein hervorragender Autor mit Mutterwitz, der herumspinnen und ermutigen konnte. Behr hatte im Laufe der ersten beiden Staffeln bereits bei Maurice Hurley vorgesprochen, hatte bei der Gelegenheit aber Wind bekommen von den katastrophalen Zuständen im Autorenteam und winkte ab. Nun jedoch ließ er sich aber vom persönlichen Freund Michael Piller dazu überreden, dem Autorenstab beizutreten.
Über diverse Episoden der dritten Staffel könnte an dieser Stelle viel erzählt werden, doch neben dem legendären Staffelfinale, zu dem ich später komme, ist die bewegte und ausführliche Entstehungsgeschichte einer der klassischsten Episoden überhaupt prototypisch dafür, was sich im Produktionsjahr 1989/90 ereignete. Die Rede ist von der Episode Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise).
Wie so oft fangen große Geschichten im Kleinen an - in diesem Fall mit dem jungen Star-Trek-Fan Eric A. Stillwell, der mit dem Traum von der großen Autorenkarriere (bevorzugt bei seiner Lieblingsserie) nach Hollywood kam und erst einmal ziemlich kleine Brötchen backen musste. Immerhin fand er eine Anstellung bei dem Studio, welches "sein" Star Trek produzierte, denn er arbeitete schon kurze Zeit später für Paramount Guest Relations.
Das klingt hochtrabend, bedeutet aber im Grunde, dass Stillwell Besuchergruppen über den legendären Paramount-Studio-Lot führte. Im Rahmen dieser Arbeit war er auch Türsteher, als im Paramount-eigenen Kino anno 1987 der Pilotfilm von Star Trek: The Next Generation einem ausgewählten Publikum vorgeführt wurde.
Dort traf er ausgerechnet auf Bob Justman, den legendären Produzenten der Originalserie, und fiel ihm sofort positiv auf. Stillwell wurde kurzerhand zum Produktionsassistenten bei Star Trek - immer noch nicht das Ziel seiner Träume, aber wenigstens "Mädchen für alles" am Set.
Er bekam im historischen Hart Building das Büro der nicht minder legendären Dorothy Fontana - der Frau, die in den 60er-Jahren den Charakter des Spock und die Natur der Vulkanier definiert hatte. Der umtriebige Stillwell wurde schnell nebenberuflich zum persönlichen Assistenten und Fanpost-Beantworter von Denise Crosby, der Darstellerin von Sicherheitschefin Tasha Yar in Staffel 1 der Serie.
