Der Beginn von Star Trek Deep Space Nine: Die neue Serie vergaß beinahe ihre Prämisse

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Der Beginn von Star Trek Deep Space Nine: Die neue Serie vergaß beinahe ihre Prämisse
Quelle: Paramount

Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...

Was bisher geschah ... Der letzte Artikel dieser Reihe handelte vom Fernsehstart der raumschifflosen Star-Trek-Spin-off-Serie Deep Space Nine im Januar 1993. Ein wahrhaft epochales Spektakel, teuer wie kein anderer Serienauftakt bis zu dem Zeitpunkt, Startschuss für einen neuen Hoffnungsträger neben der Next Generation. Gedacht als eine zweite Cash Cow, die parallel laufen sollte zum Quotenhit mit Captain Jean-Luc Picard - und sich hoffentlich zu einem ebensolchen entwickeln würde.

Vor allem aber hatte der Pilotfilm Emissary (Der Abgesandte) mich als damals noch relativ frischen Fan - ich war es erst wenige Jahre zuvor im Jahre 1991 geworden - ziemlich gut abgeholt.

In den Jahrzehnten seit der Erstausstrahlung ist der Serienstart in meinem Ansehen nur gewachsen, weil hier ausgefeilte Science-Fiction und sorgsamer Anbau ans bekannte Trek-Universum auf einfühlsame und durch Lebenserfahrung weise gewordene Charakterzeichnungen in Form des Commander Sisko trafen, der an seiner neuen Arbeitsstelle mit einem alten Trauma fertig werden muss, wobei ihm auf sehr anrührende und Art und Weise die Wurmlochwesen im Firmament über dem Planeten Bajor helfen, die dort als Götter verehrt werden. Mit jedem Mal, dass ich Emissary ansehe, trifft es mich tiefer.

In Babel leidet Chief O'Brien als erster unter Wortfindungsstörungen. Quelle: Paramount In Babel leidet Chief O'Brien als erster unter Wortfindungsstörungen. Nun aber waren diese allerersten neunzig Minuten Deep Space Nine gesendet und damit einige Versprechen in die Welt gesetzt, welche die nun folgenden 18 Restepisoden der ersten Staffel hoffentlich einlösen würden. 18 waren es lediglich deswegen - eine Vollstaffel Star Trek hatte zu der Zeit 26 Episoden, weil die Serie erst im Januar in der Mitte der US-Ausstrahlungssaison, die jeweils von etwa September bis Anfang Juni geht, ins Programm genommen wurde und somit in eine verkürzte Staffel startete.

Doch was waren diese Versprechen, die nun im Raum standen? Da war zum einen etwas, das heutzutage als Worldbuilding bezeichnet wird oder auch Lore, was den Planeten Bajor angeht, in dessen Nähe sich die Weltraumstation befand. Bajor war eine Welt, die jahrzehntelang von den faschistoiden Cardassianern besetzt, ausgebeutet und schließlich in Schutt und Asche gelegt worden war.

Gleichzeitig aber auch ein Ort von großer Spiritualität, von jahrtausendealter Kultur und ebenso von internen Intrigen und Machtkämpfen, die nun im politischen Vakuum nach der Okkupation auszutragen sein würden. Für die Bajoraner war das frisch entdeckte Wurmloch das Allerheiligste, und für die Föderation, die da war, um humanitäre Hilfe zu leisten, Heimstatt eines weiteren hoch entwickelten und rätselhaften Alienvolks, mit dem man umzugehen hatte. Für die einen also die anzubetenden Propheten, für die anderen zeitlose Wurmlochwesen. Eine Diskrepanz, die es in der Zusammenarbeit auszuloten galt.

Das nächste Versprechen war der langsame Wandel des verschlafenen Westernstädtchens, welches die Station darstellte, komplett vom Sheriff-Büro und Saloon bis hin zum Rathaus von Bürgermeister Sisko. Dieses Westernidyll dürfte nur von kurzer Dauer sein, denn gleich der Pilotfilm mit dem neu entdeckten Wurmloch, welches einen völlig neuen Quadranten der Galaxie aufstieß, machte die abgeranzte Raumstation zu einem Zentrum von Kommerz, Wissenschaft und zahllosen Durchreisenden.

Wenn nun wie einst im Klondike ein Goldrausch entstehen würde, der Abertausende anlockte, wäre die Station dem Ansturm gewachsen? So verschaffte man auch Gastcharakteren eine plausible Motivation, sich zur Raumstation aufzumachen - und mitunter deutlich zwielichtigere Elemente darstellten, als sie sich die Enterprise regelmäßig an Bord holte.

Denn drüben bei Captain Picard gab es hauptsächlich dann Besuch, wenn die Mission der Woche eine diplomatische oder wissenschaftliche war, und folglich gaben sich dort eher konfliktscheue Würdenträgerinnen und Würdenträger die Klinke in die Hand. Ganz anders das Klientel in einem offenen Hafen wie Deep Space Nine. Bunter, unkontrollierbarer und mehr wie bei Star Wars könnte es hier zugehen.

Damit kam auch gleich das nächste Versprechen ins Spiel, nämlich Besuch aus besagtem Gamma-Quadranten. Das Kennenlernen neuer Völker, bei denen sich herumgesprochen hat, dass sich irgendwo im Idran-System ein Fenster aufgetan hat ans andere Ende der Galaxis. Fremd sollte er sein, der Gamma-Quadrant, und somit auch die Herausforderung an die Crew von Deep Space Nine, mit noch offeneren Armen, mit noch mehr Freude am Fremden, Gäste zu empfangen.

Das geht unmittelbar über das vierte Versprechen, nämlich die aktive Erforschung des Gamma-Quadranten, denn gewiss würde Deep Space Nine auch Zwischenstation werden für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Föderation, die ihrerseits ins Ungewisse aufbrachen. Star-trekkiger könnte ein Gedanke kaum sein, als sich auf diese Art und Weise fremden Welten und neuen Zivilisationen zu nähern.

Und wer weiß, vielleicht würde sich ab und an auch die Crew von Deep Space Nine selbst an Bord ihrer vollwertigen Mini-Raumschiffe, der Runabouts, durch das neue Wurmloch begeben und ihrerseits forschen.

Richterin Renora dauert die Dax-Verhandlung zu lange - sie will lieber zu Abend essen. Quelle: Paramount Richterin Renora dauert die Dax-Verhandlung zu lange - sie will lieber zu Abend essen. Außerdem war Deep Space Nine konzeptionell geboren worden aus den Rassenunruhen in Los Angeles im Jahr 1992, die nahe Hollywood ganze Stadtteile verwüstet hatten, wo Mitbürger und Nachbarn auf einmal zu Feinden geworden waren und am nächsten Tag, als sich die Staubwolken gelichtet hatten, unklar war, ob man wieder zueinanderfinden konnte, um die entstandenen Wunden zu heilen.

So nahm sich Deep Space Nine auch vor, diese aktuelle politische Entwicklung zu behandeln, genauso wie zwei Jahre zuvor der sechste Kinofilm und die fünfte Staffel der Next Generation die Ereignisse rund um Glasnost eingebunden hatten.

Das nächste Versprechen: Deep Space Nine sollte endlich aus der längst bekannten Roddenberry-Box ausbrechen, in welcher die Next Generation stets gefangen war. Zur Erinnerung: Die Box besagte, dass sich sämtliche Sternenflotten-Charaktere bestens verstehen müssen und immer Friede, Freude, Eierkuchen zu herrschen hat unter den Crews und Mitgliedern der Föderation.

Doch bei Deep Space Nine waren lediglich vier der acht Hauptcharaktere in der Sternenflotte. Die andere Hälfte gehörte entweder zur bajoranischen Miliz oder es handelte sich um Zivilisten - zum einen um den Sohn des Stationskommandanten Sisko, zum anderen um den zwielichtigen und durchtriebenen Bartender Quark, der zahlreiche Connections in die Halbwelt hatte.

Aufgrund dieser neu gestalteten Zusammensetzung der Charaktere waren die Autorinnen und Autoren unter Michael Piller und Ira Steven Behr nun frei davon, dass sich alle ständig vertragen mussten, denn viele Charaktere gehörten einfach nicht zur Föderation, und so waren Reibereien und Streit in einem Ausmaß vorprogrammiert, wie sie zuvor nie möglich gewesen waren.

Das bringt uns zu dem vorletzten Versprechen, nämlich das Aufgeben von statischen, wie in Bernstein eingefrorenen Charakteren zugunsten einer moderneren Erzählweise. Die Crew von Deep Space Nine sollte sich sorgsam weiter entwickeln, untereinander Beziehungen ausbauen und vor allem auch daran wachsen, dass sich die Raumstation nicht vom Fleck bewegen konnte und sich somit alle Protagonisten den Konsequenzen ihres Handelns stellen mussten.

Sie flogen eben nicht wie die Enterprise vor dem Ergebnis ihrer Taten davon und waren eine Woche später an einem ganz anderen Ort. In dieses dynamische Weitererzählen der Charaktere würde dann auch wieder die Nutzung aller vorhandenen Reibereien innerhalb des Ensembles hineinspielen.

Vor allem aber stand in dem Zusammenhang die Frage im Raum: Wie würde es weitergehen mit Sisko, dem traumatisierten Commander, der gerade eben durch den Pilotfilm wieder neuen Lebensmut geschmeckt hatte? Wie würde er sich in die neuen Aufgaben einfinden? Hatte er noch weitere Therapie vor sich nach dem ersten Schritt, den er in Emissary gegangen war?

Dort verbarg sich die Möglichkeit zu einer echten Heldengeschichte, der Phönix aus der Asche; der menschliche Spirit, der sich aufgrund einer Aufgabe als Friedensbringer und Diplomat freikämpfte von dem Dunklen, das in der Seele wohnte.

Zu guter Letzt aber verhieß der Pilotfilm, der, wie bereits gesagt, äußerst kostspielig war, Woche für Woche ein ähnlich furioses Spezialeffektgewitter. Dort zu sehen waren die Schlacht gegen die Borg bei Wolf 359, aufwendige Kämpfe zwischen cardassianischen Schiffen und der Raumstation, psychedelische Effekte rund um das Wurmloch und die seinerzeit viel beachteten Morphing-Sequenzen, wann immer Sicherheitschef Odo seine Form wandelte.

Gleich die erste reguläre Episode, Past Prologue (Die Khon-Ma), ging bezüglich all dieser Versprechen in die Vollen. Wir erfuhren mehr über Bajor, genauer gesagt über die erste Offizierin, Major Kira, die in dieser Episode, anders als im Pilotfilm, mit einer feschen Kurzhaarfrisur auftauchte. Während der dunklen Jahre der cardassianischen Besatzungszeit hatte sie in Widerstandsorganisationen blutig für die Freiheit ihres Volkes gekämpft - und hier besuchte sie ihr ehemaliger "Arbeitskollege" Tahna Los von der mittlerweile inaktiven Terrormiliz Khon-Ma.

"Allamaraine!" Sisko & Co. gefangen im Abzählreim-Labyrinth Quelle: Paramount "Allamaraine!" Sisko & Co. gefangen im Abzählreim-Labyrinth Später war in der Serie übrigens nie wieder die Rede davon; Kira sollte vielmehr bei den Shakaar gekämpft haben. Die Khon-Ma waren nach dieser Episode vergessen.

Hin- und hergerissen war Kira zwischen ihren alten Loyalitäten und ihrem neuen Chef, Benjamin Sisko, den sie noch gar nicht richtig einschätzen konnte und der ihr gegenüber äußerst argwöhnisch war, was ihre möglicherweise verwerflichen Aktivitäten in der Vergangenheit anging. Ein wenig klischeehaft war dabei, dass Tahna Los erwartbarer Weise ein falscher Fuffziger war, der das Wurmloch in die Luft zu sprengen versuchte, das dem Planeten doch eigentlich neue Hoffnung geben sollte.

Tahna sah darin aber nur die Möglichkeit, dass weitere fremde Mächte gierig nach dem Einfluss waren, welchen die neue Transferstrecke mit sich brachte, und dass Bajor deswegen weiterhin fremdbestimmt sein würde, wo man doch endlich nach Jahrzehnten der Unterjochung auf eigenen Beinen stehen wollte. Es war keine große Überraschung, dass Kira sich selbstverständlich zugunsten ihrer neuen Pflicht entschied - der Verbindung mit der Sternenflotte; sie vereitelte den Anschlag auf den Himmelstempel.

Deep Space Nine zeigte sich hier von seiner besten Seite als Weltraumhafen, auf dem die unterschiedlichsten Gestalten ein und aus gingen. In diesem Fall waren die Komplizinnen von Tahna Los die Klingoninnen Lursa und B'Etor, also niemand Geringeres als die verschlagenen Duras-Schwestern, bekannt aus der Next Generation, wo sie schon das ein oder andere Mal mit Worfs Familie aneinander geraten waren und sogar mithilfe der Romulaner einen Bürgerkrieg hatten anzetteln wollen, um so die Macht über das klingonische Imperium an sich zu reißen.

Dadurch zeigte sich einerseits zwar sehr schön, dass die neue Serie nicht in einem Vakuum existierte, sondern ein echtes Spin-off der Next Generation war, das auch Charaktere aus der Schwesterserie übernahm. Andererseits war es ein wenig schade, dass bereits in der allerersten regulären Episode auf Kosten der Eigenständigkeit zurückgegriffen wurde auf beliebte Charaktere der schon seit längerem laufenden Hit-Serie.

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Die hatte übrigens seinerzeit das Gleiche in ihrer ersten regulären Folge, The Naked Now (Gedankengift), getan, wo zwar keine Charaktere aus der Originalserie auftraten, sehr wohl aber eine Seuche aus einer 1966er-Episode, die die Crew besoffen machte, Besitz ergriff von der Besatzung der Enterprise und drohte, das Schiff zu zerstören. So ergab sich nach dem Auftritt von Jean-Luc Picard und der Enterprise im Pilotfilm Emissary gleich aufgrund von Lursa und B'Etor das ungute Gefühl, dass sich Deep Space Nine doch allzu sehr auf die beliebte Next Generation stützen wollte, um möglichst viele Zuschauer mitzunehmen.

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