Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Quelle: Paramount

Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.

Die nächste Episode durfte dann wieder Freaky Brannon Braga übernehmen - und sie war wie für ihn gemacht: Schisms (In den Subraum entführt) war in gewisser Weise Wegbereiter für einen kurz bevorstehenden Fernsehhit der 90er, denn obwohl die US-Premiere von Akte X erst im nächsten Jahr stattfinden sollte, wurden hier Crewmitglieder der Enterprise von namenlosen und schattenhaften Aliens in eine Paralleldimension entführt und dort brutalen Experimenten unterzogen - nur um am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und Gedächtnislücken zu erwachen.

Braga hatte hier großes Interesse daran, zu erzählen, wie die Charaktere in den ersten vier Akten der Geschichte langsam den Verstand verloren und sich behutsam an das dunkle Mysterium herantasteten. Auch hier wieder Klaustrophobie, wohliger Grusel und das Ringen mit einer möglicherweise vorliegenden, psychischen Störung. Langsam war ein Muster zu erkennen in Staffel 6.

Nach Ausstrahlung dieser Episode startete am 22. Oktober 1992 das Space Shuttle Columbia ins All, an Bord ein Teil der Asche des im Vorjahr verstorbenen Star-Trek-Erfinders Gene Roddenberry, der somit seine eigene letzte Reise in die Final Frontier antrat.

Genau wie der hypernervöse Lieutenant Barclay hatte auch der allmächtige Q in Jahr 5 Sendepause gehabt und kehrte nun in True Q (Eine echte "Q") wieder zurück, auch wenn es sich hierbei um einen seiner schwächeren Auftritte handelte.

Doch er sollte genauso wie Reg Barclay ungewöhnlicherweise im selben Jahr noch einen zweiten Auftritt absolvieren - normalerweise war man, vom Erscheinen im Pilotfilmen mal abgesehen, dazu übergegangen, die beliebten wiederkehrenden Charaktere nur exakt einmal pro Staffel zu präsentieren. Womöglich sollte hierdurch ausgeglichen werden, dass Deannas Mutter Lwaxana Troi, gespielt von Majel Barrett, in Staffel 6 der Next Generation pausierte und stattdessen die Raumstation besuchte.

Mitten in der Staffel bekommt die Next Generation eine kleine Schwester namens Deep Space Nine. Quelle: Paramount Mitten in der Staffel bekommt die Next Generation eine kleine Schwester namens Deep Space Nine. Reichlich hanebüchen wurde es dann in Rascals (Erwachsene Kinder), worin Picard und drei seiner Besatzungsmitglieder - verrückterweise niemand von der Hauptcrew, sondern Guinan, Ro und Keiko O'Brien - aufgrund eines Transporterunfalls in Kinder verwandelt wurden. Krönung des Unsinns war dann, dass ausgerechnet diese Kinder es waren, welche die ansonsten vor Kompetenz strotzende Enterprise-Crew aus den Händen völlig tölpelhafter Ferengi-Piraten retten musste.

Diese flogen neuerdings, weil das Budget knapp war und Spezialeffekte recycelt werden mussten, in klingonischen Schiffen marodierend durchs All. Immerhin wurde der kindliche Picard gespielt von David Tristan Birkin, der zwei Jahre zuvor in Family (Familienbegegnung), dem inoffiziellen dritten Teil der Borg-Saga, den Neffen des Captains gespielt hatte.

Patrick Stewart selbst durfte sich daraufhin für die Episode A Fistful of Datas (Eine Handvoll Datas) in den Regiestuhl schwingen und eine zünftige Western-Holodeck-Klamotte rund um Worf, dessen Sohn Alexander und jede Menge Datas drehen - ungewöhnlicherweise mal nicht auf dem Backlot des Star-Trek-Produktionsstudios Paramount, sondern im Westernstädtchen der Universal Studios.

Die letzten Episoden im Dezember 1992 wurden dann der ganz und gar unweihnachtliche Zweiteiler Chain of Command (Geheime Mission auf Celtris Drei), eine der ersten Geschichten, die davon zeugten, dass man sich fortan wenigstens ab und zu behutsam von der utopischen Vision des Roddenberry lösen wollte. Erstmalig sahen wir hier die Heldinnen und Helden von der Enterprise, wie sie auf eine zwielichtige Geheimoperation gingen, auf der sie womöglich sogar die Lizenz zum Töten hatten.

Die düstere Geschichte ist tatsächlich mein persönliches Highlight in der Next Generation, wenn auch nicht aufgrund des Teils der Handlung, welcher den meisten Leuten in Erinnerung geblieben ist. Hochinteressant und elektrisierend fand ich schon damals, dass das Kommando der Enterprise kurzerhand übernommen wurde von Captain Jellico, gespielt von Ronny Cox, dem damaligen Lieblingsbösewicht des Regisseurs Paul Verhoeven aus Robocop und Total Recall.

Die Episode wollte vom Publikum, so wie ich sie interpretiere, dass man den "Hartarsch" Jellico für einen Unsympath hielt, der den heiß geliebten Picard nie und nimmer ersetzen durfte. Dabei hielt ich Jellico immer schon für einen äußerst realistischen Captain, der alles andere als ein Schwächling war, stattdessen militärisch hochkompetent und autoritär. Außerdem schaffte er es, die im sechsten Serienjahr mittlerweile doch allzu familiäre und bequeme Crew herauszufordern und an ihre Grenzen zu bringen.

Besonders entlarvt wurde hierdurch der Charakter des Commander Riker, der sich "seinen" Jean-Luc so sehr zurückwünschte, dass er Befehlsverweigerung und auch ansonsten unmögliches Verhalten an den Tag legte. Jellico demonstrierte, wie utopisch verträumt die Crew des Flaggschiffs der Föderation war und es wirkte wie eine frische Brise, dass sie sich zwei Episoden lang ausnahmsweise mit der Realität auseinandersetzen musste.

In einem Paralleluniversum wäre der Rest der Serie womöglich mit Captain Jellico im Chefsessel entstanden - und so sehr ich Patrick Stewart schätze, wäre das ein narrativ spannendes Unterfangen gewesen.

Die meisten Fans denken jedoch an Teil 2 von Chain of Command, denn was war in der Zwischenzeit mit Picard passiert? Er landete in Gefangenschaft der faschistischen Cardassianer und fiel dort ausgerechnet dem abtrünnigen Folterknecht Gul Madred in die Hände. Ihr wisst schon: der, der den Willen des stolzen Captains zu brechen versuchte, indem er ihn sagen machen wollte, dass er fünf Lichter sah, wo doch nur vier waren.

Madred wurde gespielt von einem weiteren Science-Fiction-Mainstay, Patrick Stewarts Shakespeare-Kumpel David Warner, bekannt als Jack the Ripper aus Time After Time (Flucht in die Zukunft) von Star-Trek-2-Regisseur Nicholas Meyer, Tron und Terry Gilliams Time Bandits. Innerhalb von nur wenigen Jahren war Warner hier in seiner dritten Star-Trek-Rolle zu sehen; zuletzt hatte er im fünften Kinofilm einen verlotterten Botschafter und im sechsten den friedensstiftenden Klingonen-Kanzler Gorkon gespielt.

Jean-Luc Picard als Privatdetektiv Dixon Hill, als alter Mann und ein ganzes Sammelsurium an 90er-Playmates-Actionfiguren aus der Sammlung von Autor Sebastian Göttling Quelle: Sebastian Göttling Jean-Luc Picard als Privatdetektiv Dixon Hill, als alter Mann und ein ganzes Sammelsurium an 90er-Playmates-Actionfiguren aus der Sammlung von Autor Sebastian Göttling Die Rolle des Madred bekam Warner kurzfristig angeboten und nahm sie ebenso spontan an; er hatte gerade einmal drei Tage Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Hier nun wurde ein intensiver Willenskampf dargestellt, zwei hochkarätige Hauptdarsteller in einem dunklen Raum, und die Folter an Picard zeigte im SciFi-Gewand die allzu realen Schrecken unserer Zeit auf.

So intensiv und brutal geriet die zweite Episode, dass viel kritische Zuschauerpost Paramount erreichte, denn immerhin handelte es sich um eine Serie, die auch bei Kindern beliebt war. Interessanterweise sind keine solchen Zuschriften an SAT.1 bekannt, wo die Serie sogar im Nachmittagsprogramm lief. Und ja, auch hier ging die sechste Staffel der Next Generation wieder ins Innenleben der Charaktere, in die Psyche von Picard, von Jellico, von Madred, wo sich mitunter Abgründe auftaten.

Doch die Geschichte von Chain of Command ist auch die Geschichte Frank Abatemarcos. Dieser verstärkte seit Beginn der sechsten Staffel als einer der leitenden Autoren und auch als Produzent das kreative Team der Next Generation.

Wo sich die bereits gesetzteren Showrunner Jeri Taylor und Michael Piller ansonsten mit einer Schar von Jungautoren umgeben hatten - René Echevarria, Ronald D. Moore und Brannon Braga -, wollten sie das Team an jungen Hüpfern nun um einen alten Hasen erweitern, der mit Taylor und Piller auf Augenhöhe agieren konnte. Abatemarco war bereits seit den 70ern im TV-Business und hauptsächlich bei Krimis tätig gewesen.

In Vorbereitung auf Chain of Command hatte er sogar Kontakt mit Amnesty International aufgenommen, um die eindringlichen Folterszenen korrekt, respektvoll und ganz im Sinne der Menschenrechtsorganisation darzustellen. Mit dieser Doppelfolge, die, wie bereits gesagt, meinen Favoriten der Serie darstellt, setzte Abatemarco einen Meilenstein, der für ihn jedoch von schlechten Erfahrungen überschattet wurde.

Zur Erklärung müssen wir ein wenig weiter zurückgehen in der sechsten Staffel, denn Abatemarco hatte bereits die eher unrühmliche Episode Man of the People schreiben müssen.

Ja, "müssen", denn eine eigentlich für diesen Sendeslot geplante Story fiel in letzter Minute durch und so musste der neu angestellte Veteran in Rekordzeit eine einigermaßen sendefähige Troi-Story retten, die aber zumindest in einer Hauruckaktion nicht mehr zu retten war. Abatemarco kam sich dabei wie ein Ausputzer vor - und das entsprach nicht seiner Selbstwahrnehmung eines Autors, der sich in Hollywood bereits über ein Jahrzehnt lang verdient gemacht hatte.

Nun aber kam Abatemarcos große Stunde, der epische Folter-Zweiteiler, doch sein Stil passte Taylor und Piller nicht so recht in die Serie. Teil 1 wurde zum kompletten stilistischen Rewrite kurzerhand Ron Moore übergeben, der dafür auch den Drehbuch-Credit erhielt.

Die Überarbeitung des zweiten Teils übernahm Chefin Jeri Taylor, jedoch im Gegensatz zu ihrem Untergebenen ohne Credit, damit wenigstens die Tantiemen zu 100 Prozent bei Abatemarco landeten. Bei der Next Generation war es gang und gäbe, dass neue Autorinnen und Autoren im ersten Jahr ihrer Anstellung grundsätzlich von einem der gesetzteren Stabautoren überarbeitet wurden, damit die "Stimmen" der Charaktere, mit denen das Publikum vertraut war, exakt getroffen wurden.

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