Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Quelle: Paramount

Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.

Es folgte Frame of Mind (Phantasie oder Wahrheit?), worin Commander Riker eigentlich in einem Theaterstück mitspielte, das von etwas handelte, was damals noch "Irrenhaus" genannt wurde. Doch mehr und mehr verschwammen für Will die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. War er wirklich der erste Offizier der Enterprise, oder war er verrückt und die Karriere in der Sternenflotte lediglich eine Wahnvorstellung?

Der Beschreibung nach war das eigentlich die ultimative Psycho-Episode in einer Staffel voller solcher Geschichten, doch heutzutage wirkt Frame of Mind längst nicht so abgrundtief finster und surreal, wie meine Beschreibung es erahnen lässt. Wer Shutter Island erwartet, wird von einer eher braven und harmlosen Geschichte mit einem klassischen Antäusch-Finale bestenfalls milde überrascht.

Die Ereignisse des zurückliegenden Zweiteilers Birthright hatten auch Worf in eine innere Glaubenskrise gestürzt. Um wieder klarzukommen, nahm dieser seinen über Jahre gesammelten Urlaub und zog sich für ein paar Wochen in ein klingonisches Kloster zurück, wo ihm im Weihrauchwahn niemand Geringeres erschien als der seit vielen Jahrtausenden tote Religionsgründer Kahless, der Unvergessliche.

Was ich als Teenager schwer langweilig fand, geriet hier tatsächlich zu einer vielschichtigen und unterhaltsamen Auseinandersetzung mit Religionen und der Inszenierungen, derer sie sich seit jeher bedienen.

Und nachdem Chef Picard in dieser Staffel schon gleich zweimal die Entscheidungen seines Lebens hinterfragen musste, ging es nun seinem ersten Offizier Riker ganz ähnlich. Von ihm wurde in Second Chances (Riker : 2 = ?) nach vielen Jahren ein irrtümlich entstandenes und vergessenes Transporter-Double entdeckt und dieser zweite Riker, der kurzerhand Tom getauft wurde, wähnte sich immer noch in einer heißen Romanze mit Deanna Troi.

Obwohl der "echte" Riker diese Beziehung eigentlich längst hinter sich gelassen hatte, erwachte in ihm nun doch die Eifersucht auf seinen genetisch identischen Nebenbuhler - also wieder einmal jede Menge "hätte, hätte, Fahrradkette".

Übrigens: Vorhin beschwerte ich mich noch über die Sperrigkeit der deutschen Titel, doch "Riker : 2 = ?" ist ein unerwarteter und lustiger Riff auf die Originalserien-Episode The Enemy Within, die auf Deutsch "Kirk : 2 = ?" hieß (eigentlich könnte man jede der zahlreichen Doppelgänger-Episoden in Star Trek nach diesem Schema betiteln).

Doch mit Gefangen in einem temporären Fragment - so heißt Timescape, die vorletzte Episode der Staffel, auf Deutsch - schoss die Synchronredaktion erneut den Vogel ab, weswegen ich alles Lob instantan wieder zurücknehme. Zum einen war das ein neuer Weltrekord in Sperrigkeit, dann kam erst vor lediglich fünf Episoden das eigentlich eher seltene Wort "Fragment" schon einmal im deutschen Titel vor - und schließlich ist das besagte Fragment eben nicht temporär, also vorübergehend, sondern temporal, auf die Zeit und ihren Ablauf bezogen.

Das Staffelfinale zeigt, was Geordis Borg-Freund Hugh - und Datas böser Zwilling Lore - mit den übermächtigen Borg anrichteten. Quelle: Paramount Das Staffelfinale zeigt, was Geordis Borg-Freund Hugh - und Datas böser Zwilling Lore - mit den übermächtigen Borg anrichteten. Darüber hinaus wirkte die Episode ein wenig wie aus der Staffel gefallen, oder aber auch als sehr zeitnah erschienenes Remake einer Episode aus dem Vorjahr. Zur Erinnerung: In The Next Phase (So nah und doch so fern) kurz vor Ende von Staffel 5 havarierte ein romulanisches Schiff und im Rahmen der Rettungsaktion fielen Chefingenieur Geordi La Forge und Ensign Ro aus der Phase, konnten auf einmal durch Wände gehen und mussten ihr Schiff vor dem Sabotageakt eines Romulaners retten, der es in die Luft sprengen wollte.

Nun, ziemlich genau eine Staffel später, war abermals ein romulanischer Bird of Prey in Schwierigkeiten, woraufhin sich Picard, Troi, La Forge und Data ebenfalls losgelöst vom Kontinuum ihrer restlichen Kollegen in einem einzigen Moment bewegten und eine kurz vor der Zerstörung stehende Enterprise retten mussten, die wie ein Insekt in Bernstein eingefroren war. Trotz dieser frappierenden Parallelen eine sehr vergnügliche und aufregende High-Concept-Episode auf dem vorletzten Sendeplatz der Staffel.

Bevor aber nun der Cliffhanger kommt, der das Publikum mit seinem offenen Ende atemlos in die Sommerpause entließ, gilt es, einen anderen Spannungsbogen aufzulösen. Denn mittlerweile stand fest, dass dies hier nicht die letzte Next-Generation-Staffel sein würde - es sollte noch eine siebte und letzte folgen. Hatte man dafür die Schauspielerinnen und Schauspieler wie erwartet mit üppigen Gagenerhöhungen verwöhnt?

Nicht ganz, das Vorgehen von Paramount war deutlich raffinierter: Anderthalb Jahre zuvor hatte man mit Star Trek 6: The Undiscovered Country (Star Trek 6: Das unentdeckte Land) die klassische Crew rund um Kirk in Rente geschickt und war sich nun sicher, dass diese Lücke im Kino von der beliebten Next Generation geschlossen werden sollte.

Also stellte man den Darstellerinnen und Darstellern in Aussicht, dass sie nach einer ultrakurzen Sommerpause im Anschluss einer potenziellen Staffel 7 unmittelbar in eine lukrative und prestigeträchtige Kinoproduktion starten würden, wenn sie nur die siebte und finale Staffel zu alten Konditionen absolvieren würden.

Das ließ sich keiner der glorreichen Sieben zweimal sagen und so stand fest: Nach der Sommerpause würde es für ein Jahr weitergehen, im späten Frühjahr 1994 wäre danach ein für alle Mal Schluss im Fernsehen für die TNG-Crew - und bereits im selben Jahr würde man sie kurz vor Weihnachten auf der großen Leinwand bestaunen dürfen.

Doch nun: das Staffelfinale. Ein Vorschlag für einen Zweiteiler, der die Jahre 6 und 7 umspannt hätte, war die Geschichte der drohenden Ausmusterung der Enterprise-D. Das stolze Flaggschiff der Sternenflotte sollte umgewidmet werden zu etwas, wonach es bereits seit Tag 1 der Serie aussah: einem luxuriösen Passagier-Liner für die Gutbetuchten in der Föderation.

Zu diesem Zweck würden Crew und Schiff zurückbeordert zur Erde, wo sich die Wege unserer Heldinnen und Helden trennen sollten, sie alle würden unterschiedliche neue Posten bekommen. Doch auf dieser letzten Reise in die Heimat hätte ein mysteriöses fremdes Schiff angegriffen, weswegen ein Manöver vorgenommen worden wäre, das bislang erst dreimal in der Serie vorgekommen war: Die Untertasse der Enterprise-D hätte sich von ihrem Rumpf getrennt, woraufhin die Antriebssektion kurzerhand explodiert und die Untertasse auf einem fremden Planeten abgestürzt wäre.

Diese Idee von Moore und Braga fußte auf dem Wunsch des Autorenzimmers, der Serie für die letzte Staffel ein brandneues Schiff und damit einen moderneren Stil zu verpassen, denn die pastellfarbene Enterprise-D galt mittlerweile, wo man sich mit großen Schritten auf die Mitte der 90er-Jahre zubewegte, als zu klischeehaft 80s.

Doch dieser Geschichtenvorschlag wurde abgelehnt, laut Moore wohl, weil die Showrunner die Idee nicht ausstehen konnten. Wahrscheinlich aber richteten die Chefs schon ihren Blick auf den bevorstehenden Kinofilm, wo man das Publikum visuell mit der altbekannten D-Enterprise abholen wollte. Dieser gescheiterte Cliffhanger trug übrigens den Arbeitstitel All Good Things...

Wem das alles schrecklich bekannt vorkommt: Das Serienfinale, zwölf Monate später, sollte exakt diesen Titel tragen - und der Absturz der Untertasse würde sich im großen Kinofilm ereignen. Sowohl die finale Episode als auch der Film, die beide eine Geschichte für einen anderen Tag sind, stammten aus der Feder der Autoren Moore und Braga.

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