Ungerader Film, klassische Qualitäten: Star Trek 3 - Auf der Suche nach Mr. Spock
Special
Autor und Star-Trek-Universalexperte Sebastian Göttling seziert im dritten Teil seiner Artikelreihe den Klassiker Star Trek 3: Auf der Suche nach Mr. Spock.
Ohne Meyer setzte sich in einem eher ungewöhnlichen Move Produzent Harve Bennett höchstselbst ans Drehbuch. Das Ende war ihm von Anfang an sonnenklar: Spock ist wieder da! Von diesem Ergebnis aus schrieb er das Drehbuch in kürzester Zeit rückwärts, bis er am Anfang angelangt war - eine unter Autorinnen und Autoren eigentlich verpönte Vorgehensweise. Bennett meinte dazu: "Das hätte jeder schreiben können, so deutlich hatte der zweite Film den dritten vorbereitet." Den ersten Entwurf nannte er "Return to Genesis". In dieser Story entbrennt ein intergalaktischer Eklat, denn die friedensliebenden Vulkanier bekommen Wind von der Existenz des terraformenden Genesis-Projekts, das nicht bloß Leben aus der Leblosigkeit erzeugt, sondern auch als fürchterliche, planetenvernichtende Waffe eingesetzt werden kann.
Die Mitgliedschaft der Vulkanier im interplanetaren Völkerbund der Föderation steht aufgrund dieses Skandals auf dem Spiel. Zeitgleich stellt sich heraus, dass auf dem neu entstandenen Genesis-Planeten reiche Vorkommen an Dilithium zu finden sind - das sind jene seltenen Kristalle, die im Trek-Universum den Warpantrieb erst möglich machen.
Die verschlagenen Romulaner treten auf den Plan, bringen zahlreiche Sklaven als Minenarbeiter mit nach Genesis und lassen sie unter brutalsten Bedingungen nach den kostbaren Kristallen schürfen, während ein frisch wiederbelebter, aber frei von vulkanischer Logik wild wütender Spock wie in einem Horrorfilm nach und nach die Minenarbeiter abmurkst. All das klingt nach einem deutlich ernsteren, politischeren und epischeren Film als derjenige, der schließlich 1984 in die Kinos kam.
Quelle: Paramount Pictures
Verliert sein Schiff und seinen Sohn, darf sich aber endlich wieder käbbeln: Jim Kirk
Eigentlich sollte der Film bereits anderthalb Jahre nach Erscheinen des zweiten Teils an Weihnachten 1983 anlaufen, doch die gesamte Handlung drang schon in der Entwicklungsphase an die Öffentlichkeit (über die Quelle dieses Datenlecks werde ich später noch spekulieren).
Paramount fürchtete, dass der Film an der Kinokasse ein Misserfolg werden könnte, wenn die Handlung bereits komplett bekannt war, deswegen wurde der Film noch einmal ein halbes Jahr verschoben, um das Drehbuch von Grund auf umschreiben zu können. Im Gegensatz zu den ersten beiden Filmen hatte man also diesmal anscheinend die Ruhe weg, alle Zeit der Welt.
Als dann schließlich die Geschichte fertig war, so wie wir sie heute kennen, wurde das Drehbuch selbstverständlich auch dem Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry vorgelegt. Der verfügte zwar über keinen wirklichen Einfluss mehr und war nur noch als Berater tätig, hatte aber das Ohr und die Sympathien der Fans und damit dann doch eine Art konstitutionell-monarchische Macht, sozusagen die Queen Elizabeth II. von Star Trek.
Überhaupt nicht einverstanden mit dem geplanten dritten Film war Königin Gene, wie er in einem epischen, siebenseitigen Memo darlegte. Die gesamte Breite dieses Schriftstücks entfaltet der hervorragende US-Podcast "Inglourious Treksperts" in einem Zweiteiler, aber um nur zwei Beispiele zu nennen: Roddenberry nahm Anstoß daran, dass der Aufbruch der Renegaten um Kirk weniger mit ernsthafter Science-Fiction zu tun hat, sondern eher wirkt wie eine komische Operette aus der Feder von Gilbert und Sullivan, "Pirates of Penzance".
Auch hinterfragte Roddenberry die Motivation diverser Charaktere und ihre Handlungen und stellte die Frage, warum Spock anscheinend von der gesamten Bevölkerung seines Heimatplaneten Vulcan als wichtiger Prominenter angesehen wird, wo er doch eigentlich nur ein Stiefsohn Vulcans ist, der auf einem Sternenflottenschiff fernab der Heimat seinen Dienst verrichtet.
Die Tatsache, dass Spock Botschaftersohn ist, dürfte dabei nicht so schwer ins Gewicht fallen, denn auch Sarek ist kein Bundeskanzler. Bei den Bösewichten und auch der Zerstörung der Enterprise fehlten dem guten Gene dramatisches Gewicht und Herleitung. Und so schwierig Meister Roddenberry auch manchmal war, bei vielen seiner in diesem Memo aufgeführten Kritikpunkte muss ich ihm zustimmen. Was nicht heißen soll, dass der fertige Film zwangsläufig ein schlechter ist.
Musikalische Kontinuität sollte der Film übrigens bieten: Genau wie bei "Khan" war auch hier wieder Komponist James Horner mit seinen nautischen Klängen am Dirigentenpult.
Die Themen aus dem zweiten Film wurden teilweise wiederverwendet, die neu hinzugekommene Musik blieb im selben Stil und ergänzte die etablierte musikalische Sprache konsequent, war allerdings weniger actionbetont, stattdessen ein ganzes Stück romantischer und opernhafter. Eine stilistische Vorgabe, die Horner vom brandneuen Regisseur des dritten Films bekam.
Es ist kein Geheimnis, dass niemand Geringeres als Spock-Darsteller Leonard Nimoy die Regie übernahm, doch wie kam es dazu? Nimoy behauptete praktisch die ganzen 80er und 90er über, er habe den Charakter des Spock hinter sich lassen und sich neuen kreativen Aufgaben zuwenden wollen und man habe ihn tretend und schreiend zurücktragen müssen.
Doch all diese Aussagen dienten eigentlich dazu - so viel ist heute bekannt - seine Gage und seinen Nimoy-Nimbus wachsen zu lassen. Denn in Wirklichkeit war Nimoy an seiner Charakterschöpfung Spock sehr viel gelegen, alles Kokettieren mal beiseitegelassen. Als Nimoy dann sah, wie gelungen der zweite Kinofilm war, nachdem der erste Film eher negative Gefühle in ihm geregt hatte, da kitzelte es ihn doch wieder, Spock weiter zu spielen.
Ein wenig widersinnig allerdings, denn der Charakter war gerade eben gestorben. Nimoy ahnte aber schon, dass das nicht endgültig sein würde. Er hielt taktisch so lange die Füße still, bis das passierte, womit er fest gerechnet hatte: Paramount klopfte bei ihm an und bat ihn darum, seine legendäre Rolle wieder zu übernehmen. In diesem Moment zog Nimoy sein Ass aus dem Ärmel, nämlich die unbedingte Forderung, bei dem Film Regie führen zu dürfen.
Der damalige Paramount- und spätere Disney-Chef Michael Eisner zögerte daraufhin allerdings sehr lange, Nimoy als Regisseur anzustellen, denn er war der Geschichte auf den Leim gegangen, dass der Schauspieler seinen Charakter eigentlich nicht leiden konnte. Eisner ging davon aus, dass Nimoy im zweiten Film vertraglich gefordert hatte, dass Spock ums Leben kommt, um diesen ein für alle Mal loszuwerden.
Nimoy musste harte Überzeugungsarbeit bei Eisner leisten, bis er schließlich doch als Regisseur angeheuert wurde. Nimoy selbst war es aber zeitlebens wichtig zu betonen, dass er Paramount nicht einen Moment lang erpresste, sondern lediglich eine Problemlösung anbot: "Leute, ich habe den Typen jahrelang gespielt, ich kenne das Franchise, ich kenne die Welt, ich kenne den Fandom. Ich bin genau derjenige, nach dem ihr sucht, wenn ihr bei den Fans landen möchtet."
Gesagt, getan, doch wie reagierten Nimoys ehemalige Schauspielkollegen darauf, dass jetzt einer aus den eigenen Reihen am Ruder war? Allen Berichten nach nahm der als Egozentriker verschriene William Shatner das neue Machtgefüge sportlich und professionell hin. Kritik kam eher aus den zweiten Reihen, zum Beispiel von Chekov-Darsteller Walter Koenig, der meinte, dass Leonard Nimoy doch sehr zurückhaltend, technisch, kühl und distanziert arbeitete.
Scotty-Mime Jimmy Doohan widersprach seinem Kollegen und meinte, dass das später beim vierten Film durchaus der Fall war, Nimoy bei Teil 3 aber noch überaus gesprächig war. Die größten Reibereien gab es aber mit einem Schauspieler, der eigentlich als Gentleman durch und durch bekannt war: "Pille" McCoys Darsteller DeForest Kelley.
Wahnsinnig gemacht hatte ihn Berichten zufolge eine Szene gegen Ende des Films, nachdem der wiederbelebte Spock aufgegabelt wurde und bewusstlos auf der Krankenstation des Klingonenschiffs liegt.
Es ist durchaus eine Herausforderung, bei einer Szene Regie zu führen, wenn man gleichzeitig mit geschlossenen Augen auf einer Pritsche liegen muss. Leonard Nimoy schwor in späteren Jahren Stein und Bein, dass er keinerlei Regung gezeigt hatte, aber DeForest Kelley gab zu Protokoll, dass Nimoy ihm mit dem Zucken seiner Augenlider unterschwellige Regieanweisungen zu geben versuchte, was ihn völlig kirre gemacht hatte.
