Videospiele in ... Polen: Leidenschaftliche Entwickler und begeisterte Communitys
Special
Nach einem Exkurs ins ferne Australien setzen wir unsere großangelegte "Videospiele in ..."-Reihe im Nachbarland Polen fort. Warum die Gaming-Szene dort seit einigen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes boomt, erfahrt ihr im Folgenden.
Mit weit mehr als 40 Millionen verkauften Exemplaren gilt die The-Witcher-Reihe von CD Projekt Red als eine der erfolgreichsten Rollenspielserien überhaupt. Ein Erfolg, der sich mehr als sehen lassen kann und dazu führte, dass das Mutterunternehmen CD Projekt mittlerweile Platz zwei der größten Spielefirmen in ganz Europa innehat. Marktwert des Unternehmens Stand Ende Februar 2020: Acht Milliarden US-Dollar - umgerechnet knapp 7,25 Milliarden Euro.
Doch nicht nur CD Projekt boomt, auch viele andere Games-Unternehmen aus Polen können beachtliche Erfolgsgeschichten erzählen. Ob Techland, People Can Fly oder CI Games - jedes dieser Unternehmen hat mindestens eine Topmarke im Portfolio, die sich millionenfach verkauft hat. Ähnlich stark aufgestellt sind mittlerweile auch zahlreiche kleine Entwickler, darunter 11 Bit Studios, Superhot Team oder The Astronauts. Diese und andere engagierte polnische Studios genießen längst weltweites Ansehen und zeichnen unter anderem für Hits wie This War of Mine, Superhot oder The Vanishing of Ethan Carter verantwortlich.
Doch wie kam der eben angerissene Höhenflug der polnischen Spielemacher eigentlich zustande? Woher rührt die ungebremste Games-Begeisterung des sechstgrößten Landes der Europäischen Union, dessen Spielemarkt allein im Jahr 2018 Umsätze im Wert von knapp 495 Million Euro (Quelle: Newzoo) erwirtschaftete? Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Sprung in die Vergangenheit. Genauer gesagt in die 1980er-Jahre. Die Volksrepublik Polen war damals noch kommunistisch geprägt und stand unter starkem sowjetischen Einfluss.
Quelle: People Can Fly
People Can Fly – die Macher hinter Bulletstorm (im Bild), Gears of War: Judgment und Outriders – betreiben mittlerweile vier Studios weltweit und beschäftigen über 200 Angestellte.
Vorbild Westen
Dem Technik- und Entertainment-Enthusiasmus der jungen Generation tat dies jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Unterhaltungsmedien aus dem Westen, allen voran Filme und Computerspiele, schafften es über Umwege immer wieder nach Polen und wurden dort mit Begeisterung kopiert und konsumiert. Richtig gelesen: kopiert. Denn Urheberrecht war in Polen zur damaligen Zeit kein Thema und Vervielfältigen von Medieninhalt somit völlig legal.
In einem Gespräch mit der britischen Website Kotaku erinnert sich Pawel Marchewka, Gründer und Geschäftsführer des Entwicklers und Publishers Techland, noch sehr genau an das rege Treiben auf den sogenannten Computermärkten jener Zeit. "Amiga-Disketten und Commodore-Kassetten wurden dort verkauft, ebenso wie in vielen kleinen lokalen Geschäften. Abseits vom Verkauf und Handel mit Spielen gab es zudem nationale Radiosender, die Spiele für den C64 in Form einer Serie von Pieptönen übertrugen. Man konnte die Geräusche dann einfach auf Kassette aufnehmen, in den Speicher des Heimcomputers laden und abspielen."
Quelle: Techland
Nach Cyberpunk 2077 ist das Open-World-Zombie-Abenteuer Dying Light 2 das derzeit am sehnlichsten erwartete Spiel aus Polen. Zwar hat es Techland noch nicht bestätigt, doch auch hier ist ein Cross-Gen-Release sehr wahrscheinlich.
Wer die allerneuesten Spiele haben wollten, nahm zudem lange Reisen auf sich, um sich bei besonders versierten Freunden, Bekannten oder Fachhändlern mit der entsprechenden Software einzudecken. "Streckenweise musste ich zu einer 100 Kilometer von meinem Heimatort entfernten Stadt reisen, um Zugriff auf die Games zu erhalten, die ich unbedingt spielen wollte", so Marchewka gegenüber Kotaku.
Aber auch andere Entwickler haben viele lebhafte Erinnerungen an diese Zeit. Adrian Chmielarz zum Beispiel, Mitbegründer der Entwicklerstudios People Can Fly und The Astronauts, verdiente sich als 16-Jähriger ein mehr als üppiges Taschengeld durch das Kopieren von VHS-Kassetten. Anfangs waren es nur wenige Exemplare, doch weil das Geschäft so gut anlief, hatte er bereits nach einem Monat über 500 Filme im Angebot. Das so erwirtschaftete Geld investierte er später in den Kauf eines Heimcomputers, an dem er sich nach und nach selbst das Programmieren beibrachte.
Quelle: CD Projekt Red
Cyberpunk 2077 von CD Projekt Red sollte eigentlich schon am 16. April 2020 erscheinen, wurde aber kurzfristig auf den 17. September 2020 verschoben. Der Qualität des Spiels dürfte dies keinen Abbruch tun, im Gegenteil.
Der große Knall nach dem Mauerfall
In den 80ern war das Kopieren in Polen mit keinerlei rechtlichen Konsequenzen verbunden. Mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und dem daran anknüpfenden Wechsel der Regierungssysteme in der DDR, Bulgarien, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn änderte sich dies jedoch Schritt für Schritt. Urheberrechte spielten zunehmend eine Rolle, was wiederum dazu führte, dass sich IT-Firmen schnell an die neue Lage anpassen mussten. Selbst Inhalte zu erschaffen, war plötzlich das Gebot der Stunde und der treibende Motor hinter der Entstehung zahlreicher Spielestudios. Techland etwa erblickte 1991 das Licht der Welt und verdiente anfangs seine Brötchen mit Lernsoftware. Da sich dieses Business als lukrativ entpuppte, wurde das Portfolio kontinuierlich erweitert und wenig später um erste kleine Games-Projekte ergänzt.
Knapp neun Jahre nach seiner Gründung hatte das Unternehmen mit Sitz in der 70.000-Einwohner-Stadt Ostrowo schließlich ausreichend Know-how gesammelt, um sein erstes großes, intern entwickeltes Spiel auf den Markt zu bringen. Es trug den Namen Crime Cities und war ein missionsbasierten Actionspiel an Bord eines futuristischen Fahrzeugs, das abseits seiner Kampagne einen LAN-Multiplayer für bis zu 16 Spieler bot. Mit einer Metacritic-Wertung von 71 von 100 Punkte war der Titel zwar längst kein Meilenstein, aber doch gut genug, um weitere Projekte bei Techland zu finanzieren.
Quelle: Moby Games
Jeder fängt mal klein an: Der Action-Raser Crime Cities war das erste kommerzielle Spiel von Techland. Die Wertungen der Fachpresse schwankten leider gewaltig: PC Games vergab damals 49 von 100 Punkten, die US-Website IGN dagegen 81 von 100 Punkten.
Der Ego-Shooter Chrome (2003), das Rennspiel Xpand Rally (2004) und zahlreiche andere Titel folgten und liefen vielfach auf der hauseigenen Chrome Engine. Der erste große Durchbruch im Westen gelang schließlich im Jahr 2006 mit Call of Juarez: Der Wild-West-Shooter spielte sich prima, sah toll aus und weckte die Aufmerksamkeit von Ubisoft, die wenig später das Publishing der PC-Fassung in den USA übernahmen. Es kam zu weiteren lukrativen Lizenzdeals und Kooperationen, die Techlands Expansion weiter begünstigten.
Doch nicht nur Techland wurde zunehmend bekannter, sondern auch zahlreiche andere Firmen. Im Mai 1994 zum Beispiel gründeten Marcin Iwiński und Michał Kiciński in Warschau CD Projekt S.A., um sich der Distribution von Computerspielen aus dem Westen zu widmen. Doch schon einige Jahre später reichte das dem Gründerduo nicht mehr. Sie wollten - genau wie Techland - selbst kreative Impulse setzen. Also hob man 2002 das Entwicklungsstudio CD Projekt Red aus der Taufe, das schon bald zusammen mit Interplay an einer PC-Umsetzung des Action-Rollenspiels Baldur's Gate: Dark Alliance werkelte. Zunächst lief alles nach Plan. Dann aber geriet Interplay in eine monetäre Schieflage, die weite Kreise zog - die Entwicklung von Baldur's Gate: Dark Alliance musst eingestellt werden.
Quelle: Jutsu Games / Games Operators / PlayWay S.A.)
Noch ein Indie-Hit aus Warschau: In 911 Operator werdet ihr zum Leiter einer Notrufzentrale und koordiniert Rettungseinsätze in sechs verschiedenen Großstädten.
Zeit, den Kopf hängen zu lassen, blieb jedoch nicht, weshalb sich das Studio kurzerhand entschloss, den bisher erarbeiteten Programmcode für ein gänzlich eigenes Projekt zu nutzen. Der Grundstein für The Witcher, Polens bis dato erfolgreichste Rollenspielreihe, war gelegt. Bis das ambitionierte Spiel Marktreife erreichte, vergingen allerdings noch mal fünf lange Jahre.
Die Geburtsstunde der polnischen Indies
Zeitsprung ins Jahr 2008. In Folge der Finanzkrise fanden viele Polen im Ausland keine Jobs mehr und entschlossen sich, in die Heimat zurückzukehren. Für den polnischen Spielemarkt rückblickend betrachtet ein Segen, denn viele dieser Heimkehrer waren überaus technikversiert, Games-begeistert und nicht selten interessiert daran, vor Ort etwas Neues auf die Beine zu stellen. Die Folge: Die lokale Indie-Szene nahm langsam an Fahrt auf.
Aushängeschild in diesem Sektor sind zweifelsohne die 11 Bit Studios. Gegründet am 11. September 2010, schaffte sich das Team zunächst mit dem Tower-Defense-Spiel Anomaly: Warzone Earth (2011) ein sehr solides Standbein. Heute, mehr als neun Jahre später, sind die 11 Bit Studios dank Spielen wie der kriegskritischen Survial-Simulation This War of Mine sowie dem ungewöhnlich düsteren Städtebauspiel Frostpunk über 100 Mann stark und mittlerweile sogar im Publishing-Sektor tätig. Zuletzt zum Beispiel mit Children of Morta, welches wiederum aus der Feder eines amerikanischen Indie-Studios namens Dead Mage stammt. Eine wahrlich großartige Transformation, die auch in Zukunft noch viele interessante Früchte tragen dürfte.
Quelle: 11 Bit Studios
Nach ihrem Durchbruch mit This War of Mine im Jahr 2014 veröffentlichten die 11 Bit Studios aus Warschau Frostpunk – eine düstere Aufbausimulation, in der Spieler die von erbitterter Kälte umringte, letzte Stadt auf Erden aus dem Boden stampfen.
Hinzu kommt: Nicht zuletzt dank zahlreicher Förderinitiativen der Regierung hat sich Polen - und insbesondere die Hauptstadt Warschau - mittlerweile zum Hotspot der osteuropäischen Entwicklerszene gemausert. Über 400 Studios sind laut der Polish Games Association (kurz PGA) derzeit im Land tätig - Tendenz steigend. Mehr als 20 dieser Firmen, darunter auch einige Indies, mischen mittlerweile sogar am Aktienmarkt mit und haben sich auf diesem Weg frische Investitionen gesichert. Möglich macht dieses Kunststück die NewConnect: Der alternative Handelsplatz der Warschauer Wertpapierbörse wurde am 30. August 2007 ins Leben gerufen und adressiert vorrangig aufstrebende Unternehmen aus der Technologiebranche, die sich hier bei einem Börsengang bis zu fünf Millionen Euro an zusätzlichem Kapital beschaffen können.
Quelle: Gog.com
Die DRM-freie Download-Plattform GOG (Abkürzung für Good Old Games) wurde 2008 gestartet und ist das zweite große Standbein von CD Projekt. Neben aktuellen Veröffentlichungen finden Fans hier haufenweise Retrospiele, die für moderne Systeme optimiert wurden.
Weitere Gründe für den Erfolg der polnischen Spieleindustrie? Zum einen sicherlich die im Vergleich zu anderen Games-Nationen wie USA, Kanada, England, Deutschland, Frankreich, Südkorea oder Japan vergleichsweise niedrigen Löhne. Schenkt man den Daten der Internetplattform salaryexpert.com Glauben, beträgt das Einstiegsgehalt für einen polnischen Games-Entwickler mit ein bis drei Jahren Berufserfahrung im Schnitt 80.730 Zloty, umrechnet etwa 17.844 Euro. Bringt er dagegen acht oder mehr Jahre Berufserfahrung mit, sind es immerhin schon 139.107 Zloty, was umgerechnet etwa 30.735 Euro entspricht. Mit anderen Worten: Die Unternehmen können sich mehr Entwickler leisten und die Arbeitslast der Projekte besser verteilen. Gleichzeitig ist der Standort Polen dadurch natürlich auch attraktiver für Investoren aus dem Ausland. Zugegeben, für den einzelnen Entwickler ist das weiterhin nicht optimal. Mit fortschreitendem Wohlstandsniveau dürfte es aber auch hier auf lange Sicht zu weiteren Lohnsteigerungen kommen.
Nicht unter den Tisch kehren sollte man darüber hinaus die Community-Verbundenheit der polnischen Entwickler sowie ihr stetes Bestreben ein möglichst gutes Preis-Leistungs-Verhältnis abzuliefern. Sei es nun die monumentale Erweiterung Blood and Wine für The Witcher 3: Wild Hunt, die mit haufenweise Aufträgen gespickten Karten von Sniper Ghost Warrior Contracts oder die umfangreiche Kampagne des Fantasy-Rollenspiels Tower of Time - bei den meisten Titeln "Made in Poland" kriegt man richtig viel Spiel für sein Geld.
Quelle: Ubisoft
Outriders von People Can Fly (Bulletstorm) ist ein Drei-Spieler-Koop-Shooter und stark inspiriert von artverwandten Spielen wie Destiny, The Division 2 und Anthem. Erscheinen soll es im Herbst 2020 für PC sowie Current- und Next-Gen-Konsolen.
Gute Zukunftsaussichten
Wirft man einen Blick in die Zukunft der polnischen Gamesbranche, erscheinen die Aussichten insgesamt mehr als rosig. Speziell in diesem Jahr stehen diverse potenzielle Hochkaräter in den Startlöchern, die beste Chancen haben, Millionen Spieler weltweit für sich zu begeistern. Allen voran natürlich Cyberpunk 2077 von CD Projekt Red. Mehr als 500 Personen werkeln derzeit unter Hochdruck an der Fertigstellung des Rollenspiels, das sich bereits seit der Pre-Produktionsphase von The Witcher 3: Blood and Wine in Entwicklung befindet. Wer sich nun fragt, wie sich die Corona-Pandemie auf das Projekt auswirkt, findet auf dem offiziellen Twitter-Account der Macher
die Antwort. Dort verkündete das Team am 16. März, dass der gesamte Workflow erfolgreich umgestellt wurde und alle Mitarbeiter mittlerweile im Home Office arbeiten. Gleiches gilt für People Can Fly, das Team hinter dem für den Herbst geplanten Koop-Shooter Outriders. "Seit letzter Woche arbeitet die Outriders-Crew von zu Hause. Heute haben wir nur eine Nachricht für euch: #stayhome", heißt es in einem Twitter-Post vom 24. März 2020. Von einer Verschiebung ihres Triple-A-Projekts ist glücklicherweise nicht die Rede.
Quelle: Draw Distance
Tatorte säubern, Mordwaffen verstecken, Leichen entsorgen und dabei nicht ins Kreuzfeuer der Polizei geraten: In Serial Cleaner von Draw Digital wird der Spieler zum Gehilfen zur 70er-Jahre-Mafia.
Weniger klar sind die Verhältnisse dagegen bei Techland. Ursprünglich für das Frühjahr 2020 geplant, wurde der Zombie-Shooter Dying Light 2 am 20. Januar 2020 kurzfristig nach hinten verschoben. "Wir brauchen mehr Zeit, um unsere Vision in die Tat umzusetzen", verkündete CEO Pawel Marchewka in einem Schreiben an die Community. Wann genau mit dem Release des Spiels zu rechnen ist, ließ er dabei allerdings offen. Zu den Auswirkungen von Covid-19 wurde ebenfalls noch nicht Stellung genommen. Sollte Techland jedoch den gleichen Ansatz verfolgen wie CD Projekt Red und People Can Fly, ist weiterhin Optimismus angebracht. Wir jedenfalls drücken unseren enthusiastischen Nachbarn die Daumen, dass alle Hoffnungsträger wie geplant fertig werden.
Und was sind eure Erfahrungen mit Computer- und Videospielen aus Polen? Welche großen und kleinen Titel haben euch bisher am meisten beeindruckt? Welches Projekt würdet ihr euch in Zukunft wünschen? Schreibt es uns in die Kommentare!
