Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Special
Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.
Für die Schar an Jungautoren, die in den letzten Jahren ihre Arbeit im Hart Building bei Paramount angetreten hatten, war diese Art der Bevormundung überhaupt kein Thema, sie wollten nur zu gern kleine Brötchen backen - doch ein Profi wie Abatemarco verstand das als Schlag ins Gesicht. Erschwerend kam hinzu, dass Showrunner Michael Piller zwar ein begnadeter Kreativer war, im menschlichen Miteinander jedoch äußerst ungelenk, was bei Leuten, die ihn nicht kannten, schnell zu bösen Blut führen konnte.
Aufgrund all dieser Faktoren verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Abatemarco und dem Rest des Produktionsteams rapide und er strich zur Mitte der Staffel, kurz nach seinem eigenen Meilenstein, völlig frustriert die Segel. Ein Opfer der eigenen Erwartungen, aber auch der sehr speziellen Funktionsweise der Star-Trek-Produktionsmaschinerie Mitte der 90er-Jahre.
Cardassianer sind übrigens ein hervorragendes Stichwort, denn in gewisser Weise war Chain of Command auch Vorbereitung und Promotion für die Spin-off-Serie Star Trek: Deep Space Nine, die unmittelbar nach der Ausstrahlung des Zweiteilers im Januar 1993 in der Winterpause der Next Generation Premiere feiern sollte - und bei DS9 sollten die totalitären, grauen Aliens ebenfalls eine tragende Rolle spielen.
Tatsächlich gaben die beiden Serien hier einander narrativ ganz behutsam die Klinke in die Hand - ein Erzählstrang, der in Deutschland überhaupt nicht funktionierte, denn SAT.1 hatte die brandheiße neue Serie bereits ins Programm genommen, Monate, bevor man bei der Next Generation an der Stelle angekommen war, wo neue Episoden ausgestrahlt wurden.
Nicht nur Chain of Command lief in Deutschland, als das erste Staffelfinale des Ablegers schon drei Tage zurücklag, selbst die allererste Folge, mit welcher die Next Generation die Cardassianer einführte, The Wounded (Der Rachefeldzug), die in den USA bereits zwei Jahre zuvor gesendet worden war, kam auf SAT.1 erst nach dem DS9-Pilotfilm. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass die deutsche Senderreihenfolge heilloses Durcheinander in Handlungsabläufe und sorgsam geplante Cross-over brachte.
Quelle: Sebastian Göttling
Die Trekworld 27 von Anfang 1993 - das deutsche Clubmagazin schlechthin
Für die Next Generation als Serie bedeutete die kleine Schwester DS9, dass trotz des bombastischen Erfolgs ein drastischer Sparkurs gefahren werden musste. Nicht nur Chain of Command spielte auf minimalistischen Sets, auch ansonsten kam die sechste Staffel mit äußerst kargen und überschaubaren Kulissen daher. Womöglich war das ein weiterer Grund für die klaustrophobisch-gruselig-introspektive Erzählweise, die in dieser Staffel vorherrschte.
Während bei Deep Space Nine 15 Millionen Dollar ausgegeben wurden für das größte und spektakulärste Set, das bis zu dem Zeitpunkt jemals eine Fernsehserie ihr Eigen nennen konnte, musste anderswo Geld gespart werden, sodass die Next Generation überwiegend in besseren Abstellkammern gefilmt wurde.
Troi-Darstellerin Marina Sirtis sagte damals einigermaßen verbittert und sinngemäß: "Wir bringen hier die große Quote, aber auf der anderen Straßenseite wird das Geld ausgegeben." Doch das soll vorerst reichen für einen ersten Blick über den Tellerrand hinüber zur cardassianischen Raumstation, die sicherlich noch zu anderer Gelegenheit gewürdigt wird.
Stattdessen ein weiterer Blick auf den Erfolg der Next Generation, denn der zeigte sich auch in einer wahren Flut an Merchandise, das es mittlerweile zu kaufen gab - Bücher, Comics, Poster, CDs -, und 1992 neuerdings auch Action-Figuren aus dem Hause Playmates, mit denen Paramount einen brandneuen Multimillionen-Dollar-Deal abgeschlossen hatte.
In vergangenen Jahrzehnten hatte die Firma Mego die Lizenz für Star-Trek-Figuren und diese hatten zwar aufwendige Textilkleidung, sahen aber allesamt ein wenig merkwürdig aus. Die Älteren erinnern sich womöglich an Big Jim - so kann man sich auch Mego-Star-Trek vorstellen.
Ein kurzes und nur wenig erfolgreiches Zwischenspiel legten Star-Trek-Actionfiguren 1988 bei der Firma Galoob ein, doch die wirkten damals bereits angestaubt und schlampig bemalt - auf den ersten Blick erinnerten sie an die Kenner-Figuren von Star Wars, auf den zweiten wirkten sie doch recht billig. Playmates-Figuren waren stämmiger als die Galoobs, kleiner als die Megos, artikulierter, weniger barbiehaft-staksig, luden zum ausgiebigen Spielen ein und wirkten eher verwandt mit He-Man und den Masters of the Universe.
In den kommenden Jahren sollten hunderte dieser Figuren erscheinen, deren Gesichtszüge im Vergleich zu den Fernsehvorbildern zwar nicht immer hundertprozentig treffsicher waren, aber deren Abwechslungsreichtum umso beeindruckender war.
Wenn ich an Captain Jean-Luc Picard denke, fallen mir spontan und ohne Recherche zahllose Varianten ein: Picard als normaler Captain, in Galauniform, in seiner schicken Wildlederjacke, als Privatdetektiv Dixon Hill, als Undercover-Romulaner, als alter Mann, als Schmuggler Galen. Und dabei habe ich bestimmt einige Picards vergessen. Das nur als Veranschaulichung dessen, wie viel Geld sich mit Star-Trek-Merch im Jahr 1992/93 machen ließ.
Da sich mein Taschengeld damals von Jahr zu Jahr mehr in den Dimensionen älterer Teenager bewegte, gönnte ich mir auch den ein oder anderen Fan-Artikel, auch wenn ich erst jetzt in den 2020er-Jahren erstmalig eine kleine Sammlung von Vintage-Playmates-Actionfiguren angelegt habe. Damals in den 90ern hatte ich hier eine Tasse, dort ein Poster, vor allem aber hatten es mir die Medien angetan.
Soundtrack-CDs mit der Filmmusik von Star Trek besaß ich zahlreiche und hörte sie rauf und runter, ebenso wie all meine Nicht-Star-Trek-Klassenkameradinnen und -kameraden. Die Charts der damaligen Zeit hätten meiner Clique egaler nicht sein können. Vor allem aber kaufte ich mir gerne die Star-Trek-Romane, die damals noch im Heyne-Verlag erschienen. Anfang 1993 konnte ich bereits eine relativ stolze Sammlung vorweisen - jede Menge Kirk und Spock, etwas weniger Picard und Riker.
Doch nach der ersten Hälfte von Staffel 6 der Next Generation, auf der Schwelle zu Deep Space Nine, gingen meine Freunde und ich einen weiteren großen Schritt in Richtung des aktiven Fan-Daseins. Vorreiter war Christian, der zusammen mit Spoiler-Boy Thorsten in meiner Parallelklasse war. Er reagierte erstmalig auf eine Annonce auf den hinteren Seiten eines der besagten Romane aus dem Hause Heyne und ließ sich Informationen über den deutschen Star-Trek-Fanclub schicken.
Quelle: Paramount
Q erlaubt Captain Picard einen Besuch in seiner eigenen Vergangenheit.
Irgendwie konnte er seine Eltern zu etwas überreden, was meine damals ohne Weiteres nie erlaubt hätten: Er durfte einen ganzen Batzen Bargeld zusammen mit einigen Briefmarken statt Kleingeld in einen Briefumschlag packen und an den Fanclub schicken, um dort eine Jahresmitgliedschaft abzuschließen.
Im Gegenzug bekam er viermal pro Jahr das legendäre Clubmagazin, die Trekworld, ein etwa 160 Seiten dickes, schwarz-weißes DIN-A5-Büchlein mit Vierfarbcover voller News, Fan-Fiction, Leserbriefen (augenzwinkernd "Laserbriefe" genannt), Hintergrundinformationen und Kleinanzeigen. Dank Christians Beispiel und mit viel gutem Zureden konnte ich auch meine Eltern davon überzeugen, dass auch ich unbedingt Clubmitglied und Abonnent der Trekworld werden musste - sie erlaubten es mir unglaublicherweise.
Meine erste Ausgabe mit der Nummer 27 landete Anfang 1993 im Briefkasten, voller elektrisierender Neuigkeiten über die sechste Staffel Next Generation und den Auftakt von Deep Space Nine - Dinge, die ich erst ein Jahr später mit eigenen Augen sehen konnte. Doch weitere frühe Schritte im Fandom sind möglicherweise eine Geschichte für einen anderen Tag.
Zurück in die zweite Hälfte von Staffel 6 der Next Generation, mit einer Episode, die viele Fans damals eiskalt erwischte: Ship in a Bottle (Das Schiff in der Flasche). Zwar hatte die Serie bereits in Staffel 2 eine Sherlock-Holmes-Hommage in der Episode Elementary, Dear Data (Sherlock Data Holmes) gebracht, nur um dann festzustellen, dass die Abenteuer des britischen Meisterdetektivs, anders als angenommen, doch nicht in der Public Domain waren.
Um sich nicht mit den Erben von Sir Arthur Conan Doyle anlegen zu müssen, schob man eine eigentlich bereits geplante Fortsetzung der beliebten Episode auf die extralange Bank. Nun, vier Jahre später, war man sich anscheinend hinter den Kulissen einig geworden - und so kam der Holodeck-Charakter des Professor Moriarty - den man heute als emergente künstliche Intelligenz bezeichnen würde - zurück in einer hervorragend gespielten und philosophischen High-Concept-Episode, die ebenfalls den zweiten, wenn auch kleineren Auftritt des Lieutenant Barclay in Staffel 6 darstellte.
Auch hier gab es wieder nach innen gerichtete Fragen: Was ist real, was ist Einbildung, ab wann kann man einem Computerprogramm Leben unterstellen, was ist das Spiegelbild des Transhumanismus, wenn also die Technik menschlicher werden möchte?
Fun Fact: Als Simon Fistrich und ich in unserem Star-Trek-Podcast Trek am Dienstag vor einigen Jahren über diese Episode sprachen, waren wir freudig überrascht davon, dass eine großzügige Hörerin unseres Casts uns eine Video-Grußbotschaft spendierte - von niemand Geringerem als Daniel Davis, dem Darsteller des Professor Moriarty, in der er spannende Hintergrundinformationen verriet.
