Viele Reisen ins Ich: Die sechste Staffel von Star Trek The Next Generation

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Viele Reisen ins Ich: Die sechste Staffel von Star Trek The Next Generation
Quelle: Paramount

Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.

Star Trek im Sommer 1992: Das silberne Franchise-Jubiläum des Vorjahres lag in der Vergangenheit, ebenso der traurige Abschied von Serienschöpfer Gene Roddenberry. Staffel 5 von Star Trek: The Next Generation bot passend zu alledem staatstragende Cross-over, Feierstimmung und in Sachen Storytelling eine im letzten Artikel dieser Serie beschriebene und ungewöhnliche Dreiteilung - ein politischer Wasserkopf zu Beginn, eine eher schwammig geratene und nach Form suchende Mitte, knackige Science-Fiction-Wochen zum Ende.

In den Nielsen-Ratings, das war die damals bedeutsamste, US-amerikanische Art und Weise der Einschaltquotenermittlung, lag die Hochglanz-SciFi-Serie mittlerweile unangefochten in der Top 3 - wenige Jahre zuvor wäre das völlig undenkbar gewesen.

Was bedeutete diese Mischung verschiedener Ausgangslagen für den Start in die sechste Staffel der nächsten Generation? Zum einen jede Menge Selbstsicherheit, denn nur eine völlig verhunzte Serienstaffel hätte den Platzhirsch jetzt entthronen können. Dennoch waren Stimmen zu hören, die meinten, dass die Serie in den vergangenen zwei Jahren zunehmend anfing, sich auf ihren eigenen Lorbeeren auszuruhen.

Explosiv-kreatives Erzählen wie in Staffel 3 war ein Stückweit in Vergessenheit geraten - zwar wurden zahlreiche klassische Episoden produziert, doch dazwischen auch einige, die so farblos und gefällig wirkten wie die mit hellem Pastellteppich ausgelegten Fußböden der Enterprise-D.

Die Erzählweise von Serien geriet in den USA in der ersten Hälfte der 90er in Bewegung und so war es mittlerweile en vogue, Handlungsbögen düsterer auszugestalten, für gewöhnlich strahlenden Helden etwas mehr Ambivalenz anzudichten. Heutzutage würde man das "edgy" nennen. Das war zwar unter dem strengen Auge des Gene Roddenberry niemals möglich gewesen, denn seine Zukunftsvision war eine strikt utopische, doch nach dem Tode des Altmeisters konnte man Ausflüge in finstere Gefilde nun hier und dort vorsichtig wagen.

Zu Beginn der sechsten Staffel Next Generation sitzt Data immer noch bei Guinan im 19. Jahrhundert fest. Quelle: Paramount Zu Beginn der sechsten Staffel Next Generation sitzt Data immer noch bei Guinan im 19. Jahrhundert fest. Doch bloß nicht zu heftig am Boot wackeln, denn es gab immer noch die Senderbosse und die Werbekunden zu berücksichtigen, die traditionell zauderten, was Veränderungen anging. Auch hatte Roddenberry bereits zu Lebzeiten seinen selbstgewählten Thronfolger Rick Berman installiert, der zwar etwas kompromissbereiter war, sich aber dennoch seiner großen Verantwortung bewusst und die Vision Roddenberrys weiterhin streng durchsetzte.

Außerdem hatte man zu Serienbeginn 1987 mit allen Hauptdarstellerinnen und -darstellern der Next Generation einen Sechs-Jahres-Vertrag abgeschlossen, sodass die Chance groß war, dass die Serie nach Staffel 6 zu Ende gehen könnte, denn Vertragsverhandlungen für ein siebtes Jahr - oder darüber hinaus - hätten gewiss erfolgsbewusste Gagenforderungen seitens Patrick Stewart & Co. verursacht - und damit ein unangenehm hohes Budget.

Vielleicht aber musste man in diesen sauren Apfel beißen, denn wäre die Serie nach der sechsten Staffel beendet gewesen, hätte Paramount zeitgleich zwei seiner besten Pferde im Stall verloren, denn bessere Quoten noch als die Next Generation hatte nur die ewige Nummer 1, die klassische Sitcom Cheers, bei der felsenfest feststand, dass sie im Mai 1993 nach erstaunlichen elf Jahren Laufzeit enden sollte.

Für die Star-Trek-Fanzines der damaligen Zeit war also die alles entscheidende Frage, ob - und wenn ja, wie - es für die Next Generation nach dem nun beginnenden Jahr weitergehen könnte. Denn in der Pipeline war jetzt auch die neue Spin-off-Serie Deep Space Nine, welche die sechste Staffel ab der Mitte begleiten sollte, zeitgemäß edgy (da haben wir es wieder) daherkommen würde und somit eine potenziell hervorragend geeignete Ablösung darstellte. Doch der Start von DS9 ist eine Geschichte für einen anderen Tag.

Im US-Fernsehen lief die sechste Staffel der Next Generation von Herbst 1992 bis Frühjahr 1993. Im deutschen Free-TV hingegen wurde sie vom 17. Mai bis zum 22. Juni 1994 in nur etwas über einem Monat gesendet, nachdem SAT.1 bereits 43 Episoden der vierten und fünften Staffel ab März 1994 in deutscher Erstausstrahlung gezeigt hatte. Wobei eine Episode der sechsten Staffel bei ihrem Debüt völlig aus der Reihe tanzte, doch dazu später mehr.

Nach wie vor wurde die Serie fürs Privatfernsehen im Eiltempo synchronisiert und im Nachmittagsprogramm versendet; durch diese Intensiv-Ausstrahlung wuchs das bisherige Nachtschattengewächs "Star Trek in Deutschland" zum Quotenkönig heran - nur eben nicht zur besten Sendezeit und vor einem vorrangig erwachsenen Publikum, sondern eher unter Kindern und Jugendlichen. Für Berufstätige gab es immerhin an den meisten Tagen eine Nachtwiederholung auf SAT.1, sogar ganz ohne Werbeunterbrechung im Episodenverlauf.

Doch weil vom Programmplan so spät am Abend bereits oft abgewichen wurde, konnte man sich auf einen minutengenauen Beginn der Nachtwiederholung nicht verlassen. Während man den abzupassen versuchte, kam man schließlich doch in den Genuss ganz besonderer Werbung und konnte den 0190-Damen beim Feilbieten ihrer Dienstleistungen zuschauen.

Auch fiel die Ausstrahlung der sechsten Staffel komplett in die Lücke zwischen zwei Ferien in meiner nordrhein-westfälischen Heimat. Staffel 3 war - noch im ZDF - in die Sommerferien 1993 gefallen und der Übergang von Staffel 4 nach 5 lag auf SAT.1 in den Osterferien 1994, weswegen ich in beiden Fällen meinen guten alten Freund und Spoiler-Boy Thorsten als Urlaubsaufnahme-Service engagierte.

Um die VHS-Archivierung von Staffel 6 konnte ich mich durchgehend selbst kümmern und musste diesmal nicht unter herbem Qualitätsverlust von Thorsten aufgezeichnete Episoden via Scart-Kabel von Videorekorder zu Videorekorder kopieren.

Stressig war das Aufnehmen trotzdem einigermaßen, denn ich näherte mich dem Ende des neunten Schuljahres und sämtliche Lehrerinnen und Lehrer meines Gymnasiums ließen uns Klassenarbeiten und Tests noch und nöcher schreiben, um auf den letzten Metern noch Noten einzusammeln, weswegen der Star-Trek-Genuss oftmals mit intensiven Lernphasen kollidierte.

Die tägliche Ausstrahlung auf SAT.1 bedeutete aber auch, dass der staffelübergreifende Cliffhanger genau wie seine zwei Vorgänger (und der eine noch folgende) nicht wie im Herkunftsland den Spannungsbogen über Monate hielt, sondern unmittelbar am nächsten Werktag aufgeklärt wurde. Time's Arrow (Gefahr aus dem 19. Jahrhundert, Teil 1) kam am 16. Mai 1994, Teil 2 direkt am 17.

Kurz zur Erinnerung, wie wir Staffel 5 verließen: In Teil 1 hatte man Datas abgetrennten Kopf in einem Minenschacht unter San Francisco entdeckt und auf der Suche nach einer Lösung für dieses Paradoxon hatte es die Hauptcharaktere der Serie ins besagte 19. Jahrhundert verschlagen, wo sie sich nicht nur mit Seelen fressenden Außerirdischen auseinandersetzen mussten, sondern mit Mark Twain auch einer historischen Gestalt begegneten.

Todesangst beim Beamen - gezeigt wird der erste POV aus einem Transporterstrahl. Quelle: Paramount Todesangst beim Beamen - gezeigt wird der erste POV aus einem Transporterstrahl. Mit dieser Geschichte hatte man sich abermals zum Staffelende narrativ in eine Zimmerecke gemalt - diesmal nicht, weil man eine Zauberwaffe gegen die übermächtigen Borg aus dem Hut zaubern musste, sondern weil die Geschichte mit ihrem ganzen Zeitreisen-Hin-und-Her so überkomplex geraten war, dass man zahllose Knoten im Story-Wollknäuel hatte.

Stabautor René Echevarria erinnert sich an ausufernde und mitunter amüsante Diskussionen über die Funktionsweise von Zeitreisen und dass irgendwer ausgerufen haben soll: "So funktioniert das nicht mit dem Reisen durch die Zeit, du Idiot!" Infolgedessen gab es große Anschuldigungen und verbissene Streits um den Sinn und Unsinn u.a. der Bill-und-Ted-Filme.

Showrunnerin Jeri Taylor hat den Entwicklungsprozess von Time's Arrow, Part 2 als völligen Albtraum in Erinnerung: "Es war eine fürchterliche Anstrengung, die Story ans Rollen zu bekommen." Und als man dann endlich ins Drehbuch ging, wurde die Geschichte - sozusagen am offenen Patienten - während des Drehs fortwährend geändert. Ganze Passagen wurden in letzter Sekunde herausgenommen, restrukturiert, andere Dinge hineingestopft und so weiter. Taylor: "Das war die wahrscheinlich problematischste Episode des gesamten Jahres."

Für mich war die größte Enttäuschung in Time's Arrow, wie ein Geheimnis verpuffte, dass die Serie seit vier Jahren sorgsam aufgebaut hatte. Jean-Luc Picard und seine Barkeeperin Guinan, gespielt von Whoopi Goldberg, kannten sich, so munkelte man an Bord der Enterprise, schon seit vielen Jahren, sprachen aber niemals offen über diese Verbindung und ließen sie geheimnisvoll - lediglich kleine Andeutungen blitzten hier und dort auf.

Jetzt stellte sich heraus, dass die steinalte Guinan bereits im 19. Jahrhundert zur Stippvisite auf der Erde war, sich dort mit Samuel "Mark Twain" Clemens angefreundet hatte und just im Rahmen dieses verworrenen Data-Zeitreiseabenteuers erstmalig in ihrer Timeline dem Captain der Enterprise begegnete.

Diese lapidare Auflösung entsprach seinerzeit nicht der Epik, welche in meinem Kopf aufgrund der jahrelangen geheimnisvollen Hinweise entstanden war. Time's Arrow war kein großer Wurf und, so fand ich und finde es immer noch, die Qualität der großen Cliffhanger bei der Next Generation nahm mit jeder weiteren Staffel ab.

Die zweite Episode der Staffel, Realm of Fear (Todesangst beim Beamen), brachte den Publikumsliebling Lieutenant Barclay zurück, wie immer gespielt von A-Team-Darsteller Dwight Schultz, nachdem dieser in Staffel 5 Sendepause hatte.

Diesmal durfte er weniger herumblödeln als in seinen zurückliegenden Auftritten, stattdessen wurde er beim Hin-und-Zurück-Beamen auf ein Geisterschiff in der erstmals dargestellten Zwischenwelt des Transporterstrahls mit unanständig aussehenden Wurmwesen konfrontiert, die einerseits eine reale Gefahr darstellen könnten, andererseits aber auch eine neuerliche Manifestation Barclays zahlreicher Neurosen.

Bildergalerie

Die Geschichte blickte introspektiv in die Ängste des Lieutenants, war klaustrophobisch und kammerspielhaft inszeniert und dadurch einigermaßen gruselig gelungen. Auf diese Weise wurde ziemlich zu Beginn bereits eine Story-Geschmacksrichtung eingeführt, die sich wie ein roter Faden durch die sechste Staffel ziehen sollte.

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