Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Special
Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.
Nun aber kommen wir nach diesem Fehlstart endlich zum tatsächlichen Finale der sechsten Staffel Next Generation. Ron Moore war daran zwar beteiligt, sein Kollege Brannon Braga jedoch nicht, stattdessen war es Moores Aufgabe, einen Story-Entwurf seiner Chefin und Showrunnerin Jeri Taylor in ein Drehbuch umzusetzen. Da sich die Serie langsam aber sicher dem Ende zuneigte, war der Plan, ein paar Fan-Favoriten unter den Antagonisten zurückzuholen.
Zum einen die Borg, die drei Jahre zuvor den legendärsten aller Cliffhanger ausgelöst hatten, der die Next Generation zum Stern am Quotenhimmel gemacht hatte. Seitdem waren sie nur einmal in der introspektiven Episode I Borg (Ich bin Hugh) aufgetreten. Doch nicht nur das, die Borg sollten sich nun zusammentun mit Datas bösem Zwillingsbruder Lore, der sich zuletzt gegen Beginn von Staffel 4 mit dessen Emotions-Chip aus dem Staub gemacht hatte.
Kern der Geschichte war, dass Lore, der sich erst in den letzten Momenten der Episode als Strippenzieher offenbart hatte, unseren sanftmütigen Data mit dem Angebot eigener Emotionen ebenfalls auf die Seite der Finsternis zu ziehen versuchte - und das schien sogar zu gelingen, denn Data genoss es hier, anderen Lebewesen Schmerzen zuzufügen oder sie gar zu töten.
Das Leitmotiv der sechsten Staffel blieb auch im Finale erhalten - das Ringen mit der eigenen Identität, den im tiefen Inneren lauernden Schatten und möglicherweise verpassten Chancen.
Doch leider konnte ich damals wie heute den finalen Moment mit Lore nur schwer ernst nehmen, zu comichaft wurde der fiese Androide dargestellt. Wenn er einen Schnurrbart gehabt hätte, er hätte ihn gezwirbelt. Und auch die Borg waren nicht mehr die unaufhaltsame Flutwelle, für die Individualität ein Fremdwort darstellte; es handelte sich hier um abtrünnige Chaoten, deren "Middle Management" und Data-Verführer sich Crosis nannte.
Für uns jugendliche Star-Trek-Fans war damals dieser buchstäbliche Abstieg der Borg, dieser Descent, eine ziemliche Enttäuschung. Dass diese kybernetische Rockerbande gewinnen oder gar Data der Dunkelheit anheimfallen könnte, hielten wir für ganz und gar nicht bedrohlich - im Gegensatz zu der hochdramatischen Verwandlung des Captain Picard in den Borg Locutus in The Best of Both Worlds (In den Händen der Borg/Angriffsziel Erde) drei Staffeln zuvor.
Quelle: Paramount
Star Trek: The Next Generation
Immerhin trat ein beeindruckender und ungewöhnlicher Gaststar auf, denn in der Eröffnungsszene spielte Data auf dem Holodeck Poker gegen Isaac Newton, Albert Einstein und Professor Stephen Hawking - letzterer, ein großer Star Trek Fan, spielte sich hier selbst. Schon ein paar Jahre zuvor hatte er eine Set-Führung genossen und sich beim Anblick des Warp-Antriebs lapidar geäußert: "I'm working on that."
Und noch ein Fun Fact zu Descent: Irgendetwas musste reichlich schiefgelaufen sein in der Pressestelle von SAT.1 im Frühjahr 1994, denn als Episodentitel druckten sämtliche Fernsehzeitschriften der damaligen Zeit nicht Angriff der Borg, sondern Angriff der Berge. Leider hatte uns "unser" Clubmagazin, die Trekworld, längst verraten, worum es in dieser Episode eigentlich ging, sonst hätten wir uns immerhin ein paar Tage lang gefreut auf eine epische Auseinandersetzung der Enterprise-Crew mit Reinhold Messner und Luis Trenker.
Damals wie heute gilt Staffel 6 von Star Trek: The Next Generation bei Fan-Umfragen und auch in der vorherrschenden Lehrmeinung als das beste Jahr der Serie, das fanden unter anderem auch Autor Ronald D. Moore und Data-Darsteller Brent Spiner. Sicherlich war es das qualitativ konsistenteste Jahr der Serie, es gab erstaunlich wenige Ausreißer nach unten - doch dafür waren auch die Höhepunkte in meiner Wahrnehmung nicht so herausragend wie in vergangenen Jahren.
Gerne nehme ich in Kauf, dass ein Serienjahr durchwachsener ist, beispielsweise Staffel 3, wenn es dafür sensationelle Klassiker gibt wie Yesterday's Enterprise (Die alte Enterprise), The Offspring (Datas Nachkomme) und Sins of the Father (Die Sünden des Vaters) - ein Drei-Episoden-Hattrick, den ich niemals müde werde zu preisen.
Andererseits finde ich es sehr lobenswert, mit den zahlreichen Psychogrammen, Nabelschauen, Hinterfragungen und potenziellen mentalen Störungen erneut eine Themenstaffel abzuliefern, nachdem bereits das vierte Jahr der Serie von den Macherinnen und Machern ganz bewusst unter dem Motto "Familie" inszeniert worden war.
Ob diese düster-grüblerische Innensicht hier ebenfalls beabsichtigt war, dazu konnte ich bis heute keine offiziellen Aussagen finden, doch ich möchte es gerne glauben. Für ihre vorerst letzte Reise und den Weg ins Kino werden die Heldinnen und Helden der nächsten Generation ihren Blick aber wieder nach außen in ferne Welten richten müssen.
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Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von Star Trek: The Next Generation sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf Blu-Ray und DVD. Alle Staffeln von Star Trek: Deep Space Nine sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf DVD.
Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.
