Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Special
Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.
Auch in der nächsten - in meinen Augen missglückten - Episode Aquiel, die eigentlich ein Film Noir hätte werden sollen, gaben sich erneut Neurosen ein Stelldichein. Chefingenieur Geordi La Forge verliebte sich in ein vermeintliches Mordopfer und vertiefte sich unerlaubter- und auch unethischerweise in deren persönlichen Logbüchern.
Nicht nur Geordis Entgleisungen in dieser Episode und auch nicht nur sein schlechtes Behandeln von Scotty in Relics führten dazu, dass wir bei Trek am Dienstag mittlerweile zahlreiche finstere Seiten des La Forge herausgearbeitet haben.
Weiterhin düster und gedrungen erzählt blieb es im Spionage-Thriller Face of the Enemy (Das Gesicht des Feindes), wo Deanna Troi eines schönen Morgens als Romulanerin erwachte, mit ihrer Identität rang und wider Willen eine Undercover-Mission zu bestehen hatte. Eine unerwartete Fortsetzung der Spock-Geschichte des Vorjahres ebenso wie eine wirklich starke Folge für den oftmals unterversorgten Charakter der Deanna Troi.
In Tapestry (Willkommen im Leben nach dem Tode) kehrte Q zum zweiten Mal in Staffel 6 zurück - oder tat er es wirklich? Vielleicht war es alles auch nur eine Halluzination, eine Nahtoderfahrung von Captain Picard auf dem Behandlungstisch von Dr. Crusher.
Bei der Episode handelte es sich nicht nur um ein Remake von Frank Capras Weihnachtsklassiker-Film It's a Wonderful Life (Ist das Leben nicht schön?), sie zeigte auch, wie der sonst so selbstsichere Captain mit den als Verfehlungen wahrgenommenen Entscheidungen seiner wild bewegten Jugend haderte.
Doch er musste hier lernen, all seine Ecken und Kanten zu akzeptieren, denn auch sie machten seinen Charakter aus. Schon wieder eine Nabelschau also - und außerdem eine wunderbar nachdenklich stimmende und anrührende Episode.
Als Nächstes folgte wiederum ein Zweiteiler, der eigentlich keiner war, denn die erste Hälfte von Birthright (Der Moment der Erkenntnis) ging hinab in die Psyche des Androiden Data, der in sich die unerwartete Fähigkeit des Träumens fand und abtauchte in eine Enterprise, die bebildert war von Rabe, Amboss, Hammer, Feuer und weiteren Archetypen des Carl Jung, Begründer der analytischen Psychologie.
Quelle: Paramount
Was wäre, wenn? Staffel 6 hinterfragt Lebensentscheidungen
In dieser Episode gab es einen Gastauftritt von Siddig El Fadil als Dr. Julian Bashir, als die Enterprise in einer weiteren Werbeaktion für die neue Spin-off-Serie die Station Deep Space Nine besuchte. Im ersten Teil von Birthright begann dann bereits die Geschichte, die den zweiten Teil vollkommen einnahm: Der stolze Klingone Worf entdeckte eine romulanisch-klingonische Kolonie.
Vorhin fand bereits die Episode Captain's Holiday (Picard macht Urlaub) Erwähnung, die in Staffel 3 produziert wurde, um dem Wunsch von Hauptdarsteller Patrick Stewart gerecht zu werden, weniger untätig auf der Brücke herumzusitzen, sondern zur Abwechslung auch mal kämpfen und eine heiße Affäre haben zu können. Viel Sex gab es zwar nicht in der nun folgenden Staffel-6-Episode Starship Mine (In der Hand von Terroristen), aber dafür umso mehr den Versuch, einen Hauch der Action von Stirb langsam einzufangen.
Und auch wenn am Ende alle bösen Söldnerinnen und Söldner tot waren, mit denen sich Picard alleine auf der Enterprise in einer Art Waschanlage befand, fiel die Episode doch deutlich zahmer aus als der Bruce-Willis-Film. Patrick Stewart wird es aber gefreut haben, ein weiteres Mal die Rolle erfüllt zu haben, für die in den ersten Jahren der Next Generation eigentlich der Charakter des William Riker vorgesehen war: die des Action-Man.
Da die Serie zunehmend den Fokus auf den Captain nicht bloß als weise Eminenz, sondern als Mann der Tat legte, war Jonathan Frakes als Riker vom heimlichen Hauptdarsteller in Staffel 6 mittlerweile zum besseren Stichwortgeber verkommen.
Bei der Originalserie hätte ein solcher Shift noch fatale Eifersüchteleien zwischen William Shatner, Leonard Nimoy und den anderen TOS-Darstellerinnen und -Darstellern hervorgerufen, doch zum Glück war Jonathan Frakes immer schon ein sonniger Zeitgenosse, dem solche nachtragenden Gedanken fremd waren. Außerdem hatte er nunmehr Blut geleckt und viel größeres Interesse an der Regiearbeit als an der Schauspielerei - und so ließ Frakes dem glatzköpfigen Briten gelassen den Vortritt vor der Kamera.
Die nächste Episode, Lessons (Der Feuersturm), war in gewisser Weise eine Fortsetzung des Staffel-5-Klassikers The Inner Light (Das zweite Leben), wo Captain Picard in seinem Kopf auf einem fremden Planeten heiratete, Kinder bekam, Großvater wurde und schließlich nach erfüllten Jahrzehnten starb.
Nun lernte er an Bord der Enterprise auch in der Realität eine potenzielle Partnerin kennen, in Form der Wissenschaftsoffizierin Nella Darren, doch als diese bei einem gefährlichen Außeneinsatz beinahe ums Leben kam, musste er einsehen, dass sich ein unantastbarer Captain diese Art von ablenkendem Interessenkonflikt niemals nicht gönnen durfte.
Während die beiden sich umwarben, musizierten sie gemeinsam in einer der Jefferies-Röhren und spielten dabei sogar als Rückgriff die Flötenmelodie aus The Inner Light. Schon wieder diese Fragen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben, wo stehe ich? Und nach der Episode der Vorwoche eine weitere Erfüllung des Wunsches von Patrick Stewart nach mehr "fighting & screwing" - erst ein Kampf gegen Terroristen, dann ein wenig Kissenschlacht mit Nella - der Mann konnte sich nicht mehr beschweren.
Doch just diese eine Episode fiel damals für uns deutsche Fans sendetechnisch aus der Reihe, denn wer wie wir in den 80ern oder 90er-Jahren aufgewachsen ist, kann sich sicherlich gut daran erinnern, wie die nachmittägliche Lieblingsserie oftmals dann unterbrochen wurde, wenn der ausstrahlende Sender Wimbledon oder ein anderes großes Tennisturnier im Programm hatte.
Doch manchmal funktionierte es auch andersherum und Serien wie Star Trek konnten ihrerseits die Sportübertragung unterbrechen. Wie das damals am 12. Mai 1994 geschah, erklärt am besten das protokollierende Tagebuch, das einer meiner besten Freunde und bekennender Star-Trek-Nerd damals - genau wie ich - akribisch geführt hatte.
Ich zitiere aus Christians damaligem Text, inklusive antiker Rechtschreibung: "Ich wollte Thorsten anrufen, wegen morgen, da sagte er mir sofort, ich solle SAT 1 einschalten. Da lief (obwohl Tennis ausgeschrieben) eine TNG-Episode! Ich analysierte natürlich sofort, welche es wohl sein könnte. Der deutsche Titel hieß Der Feuersturm. Ich fand dann heraus, daß es Lessons war, eine Episode, die eigentlich erst am Ende der sechsten Season kommt, weit entfernt von Time's Arrow. Sie kam allerdings ohne einen einzigen Werbeblock, wahrscheinlich als Zeitüberbrücker (schändlich, so eine recht gute TNG-Episode zu benutzen!). Ich wollte Sebastian das mitteilen, aber er meldete sich nicht (am Telefon). Naja, ich kann nur hoffen, daß sie Lessons auch im normalen Sendeplan bringen. Ich habe nämlich den Teaser nicht mitgekriegt."
Doch SAT.1 brachte Lessons nicht wie erhofft auf dem normalen Sendeplatz, stattdessen wurde dann die Episode Attached (Kontakte) gezeigt, die gar kein Teil der sechsten Staffel war, sondern eigentlich die achte Folge von Staffel 7, die somit 15 Folgen zu früh ausgestrahlt wurde.
Quelle: Paramount
Worf bucht einen Sabbatical im Klingonen-Kloster, um nagenden, religiösen Fragen auf den Grund zu gehen.
Als Attached dann wiederum einige Wochen später eigentlich an der Reihe war, wurde dort ebenfalls wieder verfrüht die 14. Episode der siebten Staffel, Sub Rosa (Ronin), gezeigt. Ich, der ich bei der damaligen Tennis-Ausstrahlung nicht zu Hause war und deswegen Lessons sowie Christians Anruf komplett verpasst hatte, war schon drauf und dran, die Hoffnung aufzugeben, dass dieses eine fehlende Fragment der sechsten Staffel jemals nachgeholt werden konnte.
Doch ganz am Ende der Next-Generation-Erstausstrahlung zeigte SAT.1 Erbarmen; nach All Good Things... (Gestern, heute, morgen) kam dann endlich Lessons, ebenso noch ein seinerzeit übersprungenes Fernseh-Jubiläumsspecial, dann ging es auf dem werktäglichen Nachmittagssendeplatz wieder von vorn los mit Deep Space Nine, obwohl deren erste Staffel gerade vor Kurzem erst auf einem Sonntagssendeplatz beendet worden war. Alles ganz schön kompliziert damals, wer mochte da überhaupt an Hausaufgaben und Klassenarbeiten denken?
Das mit dem fehlenden Fragment war freilich eine selbst gelegte verbale Steilvorlage, denn so heißt der deutsche Titel der nun folgenden Episode The Chase, worin die Crew der Enterprise auf intergalaktische Schatzsuche im Wettstreit gegen diverse andere Völker ging, nur um am Ende herauszufinden, dass sie alle - Spoiler-Alarm - zurückgingen auf ein Urvolk, das seine DNS vor Jahrmillionen überall in der Galaxie gepflanzt hatte. Auch hier plagte Captain Picard wieder ein schlechtes Gewissen, weil er seinem alten Professor und Mentor, der ihn zu dieser wilden Hatz hatte überreden wollen, zunächst die Tür zeigte.
