Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist
Special
Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...
Nicht zu vergessen der kongeniale Kinderdarsteller Cirroc Lofton als Jake, der allerdings lediglich in exakt der Hälfte der Episoden vorkam, fast immer im Doppelpack mit Ferengikumpel Nog. Es sollte noch dauern, bis alle Charaktere einigermaßen an Augenhöhe gewonnen hatten. Aber hier waren die Differenzen, wenn man die unterschiedlichen Hauptcharaktere miteinander vergleicht, kaum zu übersehen.
Thomas Höhl konnte sich auch nicht verkneifen, den Sinnspruch Star Treks umzuwandeln auf Deep Space Nine, indem er ein wenig schofelig schrieb: "to sit and argue where no one has argued before". Da möchte ich Einspruch einlegen, denn sicherlich gab es mehr Streits als noch zu Zeiten der Next Generation, doch die eigentlichen Diskussionen, wo auf der Enterprise Picard, Riker und der ganze Rest um den großen Konferenztisch herumsaßen und das Problem der Woche mit ethisch-moralischen Fragestellungen beleuchteten, alle ihre eigenen Eingaben machen durften und am Ende der Chef ein Machtword sprach - also eben besagtes Herumsitzen und Diskutieren -, das war in Staffel 1 von Deep Space Nine Fehlanzeige.
Auf der Station gab es ja noch nicht einmal einen eigenen Konferenzraum, geschweige denn -tisch. Diese sollten erst in Staffel 3 folgen, als der sogenannte Wardroom zu den Standing Sets hinzukam. Die kurzen Meetings der Führungsriege in Staffel 1 fanden alle eben nicht im Sitzen, sondern im Stehen rund um die zentrale Konsole auf Ops statt.
Eine Kulisse, die gar nicht konzipiert worden war für solche Diskussionsrunden, was abermals auf die Geisteshaltung der Cardassianer einzahlte, die die Station erbaut hatten. Austausch auf Augenhöhe in einem angenehmen Konferenzsaal gab es bei den Faschisten nicht, das entsprach nicht ihrem Wesen. Sie hatten lediglich ihren Präfekten, der deutlich erhöht im eigenen Büro saß - und in der Grube darunter seine Schergen.
Höhl weiter: "Die Geschehnisse auf Bajor waren leider extrem uninteressant." Da muss ich entschieden widersprechen, denn gerade die Episoden, die sich um die neue Umgebung drehten, waren diejenigen, die den Charakter der Major Kira und sämtliche Stärken ins Zentrum stellten, die die Serie während der ersten Staffel ihr Eigen nennen konnte.
Trotz all seiner Kritikpunkte schloss Höhl mit: "Sicherlich ist DS9 die mit Abstand zweitbeste Serie der 90er und dem Konkurrenzschrott haushoch überlegen." In dem Zusammenhang würde mich interessieren, was denn wohl die beste Serie der 90er war, denn das erwähnte Höhl nicht.
Und was genau dazu führte, dass der sogenannte Konkurrenzschrott - eine ziemlich undifferenzierte Bezeichnung - so stark von dem gar nicht sonderlich gut rezipierten Deep Space Nine abfiel. Womöglich wagte Höhl hier eine kernige Kampfansage, die dem Umstand geschuldet war, dass die Texte in einem designierten Star-Trek-Fanzine abgedruckt wurden.
Quelle: Sebastian Göttling
Morn to be Wild!
Mein großes Problem mit der ersten Staffel Deep Space Nine, die ich allen Schwierigkeiten zum Trotz dennoch für eine deutlich gelungenere Debütstaffel halte als den Auftakt der Next Generation, lag ganz woanders. Das kreative Team war gestartet mit dem Ziel und mit der Maßgabe, alles anders zu machen. Dreckiger, düsterer, edgier, individueller., in einem neuen Setting und mit aufregenden, konfliktbereiten Charakteren.
Doch anstatt Star Trek einer wirklichen Frischzellenkur zu unterziehen, geriet die erste Staffel zu einem ziemlichen Zwitterwesen. Über große Teile war es eher durchschnittliche Next-Generation-Kost, die lediglich in einem anderen Setting stattfand. Wann immer es eine dieser austauschbaren Episoden gab, die genauso gut auf der Enterprise hätte spielen können, ignorierte Deep Space Nine die eigenen Stärken, höchstwahrscheinlich vor dem Hintergrund, dass man die vorhandenen Fans unbedingt mitnehmen wollte.
Was für eine fürchterliche Zwickmühle für die Autorinnen und Autoren das gewesen sein muss: einerseits das Rad völlig neu erfinden zu wollen und frische Akzente im Star-Trek-Universum zu setzen, andererseits aber aus kommerziellen und Quotengründen immer wieder den Eimer in den ach so verlockenden Brunnen namens Next Generation herabzusenken.
Diese Mischung war gewiss eine geschäftlich kluge Entscheidung, aber als Filmkunst ohne Erfolgsdruck betrachtet, wäre Deep Space Nine noch besseres Fernsehen, wenn es sich deutlich kompromiss- und furchtloser auf seine eigentliche Prämisse gestürzt hätte.
Immerhin waren die "Next-Generation-Light-Episoden" meistens dennoch untermauert von Charakterszenen, die sich von der Next Generation wohltuend abhoben - ähnlicher Inhalt also bei anderem Tonfall. Ein Highlight selbst der schwächsten Episode waren so die regelmäßigen Zankereien zwischen Odo und Quark, die wohlig an die zwischen McCoy und Spock in der Originalserie erinnerten.
Faszinierend fand ich in den 90ern, dass die beiden Schauspieler von Odo und Quark, René Auberjonois und Armin Shimerman, zu Protokoll gaben: So oft wie manchmal behauptet, würden ihre beiden Charaktere gar nicht aneinander geraten. "Nur zweimal in der ersten Staffel, aber die Leute haben sich das so gut gemerkt, dass sie daraus eine ganz große Sache machen."
Ich muss den beiden widersprechen, denn es kam deutlich häufiger als zweimal vor, eigentlich sogar in fast jeder Episode. In späteren Jahrzehnten erkannten die beiden Schauspieler das dann auch und sagten: "Da haben wir wohl nicht genau hingeguckt - oder die Erinnerung hat uns im täglichen Serien-Grind einen Streich gespielt."
Ein wahres Highlight aber von Staffel 1, das Akzente setzte für alle nachfolgenden Staffeln, waren die großartigen Casting-Entscheidungen, die Deep Space Nine traf, wenn es um die Gaststars der Woche ging. Mittlerweile wird gemunkelt, dass diese lupenreine Auswahl darauf zurückging, dass der Co-Autor und spätere Showrunner Ira Steven Behr ein wandelndes Lexikon war, was die stärksten Charakterdarstellerinnen und -darsteller in Hollywood anging, und dass er sich mit seinen Ideen oftmals über die eigentlich von der Agentin Junie Lowry-Johnson geleitete Casting-Abteilung hinwegsetzen konnte, wodurch Deep Space Nine herausragend individuelle und oftmals überraschende Stars präsentierte.
Drei seiner vorzüglichen Auswahlen waren als wiederkehrende Charaktere gesetzt, die bis zum Serienende erhalten blieben: Andrew Robinson als Garak, Wallace Shawn als der Große Nagus Zek und Louise Fletcher als die durchtriebene Vedek Winn. Ganz egal, wie gut oder schlecht eine Episode von Deep Space Nine war, immer standen die Chancen gut, dass sie eine Pralinenschachtel war für Fans von gehobenem und schrulligem Schauspiel.
Mein heimlicher Star der ersten Staffel ist übrigens ein stummer Charakter, gespielt von Mark Allen Sheperd. Die Rede ist vom Lurianer Morn, einem sehr groß gewachsenen Alien in einer Art Michelin-Männchen-Lederkluft, mit einem runzlig-großen Kopf, winzigen Ohren, einer Stupsnase und einer großen Breitmaulfrosch-Futterluke. Morn saß ständig an Quarks Bar und soff sich die Hucke voll, ohne jemals einen Ton zu sagen. Am Anfang war er lediglich exotisches Hintergrundkolorit, doch in Folge zwölf erhielt er endlich seinen Namen und infolgedessen einen Running Gag nach dem anderen.
Der größte davon war sicher, dass Morn off-screen anscheinend ständig am Plappern war, während er die gesamte Serie über für das Publikum stumm erschien. (Mit einer Ausnahme für das deutsche Publikum, doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.) Morn war zudem ein Anagramm von Norm, eines Charakters aus der legendären Comedy-Serie Cheers, die bei Paramount im Studio direkt nebenan gedreht wurde und ihre elfjährige Erfolgsgeschichte wenige Wochen vor dem Finale der ersten Deep-Space-Nine-Staffel beendete.
Auch bei Cheers' Norm, gespielt von George Wendt, handelte es sich um den Stammgast der Bar, der an seinem Hocker festgewachsen schien. Und Fun Fact: Staffel 1 war die einzige Staffel von Deep Space Nine, in der es keine einzige Episode ohne einen Auftritt von Morn gab.
Noch ein Grund, sie zu mögen. Und obwohl Morn eine eher untergeordnete Rolle spielte, war seine offizielle Playmates-Actionfigur in der ersten Veröffentlichungswelle von 1994 enthalten, die außer dem Lurianer nur acht weitere Charaktere beinhaltete. Mein kleiner Plastik-Morn war vor ein paar Jahren mein allererstes Star-Trek-Spielzeug im Erwachsenenalter.
1994 war meine frische Einschätzung der Serie, dass ich noch längst nicht vollständig an Bord war. Um in meinem Ansehen zu wachsen, mussten der Pilotfilm und die Geschichten rund um Bajor und Cardassia zunächst bis ins "höhere Alter" in mir nachreifen können. Mein Favorit war damals unangefochten die Next Generation, und Deep Space Nine spielte die respektable zweite Geige.
Und auch, wenn sich meine Wertschätzung, sowohl für die erste Staffel im Besonderen, als auch Deep Space Nine im Allgemeinen, über die Jahrzehnte umdrehen sollte, so wusste ich damals wie heute: Die gerne mal leichtfertig getätigte Aussage, dass Deep Space Nine erst ab Staffel 3 oder Staffel 4 sehenswert wurde, gilt für mich nicht. Dafür hatte auch bereits Staffel 1 viel zu viele Juwelen zu bieten.
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Verfügbarkeitshinweis: Verfügbarkeitshinweis: Alle Staffeln von Star Trek: Deep Space Nine sind im Streaming verfügbar auf Paramount+, außerdem auf DVD.
Sebastian Göttling, Jahrgang 1978, ist Co-Moderator von Deutschlands beliebtestem Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag". Er forscht beharrlich auf den Retro-Gebieten Film und Fernsehen im Allgemeinen, Star Trek im Besonderen, Kultur- und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Space-Race und Mauerfall, Medienentwicklung, Kunst und Kommerz.
