Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist
Special
Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...
In der B-Story sah man zum ersten von drei Malen in der Staffelmitte eine genauere Ausarbeitung des Verhältnisses zwischen Commander-Sohn Jake Sisko und Quarks Neffen Nog. Was den Erwachsenen, die ständig über die Ferengi lästerten und sich abfällig äußerten, nicht so recht gelingen mochte, nämlich die Akzeptanz der Ferengi als eine Kultur mit anderen Werten, die aber trotzdem im Sinne der Star-Trek-Werte begrüßt werden sollte, das gelang den Teenagern, zwischen denen eine wahre Freundschaft entstand.
In dieser Woche war sie sogar äußerst herzerwärmend geraten, denn nachdem sich Commander Sisko am Anfang der Episode noch ärgerlich darüber geäußert hatte, dass sein Sohn andauernd mit dem Tunichtgut Nog abhing, war der Stationschef genauso wie das Publikum gerührt, als er feststellte, dass Jake dem Ferengi, der mittlerweile der Schule auf Befehl seines Vaters fernbleiben musste, heimlich in einem Frachtraum das Lesen beibrachte.
Prinzipiell hätte ich auch diese Episode aufgrund des Urlaubs nicht sehen können, doch an dem Tag, an dem sie auf SAT.1 hätte laufen sollen, sah sie auch sonst niemand, denn sie wurde kurzfristig wegen einer Live-Tennisübertragung ausgesetzt und abgesagt. Sie wurde dann nach dem Ende der Staffel nachgeholt am vorerst letzten Sonntag, an dem Deep Space Nine auf SAT.1 lief.
Mit Vortex (Der Steinwandler) folgte eine Episode, die auf mehr als nur eine Art verwandt war mit der Serie The Incredible Hulk (Der unglaubliche Hulk) aus den späten 70ern und frühen 80ern. Genau wie David Banner Folge für Folge auf der Suche war nach einem Heilmittel für seine Verfassung, nämlich dass er sich bei Wutausbrüchen in einen grünen, unkontrollierbaren Muskelprotz verwandelte, genauso hatte auch Formwandler Odo ein zentrales Geheimnis, dass die Serie vielleicht bis zu ihrem Ende - genauso wie Der unglaubliche Hulk - vor sich her schob. Vielleicht auch nicht so lange.
Quelle: Paramount
Nana Visitor und Harris Yulin in der epochalen Episode Duet
Was war die Herkunft Odos? Wo lebte sein Volk und was machte es aus? Odo war der Suchende, der Data-Charakter, der sich Fragen stellte über die eigene Existenz - und genau wie sich David Banner zweimal pro Folge in den unglaublichen Hulk verwandelte, so war es in Staffel 1 von Deep Space Nine noch so, dass sich Odo in der Regel einmal pro Folge per sündhaft teurem Morphing-Effekt in einen anderen Gegenstand oder ein anderes Lebewesen verwandelte.
Genauso wie beim Hulk warteten meine jugendlichen Nerd-Freunde und ich damals in jeder neuen Folge darauf, wann denn endlich die "Odo-Verwandlung der Woche" stattfand. Diese Effektsequenzen waren allerdings nicht mehr so spektakulär und detailreich wie im Pilotfilm Emissary. Daran zeigte sich, dass es aus reinen Kostengründen nicht möglich war, das Spezialeffektgewitter der allerersten Folge auf Dauer durchzuziehen.
Mit dem Autor der Episode, TV-Legende Sam Rolfe, ging Deep Space Nine sogar noch vor die Anfänge von Star Trek zurück, in die Genese der Charaktere der Originalserie. Sam Rolfe war Ende der 50er der Showrunner der Westernserie Have Gun - Will Travel gewesen, die niemals in Deutschland zu sehen war. Sam Rolfe gab dort einem jungen Ex-Polizisten und aufstrebenden Drehbuchautor seine erste Festanstellung in einem Autorenteam - die Rede ist von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry.
Gemeinsam mit Rolfe arbeitete er den Hauptcharakter des geheimnisvollen Paladin aus, gespielt von Richard Boone, der Woche für Woche den Menschen seine Dienste als Kopfgeldjäger oder Ermittler anbot und am Ende doch oft den eigenen Sinn für Gerechtigkeit oder auch Gnade entscheiden ließ, nicht zwingend die Brieftaschen seiner Auftraggebenden.
Mit genau diesem Gefühl der Gerechtigkeit war auch Odo ausgestattet, denn er hielt sich nicht an die Rechtsprechung der Föderation, genauso wenig wie er sich an die der Cardassianer gehalten hatte, unter denen er ebenfalls bereits Sicherheitschef der Station war. Odo verfolgte genau wie Paladin seine individuelle Form der Gerechtigkeit. Er hatte einen starken moralischen Kompass, der ihm exakt und unumstößlich sagte, was ein Odo für richtig und was ein Odo für falsch hielt. Womöglich eine Eigenschaft seines Volkes?
Und genau wie Paladin in zahllosen Episoden von Have Gun - Will Travel eskortierte Odo auch in Vortex einen straffälligen Mann in Richtung Kittchen, nur um am Ende seiner eigenen Gerechtigkeit Raum zu geben. Odo als sturer und eigensinniger Mann, auf den man sich verlassen konnte, ein Fels in der Brandung, der mit einem Runabout in die Wildnis des Gamma-Quadranten flog, wo Paladin eine Pferdekutsche genommen hätte.
Am Ende übergab Odo seinen Gefangenen und dessen kostbare Fracht anonym einem anderen Treck, der durch die Wildnis reiste, in diesem Fall ein vulkanisches Forschungsschiff. Wie wunderbar hier Deep Space Nine die gesetzte Welt von Star Trek bediente und das Universum vertraut scheinen ließ!
Quelle: Paramount
Die religiös verblendete Attentäterin Neela
Doch Paladin aus Have Gun - Will Travel hatte auch noch eine andere Besonderheit zu bieten. Es handelte sich bei ihm um einen äußerst komplexen Charakter, der zum einen eine sehr leidenschaftliche Seite hatte, die aufgrund von Ungerechtigkeit, die anderen Menschen widerfuhr, sehr schnell zu rechtschaffener Wut erregt wurde.
"Da muss doch mal jemand was machen, so kann das nicht weitergehen!" dachte Paladin ständig. Als Gegengewicht verfügte er aber auch über weitblickende und kalkulierende Logik, symbolisiert durch die Schachfigur auf seiner Visitenkarte und das ständige Schachspielen in dem Hote in San Francisco, in dem er Dauergast war. Seiner brodelnden Seite stand also ein kühler Verstand gegenüber und beide rangen in ihm stets miteinander.
Am Ende jeder Episode brachte er die beiden Positionen stets dadurch zusammen, dass sich die dritte Komponente seines Charakters zeigte, nämlich die eines Mannes der Tat, der Gefühle und Logik zusammenbrachte und aus dieser Mischung heraus die bestmögliche Entscheidung traf. Als Gene Roddenberry, der für Paladin eigenhändig viele Episoden geschrieben hatte, einige Jahre später seine Science-Fiction-Serie Star Trek an den Start brachte, erkannte er den Wert dieser Charakter-Dreiteilung.
Er vollzog diese dann tatsächlich und schuf so aus drei Wesenszügen die drei legendärsten und bis heute bedeutsamsten Charaktere in ganz Star Trek. Die Rede ist natürlich von Dr. McCoy, dem Leidenschaftlichen, von Spock, dem Logiker, und von Captain Kirk, dem Macher, der zwischen Herz und Hirn vermitteln musste.
Und weil Odo in dieser Episode auch so eine Art Paladin war, steckten in ihm, wenn man so möchte, für diese eine Episode sowohl Kirk als auch Spock und McCoy; eine sehr würdevolle, wenn auch versteckte Hommage an die Originalserie. Die deutsche Erstausstrahlung dieser Episode war übrigens die Letzte, die in meinen 1994er-Urlaub fiel.
In Battle Lines (Die Prophezeiung) ging es zum letzten Mal in dieser Staffel - und unmittelbar nach der letzten Folge bereits ein zweites Mal - auf einen Trip in den Gamma-Quadranten. Nach den Jägern und den Spielsüchtigen lernte man hier eine Kolonie aus Strafgefangenen kennen, die in einem apokalyptischen, seit Jahrtausenden andauernden Krieg steckten, der nie enden konnte, weil jeder Gefallene bald schon wieder lebendig aufstand, um weiterzukämpfen.
Es gab keinen Ausweg aus dieser Endlosschleife und die Krieger hatten längst vergessen, warum man damals eigentlich angefangen hatte, zu kämpfen. Hoffnung auf Frieden gab es keine. Und weil die Wiedergeburt nach jedem Tod an den physischen Aufenthalt auf dem Planeten geknüpft war, konnte, wer dort einmal sein Leben gelassen hatte, dort nie wieder fortgehen.
Auf diese Art und Weise ereilte einen noch frischen, wiederkehrenden Charakter in dieser Episode der Serientod, von dem niemand überraschter war als das Autorenzimmer selbst. Die Rede ist von der bajoranischen Päpstin und Hoffnungsträgerin Kai Opaka, denn sie kam beim Absturz des Runabouts ums Leben, stand Stunden später wieder auf und hatte keine andere Wahl, als in dem Endzeitszenario zu bleiben.
Die Szene, in der sie am Anfang leblos auf dem Boden einer fremden Welt lag, wo sie doch einfach nur neugierig auf eine Spritztour durch den Himmelstempel gewesen war, zeigte die schauspielerischen Qualitäten von Nana Visitor als Kira, die verzweifelt über dem Leichnam zusammenbrach, weil sie wusste, dass dies das Ende war für eine der Friedensstifterinnen ihres Planeten, der der doch nun nach Jahren des Terrors in eine hellere Zukunft aufbrechen sollte.
Doch das, wofür Kira gekämpft hatte, war jetzt wieder ein Stück weit unmöglich geworden. In einer Nebenrolle ein jüngerer Jonathan Banks, der viele Jahre später bei Breaking Bad den Enforcer Mike Ehrmantraut geben würde.
Übrigens war Battle Lines die vierte und letzte Deep-Space-Nine-Episode in Folge, die mir zunächst entging, denn an diesem Tag war ich mit einem meiner besten Star-Trek-Freunde auf einem Sonntagsausflug. Hier Auszüge zunächst aus meinem zeitgenössischen und unredigierten Protokoll vom 10. April 1994, nur echt mit alter Rechtschreibung und überschrieben mit "Trekkiewahn in Bochum" ...
Mit der U-Bahn kamen [Christian und ich] dann zum Ruhrparkstadion. Eine andere Trekkerin fragte uns nach dem Weg zur Ruhrlandhalle, das konnten wir nicht beantworten, aber wir fanden es trotzdem. In der Halle war viel los, nachdem wir anstehen mußten war dort ein Gedränge, sowas gibts nicht.
Christian übernimmt mit seinem Protokoll vom selben Tag ...
Es war nur eine der vier Kassen geöffnet. Der Eintrittspreis betrug 7,- DM. Uns wurde sofort eine knautschbare Politikerbüste in die Hand gedrückt: Sebastian hatte Hans-Jochen Vogel, ich Maggie Thatcher. Wir sahen uns erstmal um. An dem ersten Stand, wo es etwas Gescheites gab, kaufte Sebastian sich einen Kommunikator für 20,- DM, zum Anstecken, richtig schwer, glänzt wie nur was; und ein DS9-Poster für 10,- DM, man sieht die Station.
Wir sahen viele Fans in TNG-Uniform, auch zwei Kleinkinder, das sah vielleicht lustig aus! Wir kamen dann in eine große Halle, der Saal der Ruhrlandhalle. Gegenüber der eigentlichen Bühne war eine etwas kleinere aufgebaut. Dort gab es einen Kostümwettbewerb. Dort gab es eine Gruppe, die sehr echt die TNG-Figuren darstellte: Eine sah fast so aus wie Data, und auch ein Schwarzer als Worf war dabei, der seinen Sohn mitbrachte, der sich dann dementsprechend als Alexander Rozhenko verkleidete, sah echt aus!
Leider bekamen wir nicht mit, wer gewann. Dreimal gab es ein ST-Quiz mit je drei Personen. Da waren zwar fast nur Club-Mitglieder, die wußten aber fast gar nichts; die Fragen waren so einfach, ich hätte alle gewußt.
Da stockte eine Frau (eine dicke "Dr. Crusher") bei der Aufzählung aller sechs Filmtitel!!! Naja. Dann gab es dort lebensgroße Pappfiguren der Figuren aller drei Serien, besonders aus TNG (je 59,- DM). Wir sahen uns erst in der Halle um und gingen an den größten der zahlreichen Stände, an dem auch am meisten gedrängelt wurde im Gegensatz zu den Ständen, wo es nur Comics oder andere Filme gab!
