Star Trek Deep Space Nine Staffel 1: Die neue Serie vergaß beinahe, was sie ist
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Nach einem starken Auftakt startete Star Trek Deep Space Nine in die erste Staffel - und stolperte beinahe ins Unglück ...
Auch hier war es ein Cardassianer, der sich als Gaststar ins infernalische Zwiegespräch mit Major Kira stürzte. In Duet (Der undurchschaubare Marritza) spielte der großartige Harris Yulin den titelgebenden Undurchschaubaren - und zwischen diesen beiden Schauspielern entstand eine schier greifbare Intensität.
In keiner Episode war die Parallele auf das Dritte Reich, welches die cardassianische Besatzung des Planeten Bajors unter anderem auch darstellte, offenkundiger als in dieser, denn der Cardassianer, der hier in Gefangenschaft war - also genau andersherum, als es sich bei Picard und Madred darstellte -, war ausgerechnet der Kommandant des wohl berüchtigtsten Konzentrationslagers, verantwortlich für den Tod zahlloser Individuen in den Erzminen. Oder war er es wirklich? Mehr zu verraten wäre zu viel für alle, die diese Episode noch nicht gesehen haben.
Faszinierend war auf jeden Fall, wie mit Duet inmitten von viel Klischeehaftem, Routiniertem und noch nicht ausreichend Individuellem auf einmal so früh in der Serie eine Episode entstand, die bis heute zu einer der besten nicht nur in Deep Space Nine, sondern in ganz Star Trek gerechnet wird. Und das nicht bloß von einigen Fans, sondern durch die Bank. Wie wichtig die zentrale Aussage von Duet war, schrieb Thomas Höhl in dem deutschen Fanzine Trek World so gut und präzise, wie ich es besser nicht ausdrücken könnte:
"Die Aussage, dass jedes Land dem Untergang geweiht ist, wenn es nicht zu den Verbrechen in der Vergangenheit Stellung nimmt, ist insofern treffend, wenn man sich die Neonaziszene in Deutschland ansieht, welche in den letzten Jahren durch ihre Verbrechen immer wieder in die Schlagzeilen gerückt ist und nach wie vor hartnäckig und entgegen aller Fakten und Beweise versucht, die Auschwitzlüge zu verbreiten. So gesehen scheint Duet wie für den deutschsprachigen Raum zugeschnitten."
Die Staffel endete mit In the Hands of the Prophets (Blasphemie), einer Episode, die ich heute um Längen besser finde als damals bei ihrer Erstausstrahlung auf SAT.1. Auf einmal waren sie weg, die Raumanomalien, die Weltraumviren und die Versuche, der Next Generation nachzueifern. Nun, am Ende der Staffel erinnerte sich Deep Space Nine wieder daran, dass wirklich etwas über Bajor und über den komplizierten Ort Deep Space Nine erzählt werden sollte.
Alles nahm seinen Anfang darin, dass die erzkonservative bajoranische Ordensschwester Vedek Winn zu verhindern versuchte, dass Keiko O'Brien, Schulleiterin der Station, im Unterricht vom Wurmloch als ein wissenschaftliches Phänomen erzählte, hervorgerufen von außerdimensionalen Aliens. Winn nahm vermeintlich Anstoß daran, denn immerhin war da die Rede von "ihrem" Himmeltempel und was Mrs. O'Brien den Kindern vermittelte, war etwas Areligiöses, etwas Blasphemisches.
Es ging um Glaube versus Wissenschaft, um Kreationismus versus Evolutionstheorie und damit um eine zentrale moralisch-ethische Fragestellung, aber auch etwas zutiefst Politisches. Denn das waren die eigentlichen Ziele von Winn, welche die Ereignisse rund um die Schule nur nutzen wollte, um ihren Widersacher bei der Wahl zum neuen Papst an Bord der Station zu holen, den progressiven Vedek Bareil, der ihr ein Dorn im Auge war.
Quelle: Paramount
Odos und Quarks andauernde Streitgespräche sind verlässliche Highlights.
Winn instrumentalisierte eine ihrer verblendeten Anhängerinnen, um Bareil auf der Station einem Attentat zum Opfer fallen zu lassen, nur, um, als der Plan schiefging, die ihr hörige Gläubige wie eine heiße Kartoffel fallenzulassen.
Mit Winn, perfekt gespielt von Louise Fletcher und bekannt als Schwester Ratchet aus One Flew Over the Cuckoo's Nest (Einer flog übers Kuckucksnest), erschuf Deep Space Nine eine Widersacherin für die Ewigkeit, schlangenhaft durchtrieben, wendehalsig und ständig auf die Vergrößerung der eigenen Macht bedacht - aber immer so, dass selbst bei den schlimmsten Vorfällen andere für sie den Kopf hinhalten mussten. Man liebte es, Winn zu hassen, und jede Szene mit ihr - und es würden noch viele Auftritte folgen - war ein absoluter Hochgenuss.
Tatsächlich hat die Episode für mich auch in der realen Welt einen politisch interessanten Bezug, genauso wie vermutlich für manch andere deutsche Star-Trek-Fans, denn bei der Erstausstrahlung lief auf SAT.1 ein Newsticker durchs Bild just in dem Moment, als Attentäterin Neela Winn in ihrem Tempel besucht.
"+++ ERICH HONECKER IST IN CHILE GESTORBEN +++" besagte diese Laufschrift und für einige Jahre - zumindest so lange, wie ich mit selbst aufgenommenen VHS-Kassetten hantierte - war diese brandaktuelle Meldung fester Bestandteil von In the Hands of the Prophets.
Tatsächlich hatte sich auch die übergreifende Seriengeschichte, was die Zusammenarbeit von Föderation und Bajor anging, bis zum ersten Staffelfinale entwickelt, denn in dieser letzten Folge konnte Kira etwas sagen, was zu Beginn nicht möglich gewesen wäre, nämlich, dass sie froh war über die Anwesenheit der Sternenflotte und Commander Siskos.
Dass sie in ihm nicht mehr wie anfangs den Teufel sah und sie nun der Ansicht war, all dies geschehe zum Wohle Bajors. "Das ist doch immerhin Fortschritt", so lautete sinngemäß der letzte Satz, den Sisko sprach, bevor die beiden die Kommandozentrale Ops verließen und die Kamera auf dem leeren Raum verharrte. Es gab noch eine Menge zu tun.
Zeit also, genau wie Kira und Sisko zum Ende der Staffel Bilanz zu ziehen, zunächst zahlenmäßig. Das Wurmloch war das Tor in den Gamma-Quadranten und dahinter lagen die Star-Trekschen "Strange New Worlds & New Civilizations", doch wie viele Reisen wurden tatsächlich auf die andere Seite der neuen Grenze unternommen? Es waren exakt zwei und das auch noch in unmittelbar aufeinanderfolgenden Episoden - und in der Gegenrichtung gab es exakt zwei Male humanoiden Besuch "von Drüben".
Dazu kamen dann noch zwei nicht körperliche Mitbringsel in anderen Folgen; auch diese ereigneten sich in zwei benachbarten Episoden. Und obwohl Deep Space Nine die Möglichkeit hatte, alles anders als bisher zu erzählen, wurden gleich vier Mal die großen Star-Trek-Klischees Raumanomalie und/oder ansteckende Krankheit bzw. Geistesverwirrung bemüht.
Auch hiervon fanden empörender Weise drei dieser Storys direkt aneinandergereiht statt. Eine unfassbar geballte Aufteilung, die dem Staffelverlauf eine inhomogene Erzählweise verlieh, sodass es eher wirkte, als bewegte sich die Serie von Themenblock zu Themenblock, anstatt behutsam alle möglichen Geschichten-Gärtchen im gleichmäßigen Wechsel zu bewässern.
Ebenfalls eklatant war, dass die Science-Fiction-Prämissen von mehr als der Hälfte aller Episoden - genauer gesagt elf von insgesamt 18 - auch 1:1 für Next-Generation-Folgen hätten adaptiert werden können. Die Tatsache, dass diese Geschichten Teil von Star Trek: Deep Space Nine wurden, war prinzipiell unerheblich, sie gerieten austauschbar.
Immerhin gab es acht Folgen, die im Großen und Ganzen dem neuen Konzept eher gerecht wurden, es gab also auch Überschneidungen, wo eine Next-Generation-Grundidee sehr passend für Deep Space Nine umgesetzt worden war. Ein wenig unglücklich waren sie allerdings aufgeteilt - erneut. Denn keine der beschriebenen 18 Episoden war individueller und besser verwurzelt in den Geschehnissen rund um Bajor und Cardassia mit der Raumstation als zentralem Handlungsort, als die letzten beiden der Staffel.
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so gut, machten es die beiden ersten regulären Episoden. Wenn man nun also den Pilotfilm, der ja auch ganz am Anfang stand, wieder in die Betrachtung einbezog, dann wirkte es so, als wären das Serienkonzept und der treue Umgang mit ihm wie stabile Buchstützen, links und rechts außen jeweils ein Block, welche die etwas durchwachsene Mitte der ersten Staffel festhielten.
Positiv könnte man auch sagen: Kurz vor Ende hatte man sich noch mal bewusst gemacht, was man mit der Serie eigentlich zu erzählen versuchte und hatte das ursprüngliche Konzept wiederbelebt.
In meinem Artikel, der sich mit dem Pilotfilm auseinandersetzte, berichtete ich über die damals brandheißen Rezensionen, die in der Trek World 27, dem deutschen Fanzine des Clubs Star Trek Central Europe, erschienen waren. Diese waren eher ruppig und unsachlich, und ich griff sie auf, gerade weil es Spaß macht, solche zeitgenössische Kritik mit dem Abstand der Jahrzehnte zu zerpflücken.
Doch wer schon eine Ausgabe später in der Trek World 28 ein sehr ausgewogenes und positives Fazit zum Pilotfilm abgab, war der oben bereits genannte Thomas Höhl, seines Zeichens Science-Fiction-Autor, Lektor, Space-View-Redakteur und Fandom-Grande.
Ab Ausgabe 30 dann rezensierte er peu à peu den gesamten Rest der ersten Staffel. Höhls Rezension des Pilotfilms, mit der ich weitestgehend d'accord gehe, werde ich hier jetzt nicht wiederholen, doch war er vom Rest der ersten Staffel deutlich weniger begeistert und ich möchte einige seiner Aussagen hier nutzen, um anhand meiner Entgegnungen ein eigenes Urteil darzulegen.
So konnte Höhl folgendes Bonmot nicht liegen lassen: "Sisko sieht als einziger Schwarzer in der Crew neben den anderen reichlich blass aus." In gewisser Weise bin ich aber bei Thomas Höhl, denn nachdem der Pilotfilm den Commander als einen vielschichtigen und interessanten Charakter mit jeder Menge Entwicklungs- und Heilungspotenzial dargestellt hatte, war Sisko im Laufe der ersten Staffel völlig in Vergessenheit geraten.
Von allen Steilvorlagen, die Emissary gemacht hatte, wurde keine einzige verwandelt. Farblos würde ich den Commander vielleicht nicht nennen, aber auf jeden Fall passiv. Generell kamen die Sternenflottenleute - vier an der Zahl - die Staffel über mit ihren Storys eher schwächer weg als die drei "Einheimischen" Kira, Quark und Odo, die durch die Bank die stärksten Episoden ablieferten. Vor allem Kira durfte in jeder ihrer Episoden - und es sind einige im Verlauf von Staffel 1 - regelmäßig "liefern", während ihr Chef im Hintergrund stand.
Colm Meaney Chief O'Brien war solide, aber unterbenutzt. Siddig El Fadil und Terry Farrell als Bashir und Dax waren hier noch problematisch, sollten sich aber bessern. Die besten Schauspieler auch die mit den eindrücklichsten Episoden: Nana Visitor, René Auberjonois und Armin Shimerman. Gut gewesen wäre sicherlich auch Avery Brooks, wenn man ihm nur etwas zu tun gegeben hätte.
