Spiele mit dem Geist der 80er - Realms of Antiquity, Donut Dodo, 198X
Special 53,99 €
Erste Hilfe bei chronischen Melancholiken und Auwehmut: Mit welchen 25 modernen Games-Geheimtipps sich die Atmosphäre der goldenen Videogame-Ära atmen lässt
Platz 3: Realms of Antiquity
Preis: 16,80 Euro | Auch erhältlich für: Texas Instruments TI-99/4 | Positive Steam-Bewertungen: 97% | Oldcool-Faktor: 9,5/10
Dieses Rollenspiel ist das einzige Game der Liste, das man wegen der Optik wirklich k e i n e s f a l l s einem PS5-Kind offerieren sollte: Der Rezensent musste seinen Sohn anleinen, weil dieser wegen visueller Misshandlung beim Jugendamt anrufen wollte, um nach einem Heimplatz zu fragen. Realms of Antiquity versucht nicht mal im Titel "Reiche des Altertums" zu verschweigen, was es sein will. Spielerisch gibt es sich hingegen zauberhaft: Ultima-tiv klassisch, aber mit zeitgemäß viel Substanz, die wir mit dem Wort Ultimatiefgang adeln. PC-Besitzer schubsen ein selbst erstelltes Alter Ego (oder auch zwei bis vier Schützlinge) minimal 60 Stunden über eine von Beginn an frei erkundbare Grafikkachel-Weltkarte mit über 30 Städten und Dörfern.
Ferner warten unzählige Dungeons mit Schätzen, eine erstaunliche Zahl an Gegnertypen, strategische Rundenkämpfe und storytreibende NPC-Textdialoge, die genretypisch für kleine und große Aufträge sorgen. Bedenkt man, dass RoA anno 2020 auf einem TI-99/4-Computer von 1981 entstand, der zu seiner Zeit maximal 52 Kilobyte RAM mit sich führte, fühlen sich die Berufe Krieger, Zauberer, Schurke, Kreuzritter, Paladin, Waldläufer, Hexenmeister, Barde und Abenteurer sensationell unterschiedlich an - dank der zehn Fertigkeiten, 20 Zaubersprüche und dank der differenzierten Ausrüstung.
In diesem Artikel
- Seite 1 Spiele mit dem Geist der 80er - Huntdown, Hyper Echelon, Vampire Survivors
- Seite 2 Spiele mit dem Geist der 80er - Broforce, Unmetal, Super Blood Hockey
- Seite 3 Spiele mit dem Geist der 80er - Zero Ranger, Galacticon, Buddy Simulator 1984
- Seite 4 Spiele mit dem Geist der 80er - Nightmare Frames, VVVVVV, Slipstream
- Seite 5 Spiele mit dem Geist der 80er - Realms of Antiquity, Donut Dodo, 198X
- Seite 6 Bildergalerie
Technisch mag RoA spartanischen Purismus ausstrahlen, um nicht zu sagen Sparkurspurismus, doch hier gibt's keineswegs nur eine Waffe namens Waffe, eine Rüstung und einen Heiltrank. Man freut sich über Panzerhandschuhe, Kompositbögen, Nach-Hause-teleportieren-Gemmen & Co. Wer möchte, paddelt sogar mit dem eigenen Boot in den Flüssen herum! Immer noch augemuskelkrampfbedingte Zweifel?
Quelle: Realms of Antiquity: The Shattered Crown bietet eine altertümliche Grafik und ebensolche Welt. Dennoch passt manches Problem ins Internetzeitalter: nervige Trolle etwa.
Realms of Antiquity: The Shattered Crown
Ein letztes ultima-tives Pro-Argument: Die Welt des Spiels heißt Talanua, was sich besonders gut aussprechen lässt, falls man sich die Grafik doch schönsaufen muss.
Platz 2: Donut Dodo
Preis: 4,99 Euro | Auch erhältlich für: - | Positive Steam-Bewertungen: 100% | Oldcool-Faktor: 9,5/10
Mit dem zweiten Arcadespiel in dieser Rangliste bewegen sich Spieler noch stärker als bei Galacticon zwischen den Gefühlslagen Fu*#↯☠$╭∩╮( •̀_•́ )!!! und ♡♡♡♥♥♥❤❤❤. Donut Dodo legt somit den perfekten Spagat einer Münzfressermaschine aufs Parket, die einen ständig motiviert, weiterzumachen. Wir erleben einen treudoof schielenden schrägen Vogel im Clever & Smart-Look als Lump.
Quelle: Der dödelige Dodo (links oben) sieht zwar so dumm aus, als würde er regelmäßig Google googeln. Er hat aber Verbündete, die Bäcker Billy Burns (am Riesendonut) jagen.
Donut Dodo
Das Jump & Run hätte in den 80ern zwischen einem Donkey Kong- und Burger Time-Automaten stehen können, ohne unangenehm aufzufallen. Ein Bäcker muss kleine Donuts und abschließend einen großen Schmalzgebäckkringel einsammeln. Es gilt, über miese Ratten zu hüpfen und Begegnungen mit zwei unüberwindbaren Nervensägen zu vermeiden: dem Geist Winky und einem Klo namens "Was reimt sich auf Winky?" Die Action fühlt sich an wie das erwähnte Nintendo'sche Affentheater - wenn denn Shigeru Miyamotos geistiges Kind Mario missraten und Speed-Junkie geworden wäre.
Einem alten Sack kommt bei all der Hektik vielleicht Hans Rosenthal in den Sinn, der hyperaktiv "Dalli, dalli!" krakeelt. Untermalt von zuckersüßer Musik lauern in fünf Levels u.a. bewegliche Plattformen an einem Riesenrad, Donkey Kong Jr.-Gedenk-Lianen, verwirrende Teleporter und die feurigen Ausscheidungen des titelgebenden Vogels.
Man beginnt das Spiel wegen fehlender Continue-Funktion häufig neu, um immer wieder "Nein! Doch! Ohhh!" zu kreischen, bis der nächste Highscore und Befriedigung erreicht ist. Wer wie der asbachuralte Autor noch einen Dodo als Haustier hatte, freut sich definitiv über ein Wiedersehen mit dem Federvieh. In diesem Sinne: Unknown crapping object identifies as Dodo, und nun düse, düse, düse im Sauseschritt!
Platz 1: 198X
Preis: 9,99 Euro | Auch erhältlich für: PS4, Switch | Positive Steam-Bewertungen: 86% | Oldcool-Faktor: 9,5/10
Mit 198X ist dieses unsagbar eloquente Essay endlich bei einem animierten Kunstgemälde angelangt, welches auch Liebhaber französischer Intellektuellenfilme, Iphigenie auf Tauris-Regisseure und SPON-Feuilletonisten en public goutieren dürfen. Um diesen Personen die feilgebotene Metaebene des Spiels gebührend und verständlich näherzubringen, reichern wir unsere Gegenwartsretrospektive gerne mit Neologismen und Fachtermina an.
Quelle: 198X erzählt von einem Jugendlichen, der in die virtuelle Welt flieht. Was er spielt, spielen auch wir: fünf Titel, die reale Vorlagen wie etwa R-Type (kleines Bild) haben.
198X
Die vorliegende Visual Novel porträtiert als Coming-of-Age-Erzählung das Aufwachsen eines oder einer geschlechtsidentitär nicht definierten, halbwüchsigen Protagonisten bzw. Protagonistin namens "Kid" in einer suburbanen US-Vorstadt plein de tristesse. Dabei balanciert die audiovisuell brillant umgesetzte Short Story stets auf dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Depression.
Wir transkribieren im Rahmen unseres Bildungsauftrags für etwaig mitlesende Jungspunde: Eure Spielfigur ist lost und findet alles doof, weil alle Erwachsenen in der Boomer-Pubertät stecken und auch sämtliche Mitschüler blöd sind, bis auf ein total stabiles Girl, das ein Lauch wie Kid niemals wegflanken wird. Safe!
'Ich geh kaputt, wer kommt mit?', mag deshalb das 80ereske Sponti-Motto lauten. 198X präsentiert sich voller Bildgewalt, und zwar keineswegs nur während der Ouvertüre, die als Beat 'em up inszeniert ist.
Art Fight Style im Wortsinne! Als das Alter Ego eine Arcade Hall entdeckt, erfährt der Rezipient den Eskapismus des Jugendlichen leibhaftig: Wir konsumieren interimistisch weitere Minigames der Spielhalle - ein Shoot 'em up, ein Racing Game, einen Auto Runner, einen Dungeon Crawler - und existieren auch in der englisch verbalisierten Gedankenwelt des tragischen, realitätsflüchtenden Kid.
Eine 16-Bit-World, in der es Bonanza-Räder, Audiokassetten, das Wort "Farbfernseher" und Läden gab, die mit riesigen Schildern warben, dass sie binnen einer Stunde (!!!) ein Foto entwickeln können.
198X endet viel zu schnell und ist auch in anderen Punkten umstritten. Manche empfinden die Story als "zu dick aufgetragen". Ein Rezensent bezeichnet den Hauptdarsteller als krampfhaft auf androgyn getrimmten, weinerlich-quengeligen, dürren Antisympathen, der seine alleinerziehende Mutter zur Schurkin stilisiert und sie terrorisiert. Vielleicht hatte der Kollege das Glück, stets barrierefrei durchs Leben zu hüpfen, man weiß es nicht.
Für den Autor dieses Textes steckt diese mit emotionalem Electronic Wave instrumentalisierte interaktive Geschichte voller jugendlich poetischer Philosophie. 198X regte ihn sehr zum Nachdenken über seine Teenagerzeit an. Als er den C64 nicht in seinem Kinderzimmer aufbaute, sondern in der Garage neben dem Haus, um Ruhe vor dem elterlichen Sturm zu haben.
Die Pubertät war kurioserweise die einzige Lebensphase, in der er sich irre erwachsen fühlte. Heute wäre er gern wieder Kind. Ironie des Schicksals!
Der deutsche Michel mag viele Haare dans la soupe finden. Wenn jemand dionysisch äußert, dass er nicht in der Lage war, nur eine einzige der vortrefflichen Zwischensequenzen abzubrechen, wird der Nörgler nicht ganz zu Unrecht erwidern: "Ja, weil das gar nicht geht!" Vielleicht wutbürgert er auch auf Facebook: "Das Spiel könnte klasse sein. Wenn nicht ständig und immer diese Spielsequenzen zwischen den Zwischensequenzen dazwischen wären!!111!!"
Für uns belegt dieses Meisterstück hingegen, dass Schweden nicht nur ABBA können. Voraussetzung für dieses vom Feeling her perfekte Gefühl, und das ist sehr wichtig: Man muss die realen 80er erlebt haben. Wir warten jedenfalls sehnsüchtiger auf 198X Part 2 als Estragon und Wladimir auf Godot.
Exkurs: No Money? Chicks For Free!
Hier gibt es nicht nur den Hinweis auf das kostenlose und sehr lustige Shoot 'em up Chicken Invaders Universe. Wir haben sogar ZEHN Gratisspiele herausgesucht, die sich alle 80ies anfühlen:
- 1982 - Download
- Bagman strikes back - Download
- Chicken Invaders Universe - Download
- Echoes+ - Download
- Gates of Integrity - Download
- Kung Fury - Download
- Stranded Miners in Space - Download
- Ghosts'n DJs - Download
- Sunset Drive 1986 - Download
- You have to win the Game - Download
Der größte Clou ist aber, dass man den Programmcode nicht so wie früher beim sogenannten Listing des Monats selbst eintippen muss. Wir erinnern uns: Es fehlte IMMER irgendwo ein Strichpunkt, sodass kein einziges dieser Spiele funzte. Zumindest kennt niemand jemanden, der etwas anderes erlebte. Von wegen, früher war alles besser!
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