Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist
Special
Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...
So ein Kaufrausch bleibt nicht ohne Folgen, wie zum Schluss wieder aus meinen Aufzeichnungen hervorgeht ...
Dort gab es natürlich die Verkaufsstände, an denen ich ein DS9 Poster, das TNG Technical Journal, den TNG Kommunikator und den Nitpicker's Guide erwarb. Zwischendurch ging Christian mal kurz per Stempel raus und ich spielte Jesus (ich teilte mein Brot). Christian mußte sich wegen einer Verkalkulierung Geld von mir leihen.
Eine Veranstaltung war das also damals, die eigentlich eine bloße Verkaufsmesse darstellte, mit minimalem Rahmenprogramm, ohne Prominenz, die Interviews gab, Autogramme schrieb oder für Fotosessions zur Verfügung stand. Trotzdem wurde dafür Eintritt genommen und die Leute standen Schlange, um hineinzukommen.
Ein Paradebeispiel dafür, was für eine Gelddruckmaschine Star Trek 1994 in Deutschland war. Bei dem großen Stand in der Mitte handelte es sich übrigens um eine Verkaufspräsentation des Wattenscheider Science-Fiction-Händlers Udo Grzeziak, Inhaber des damals legendären Ladens Space '91, bald darauf eine unserer frühesten, kultigsten und beliebtesten Anlaufstellen, was Memorabilia und Videos anging. Doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Zurück in die Serie, die ich ab da endlich wieder verfolgte. In der B-Handlung von The Storyteller (Die Legende von Dal'Rok) waren Jake und Nog wieder am Start - oder wie mein Podcast -Kollege Simon Fistrich sie gerne nennt: das Duo Pimpernelli. Die beiden freundeten sich mit einer Tetrarchin vom Planeten Bajor an, die an Bord der Station kam, weil es einen Konflikt um Landesgrenzen auszuhandeln galt.
Bei der Tetrarchin handelte es sich ebenfalls um eine Teenagerin, die aufgrund der cardassianischen Besatzung hart und kompromisslos geworden war, doch die Freundschaft zu den beiden Gleichaltrigen erweichte ihr Herz und machte sie verhandlungsbereit. Wieder einmal schafften es die Kids, mit purer Menschlichkeit ein Problem zu lösen, an dem sich die Erwachsenen der Serie die Zähne ausbissen.
Eine ganz andere Art als bei der Next Generation, die Stärken von Teenagern herauszustellen, nämlich deren unprätentiösen Umgang mit Anderen, wo man noch Wesley Crusher zusehen musste, der einfach nur ein Genie war, aber nur wenig Einfühlungsvermögen oder realistische Emotionen abrufen konnte.
Quelle: Paramount
Sisko und Kira im Staffelfinale - man hat sich angenähert, aber es gibt noch viel zu tun für die beiden.
Die A-Handlung zeigte den Planeten Bajor von seiner merkwürdigsten Seite, denn es gab dort exklusiv in dieser Episode anscheinend Dörfer, die völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren und deren Bewohner daran glaubten, dass sie einmal im Jahr für mehrere Nächte in Folge von einem fliegenden Kaffeesahnemonster heimgesucht wurden, das nur bekämpft werden konnte, indem der dorfälteste Opa eine mutmachende Geschichte erzählte und so das Flugobjekt in seine Schranken wies.
Es wäre viel besser gewesen, hätte diese Handlung nicht auf Bajor gespielt, dessen Einheimische in allen anderen Folgen keine solchen Hinterwäldler, sondern deutlich pragmatischer und realitätsverwurzelter waren.
So diente diese Folge hauptsächlich dazu, eine ferne Bromance anzubahnen, die hier noch eine Hassliebe war, nämlich die zwischen dem Malocher Miles O'Brien und dem hier noch nervtötenden jungen Arzt Dr. Bashir. Ihre Annäherung und schließlich tiefe Freundschaft waren einer der am behutsamsten aufgebauten Handlungsbögen der gesamten Serie und nahmen hier ihren Ursprung in besagtem absonderlichen Fantasy-Dörfli.
In Progress (Mulliboks Mond) durfte erneut Nana Visitor als Kira brillieren, als sie zum Wohle der Energieversorgung ihres Planeten einen alten Einsiedler von seinem Mond vertreiben musste, damit dort eine Art Fracking stattfinden konnte. Mullibok wurde ebenso sensationell gespielt von Brian Keith, den die Älteren vielleicht noch aus der Familienserie Family Affair (Lieber Onkel Bill) kennen.
Er war während der cardassianischen Besatzung einmal zu oft vertrieben worden, außerdem hatte man ihm Gewalt angetan, weswegen er lieber mit seinem Mond in Flammen aufgehen wollte, anstatt sich umsiedeln zu lassen. Für Kira, die sich zeitlebens auf der Seite der Opfer befunden und sich als Freiheitskämpferin für sie eingesetzt hatte, war es ein erster Schritt auf die moralisch andere Seite.
Sie fühlte sich hiernach als ein Teil der Welt, zu der die Cardassianer gehörten, wo andere Leute vertrieben und in letzter Konsequenz sogar Gewalt oder andere Repressalien angewendet wurden. Auch Kira musste fortan Graustufen akzeptieren. Ein fantastischer Two-Hander, der oftmals in Vergessenheit gerät, und für Nana Visitor nicht der letzte in dieser Staffel.
Auch hier gab es wieder eine B-Handlung mit dem Duo Pimpernelli, doch in diesem Fall war sie eher komödiantischer Natur, denn "die Neffen" Jake und Nog nahmen "Onkel Dagoquark" eine große Palette fertig abgepackter Yamok-Sauce ab, für die er keine Verwendung mehr hatte, und tauschten diese in vielen Handelsgeschäften gegen andere, zunehmend obskure Waren, unter anderem auch die selbstdichtenden Schaftbolzen (im Original self-sealing stembolts), deren wahren Zweck wir nie erfahren würden, die aber ein Running-Gag in der Serie werden sollten.
If Wishes Were Horses (Macht der Phantasie) ist die für mich wohl schwächste Episode der ersten Staffel. Die Station wurde von einer "Star-Trek-Anomalie der Woche" heimgesucht, in diesem Fall Aliens, welche sich als Hirngespinste der Besatzungsmitglieder manifestierten, sei es Rumpelstilzchen, sei es Siskos liebster Baseballspieler Buck Bokai, oder endlich eine amouröse Jadzia Dax für Dr. Bashir, denn hinter ihr lief er bereits seit der ersten Folge erfolglos her.
Der Serie Deep Space Nine wurde durch diese Episode rein gar nichts hinzugefügt. Man hatte eher das Gefühl, eine typische Next-Generation-Story auf die Raumstation verpflanzt zu sehen - und dann auch noch unpassend. Eine wichtige Sache blieb jedoch erhalten, denn der Baseballspieler, der tatsächlich keiner war, überreichte Commander Sisko zum Abschied ein Artefakt, das bis zum Serienende auf seinem Schreibtisch bleiben und große Symbolkraft entwickeln würde: den Siskoschen Baseball.
The Forsaken (Persönlichkeiten) brachte den vorerst letzten Besuch eines bekannten Next-Generation-Charakters. In diesem Fall Deanna Trois Mutter Lwaxana, die offizielle Botschafterin von Betazed, die inmitten einer Diplomatenschar auf der Station eintraf. Und wo sie bei der Next Generation ständig romantisch hinter Captain Jean-Luc Picard her war wie der Teufel hinter der lieben Seele, so suchte sie sich auf DS9 ein neues Opfer.
Sie blieb ihrem Beuteschema treu und entschied sich für den Stoiker vom Dienst, in diesem Fall Sicherheitschef Odo. Immerhin entstand, als die beiden gemeinsam im Aufzug stecken blieben, ein Charaktermoment, in dem die beiden sich von ihren extremen Verhaltensweisen für eine kurze Zeit verabschiedeten. Lwaxana Troi von ihrer lauten Exzentrik und Odo von seiner grummeligen Sturheit. Beide ließen für ein paar Minuten echte Schwäche zu und offenbarten sich einander, ohne dass es zum romantischen Vollzug kam.
Parallelhandlung dieser Folge war ein gesichtsloser Besuch aus dem Gamma-Quadranten, denn eine Sonde purzelte durchs Wurmloch und hatte ein Computerprogramm an Bord, welches zahllose Fehlfunktionen in dem Zentralcomputer der Raumstation auslöste - auch schon zahlreiche Male in Star Trek gesehen.
Neu allerdings war, dass diese KI keine Intentionen hatte, sondern nur eine Art Code-Welpe war, der einfach nur spielen wollte. Chief O'Brien programmierte ihm kurzerhand einige interaktive Subroutinen, die ihn freudig und mit dem virtuellen Schwanz wedelnd beschäftigt hielten.
Doch die Star-Trek-Klischees rissen nicht ab. In Dramatis Personae (Meuterei) beamte sich erneut eine nicht humanoide Bedrohung aus dem Gamma-Quadranten auf die Station; diesmal ein Virus, der im letzten Überlebenden einer dem Schicksal anheim gefallenen klingonischen Expedition steckte.
Das führte dazu, dass sämtliche Hauptcharaktere über die Folge hinweg immer argwöhnischer und am Ende sogar offen aggressiv gegeneinander wurden. Sie spielten offenkundig einen uralten Krieg nach, der sich einstmals auf der anderen Seite des Wurmlochs ereignet hatte.
Solch eine Geschichte, in der die Charaktere auf einmal nicht mehr sie selbst waren bzw. eine auf 11 gedrehte Version ihrer selbst, durfte leider in keiner Star-Trek-Serie fehlen. Immerhin bekam auch hier Commander Sisko wieder ein physisches Überbleibsel der metaphysischen Geschehnisse, denn unter dem Einfluss der fremden Macht bastelte er wie besessen ein sonnenuhrartiges Gebilde, das nach seiner Fertigstellung ebenso wie der Baseball als Erinnerung bis zum Serienende in seinem Büro stehen blieb.
Eine Problematik wurde im Laufe der Staffel immer eklatanter und zeigte sich nirgends so deutlich wie in der nächsten Episode: Weil der Pilotfilm unfassbar teuer gewesen war und auch die ersten regulären Episoden mit saftigem Budget zu Buche geschlagen hatten, war man ungefähr nach zehn Episoden in den roten Zahlen angekommen und musste von da an einen brutalen Sparkurs fahren.
Der Raumhafen namens Deep Space Nine mit seiner vor zahllosen bunten Aliens nur so berstenden Promenade wurde immer leerer und trostloser, denn kaum etwas war kostspieliger, als für eine normale Szene "mal eben" fünfzig Aliens und andere Statisten mit Masken und Kostümen auszustatten.
So wurde daran als allererstes gespart und auf einmal wirkte die Raumstation trist, weil das Leben fehlte. In späteren Staffeln sollte man aus diesem Fehler gelernt haben und die Kosten für teurere Episoden ein wenig gleichmäßiger über die Staffel verteilen, damit das fehlende Geld nicht ganz so offensichtlich auffiel.
Doch hier sorgte der Geldmangel für einen narrativen Paukenschlag, denn man erinnerte sich daran, dass manchmal die von Star Trek erzählten Geschichten am besten waren, wenn man zwei Charakteren ein Kammerspiel gab.
Ein gutes Beispiel dafür war sicherlich die Episode The Drumhead (Das Standgericht) aus der vierten Staffel der Next Generation, worin eine faschistoide Admiralin ein Kriegsgericht an Bord der Enterprise abhielt, das völlig außer Kontrolle geriet. Doch der beste Vertreter dieser Gattung war womöglich Chain of Command, Part 2 (Geheime Mission auf Celtris Drei, Teil 2), wo Captain Picard sich wiederfand in den Händen des cardassianischen Folterknechts Gul Madred.
