In Staffel 5 von Star Trek TNG wird es politisch - und ein geliebtes Gesicht kehrt zurück. Wir zeichnen eine der aufregendsten Seasons von The Next Generation nach!
Meine Erinnerungen daran, wie ich das erste Mal den Anfang der fünften Staffel von Star Trek: The Next Generation anschaute, sind im doppelten Wortsinne verwaschen. Warum? Nun, meine Eltern und ich waren in den Osterferien 1994, als SAT.1 die Folgen erstmalig ausstrahlte, auf Urlaub in den USA. Wie aufregend!
Und doch war mein erster Besuch auf der anderen Seite des großen Teichs mit Schmerz verbunden, denn ich verpasste insgesamt zwölf neue Folgen meiner Lieblingsserie, genauer gesagt die letzten fünf von Staffel 4 und die ersten sieben von Staffel 5. Doch zum Glück gab es ja Thorsten, der schon in einigen meiner Star-Trek-Artikel hier bei PC Games eine tragende Rolle gespielt hat.
Die Handlung des zweiten und dritten Kinofilms hatte er mir gespoilert, beim sechsten Kinofilm waren wir gemeinsam im Filmpalast meiner Heimatstadt - und während unseres Urlaubs sollte er mir einen wahrhaft goldenen Dienst erweisen.
Genau wie ich nahm Thorsten tagtäglich jede neue Folge von Next Generation auf SAT.1 auf - selbstverständlich mit fein säuberlich herausgeschnittenen Werbepausen -, und direkt am ersten Schultag nach den Osterferien drückte er mir in der großen Pause (Thorsten war in meiner Parallelklasse) seine in den vergangenen Wochen selbst aufgenommenen Videokassetten in die Hand.
Damit die Videosammlung im Thorsten'schen Regal zügig wieder vollständig war, aber auch weil ich heiß war auf neuen Star-Trek-Content, ging ich rasch ans Werk. Zu Hause nach der Schule koppelte ich den Videorekorder meines Jugendzimmers mit dem aus dem elterlichen Wohnzimmer und überspielte mir an nur vier aufeinanderfolgenden Nachmittagen sämtliche verpassten Folgen.
Quelle: Paramount
Captain Picard führt seine Crew in das fünfte Jahr ihrer Mission.
Weil an all diesen Tagen selbstverständlich auch fortwährend neue Folgen auf SAT.1 gezeigt wurden, war die Content-Druckbetankung noch intensiver, als sie ohnehin durch den täglichen Ausstrahlungsrhythmus gegeben war: 16 neue Folgen an vier Nachmittagen - eigentlich 18, denn zwei neue DS9-Episoden, die damals immer sonntags gesendet wurden, waren ebenfalls von Thorsten aufgenommen und mir überlassen worden.
Kein Wunder also, dass meine Detailerinnerungen an diese Episodengruppe viel diffuser sind als zu ZDF-Zeiten, wo ich eine neue Folge jeweils eine ganze Woche lang gründlich verdauen konnte. Doch jeder, der schon einmal eine selbst aufgenommene Videokassette per Scart-Kabel auf eine andere überspielt hat, weiß, welch matschige Qualität das zur Folge hat.
Nicht bloß verwaschene Erinnerungen also, sondern auch verwaschenes Bild. Und das zu einer für Star-Trek-Verhältnisse politisch dermaßen scharfen Zeit. Tauchen wir ein in die Entstehungsgeschichte der fünften Staffel Next Generation.
Was für einen Unterschied doch anderthalb Jahre machen können, wenn es ums Fernsehen und ein großes Franchise geht! Ende 1989 war bei Star Trek: The Next Generation noch Stress pur angesagt, die Richtung der Serie wild schwankend - und Erfolgserlebnisse waren auch weit und breit keine zu sehen.
Nun befanden wir uns im Spätsommer 1991, wo einen legendären Borg-Cliffhanger und eine deutlich gelassener produzierte Staffel später die Serie mit beeindruckender Geschwindigkeit ihre Mitte und auch ein begeistertes Publikum gefunden hatte, sodass sich tatsächlich etwas Ähnliches wie Routine einstellen konnte. Doch anstatt Gleichförmigkeit hervorzubringen, war dieses fünfte Jahr der Next Generation eines von spannender Geometrie.
Diese Produktionsstaffel, in der die meisten Abteilungen hinter den Kulissen einander perfekt zuarbeiteten, was zu einem Look von fast schon Playboy-haftem Hochglanz führte, war einerseits symmetrisch und doch kopflastig. In diesem ersten Teil der Rückschau soll es um ebendiesen Wasserkopf gehen, der äußerst politisch geriet.
Ein kurzer Blick darauf, wie die vorangegangene vierte Staffel endete. Wieder einmal mit einem Cliffhanger, wodurch am Anfang des fünften Jahres gar nicht erst fraglich war, womit man nun starten sollte. In Redemption (Der Kampf um das klingonische Reich) bricht ein Bürgerkrieg darum aus, welche der mächtigen Kriegerfamilien das Volk der Klingonen zukünftig anführen wird.
Zum einen ist Worf persönlich involviert und legt seinen Dienst auf der Enterprise nieder, um an der Seite seines Bruders Kurn zu kämpfen, zum anderen ziehen im Hintergrund die schattenhaften Romulaner die Strippen, um anscheinend das Machtgefüge des Quadranten nach ihrem Gusto umzugestalten.
Es geht zu Beginn von Staffel 5 also eher um taktische Winkelzüge und weniger um eine so ausweglose Situation, wie sie der Borg-Cliffhanger vor einem Jahr dargestellt hatte, dessen unmögliche Auflösung Showrunner Michael Piller einen Sommer lang schlaflose Nächte bereitet hatte. Für diesen Klingonen-Zweiteiler saß nun Jungautor und Klingonen-Spezi Ron Moore an der Schreibmaschine.
Auch er hatte sich zu Ende der vierten Staffel noch nicht festgelegt, wie die Geschichte enden sollte. Solche Gedanken machte er sich erst jetzt, als der Sommer die Drehpausen-Monate sanft vorantrieb.
Genau wie die Macher des sechsten Kinofilms ("Glasnost im Weltall") staunte auch Moore nicht schlecht, als sich im Sommer 1991 der Militärputsch in der Sowjetunion ereignete und das Leben im Ostblock die fiktive Geschichte der Klingonen begleitete.
Am Ende des zweiten Teils von Redemption werden übrigens die Pläne der schurkischen Duras-Schwestern vereitelt, mit Gowron ein neuer Kanzler vereidigt und Worf kehrt wieder an seinen angestammten Platz auf der Brücke der Enterprise zurück. Status quo.
Anders als der erste Teil besteht die Fortsetzung jedoch nicht ausschließlich aus Shakespeare-haften Ränkespielen, sondern ist mit zwei Science-Fiction-Besonderheiten gewürzt. Da ist zum einen die romulanische Kommandantin Sela, die die politische Landschaft des Quadranten destabilisieren möchte.
Wobei romulanisch eben nur die halbe Wahrheit ist, denn bei ihrer Mutter handelt es sich um niemand Geringeren als die verstorbene Enterprise-Sicherheitschefin Tasha Yar, die aus einer parallelen Zeitlinie in die Vergangenheit reiste und mit einem Romulaner eben die Widersacherin der Episode zeugte.
Wer das jetzt liest und angemessen verwirrt ist: Keine Sorge, selbst Captain Picard schnallt in dieser Folge nicht genau, was es damit eigentlich auf sich hat.
Außerdem errichtet die Sternenflotte ein intergalaktisches Fangnetz, um getarnte romulanische Schiffe zu orten, die heimlich in den klingonischen Bürgerkrieg eingreifen wollen. Weil in der Flotte anscheinend Personalmangel herrscht, darf der Androide Data erstmalig in seiner Karriere das Kommando über eines der Schiffe übernehmen und sich mit einem bigotten Offizier auseinandersetzen, der keinen Roboter als Vorgesetzten duldet.
Dieser zweite Teil von Redemption war ein Meilenstein für die Next Generation, denn er gilt als die einhundertste Folge der Serie, wenn man den Pilotfilm als zwei Episoden zählt.
Um das zu feiern - und auch, um ein anderes Jubiläum zu markieren (später mehr dazu) - kommt der Serienvorspann ausschließlich in Staffel 5 ein wenig feierlicher daher. Der Titel Star Trek: The Next Generation wird mit einer Art blauem Kometenschweif oder Kondensstreifen dargestellt.
Außerdem wurde an Bord der Enterprise dezent umdekoriert. Im großen Besprechungszimmer (auf Englisch die Observation Lounge) hingen seit Serienbeginn goldene und halbierte Raumschiffsmodelle im Relief.
Bildergalerie
Doch weil just diese Kulisse bei den Dreharbeiten des sechsten Kinofilms als Bankettsaal von Kirks Enterprise diente, wurde diese Gelegenheit genutzt, um diese Schiffe durch eine moderner wirkende Science-Fiction-Wandvertäfelung zu ersetzen. Empörenderweise landeten die hübschen Schiffsmodelle im Müllcontainer, wo sie jedoch Ron Moore, der Autor dieser Episode, herausfischte und mit nach Hause nahm.
