Mein erstes Mal mit Lands of Lore: Wie spielt sich der Rollenspiel-Klassiker heute?
Special
Mit Lands of Lore verfrachteten die Westwood Studios das von Dungeon Master etablierte Dungeon-Crawler-Konzept in eine frei erkundbare Fantasy-Welt, spendierten ihm sinnvolle Komfortfunktionen und eine für damalige Verhältnisse prächtige Präsentation nebst Edel-Synchronisation. Wie schlägt sich der Klassiker von 1993 heute? Unser Autor Benedikt hat ihn zum ersten Mal gespielt.
Ich liebe diese Artikelreihe! Dank ihr konnte ich schon einige echte Klassiker der Spielegeschichte nachholen und kam mit Titeln wie Pool of Radiance, Final Fantasy 6 und Monkey Island 3: The Curse of Monkey Island voll auf meine Kosten. Etwas anders sah es hingegen bei Dungeon Master aus, dem Urknall des Rollenspiel -Subgenres der Dungeon Crawler: Irgendwie wurde ich mit dem Klassiker nicht so recht warm, auch wenn ich seine historische Bedeutung für das Medium jederzeit anerkennen konnte. Doch der Ausflug in die düsteren Kerker von Dungeon Master hat definitiv etwas in mir ausgelöst - nämlich die Lust auf weitere Dungeon Crawler, die in Sachen Komfort und Präsentation jedoch schon etwas fortschrittlicher sind als der Oldie aus dem Jahr 1987.
Auf dieser Seite
Nachdem ich mich mit privat zuletzt begeistert mit dem 2012 vom Indie-Studio Almost Human veröffentlichten Legend of Grimrock ausgetobt habe, kam mir als nächster Kandidat für diese Artikelserie dann auch schnell ein weiteres Oldschool-RPG in den Sinn, das ich schon immer mal nachholen wollte: Lands of Lore: The Throne of Chaos aus dem Jahr 1993. Das Rollenspiel der Westwood Studios, die zuvor mit Eye of the Beholder und dessen Nachfolger schon zwei sehr gute Kerkerabenteuer abgeliefert hatten (und später mit der Command-&-Conquer-Reihe den Spieleolymp besteigen sollten), gilt als die Krönung des klassischen Dungeon-Crawler-Konzepts, in dem ihr euch in Echtzeit Schritt für Schritt durch eine 3D-Umgebung bewegt und euch nur in 90-Grad-Schritten drehen dürft. Mit Ultima Underworld: The Stygian Abyss (1992) und dessen Sequel Ultima Underworld 2: Labyrinth of Worlds (1993) wurde dieser Ansatz schließlich von den ersten Rollenspielen mit "echter", vollständig texturierter und flüssig in alle Richtungen scrollender 3D-Grafik abgelöst. Da fällt mir gerade ein: Auch diese beiden Klassiker habe ich nie wirklich gespielt, sondern damals nur gelegentlich einem Freund beim Spielen über die Schultern geschaut. Okay, ist notiert ...
Fantasy-Reich sucht mutigen Helden
Nun aber zu Lands of Lore! GOG.com bietet das Spiel aktuell inklusive des Nachfolgers für günstige 5,49 Euro (Stand: 27. Februar 2020) an. Die GOG-Version basiert auf der CD-Fassung des Spiels, die englische Sprachausgabe und deutsche (und natürlich auch englische) Bildschirmtexte beinhaltet.
Kurz zur Handlung: Sie ist solider Fantasy-Standard und wird euch in einem minutenlangen, auch heute noch sehenswerten Intro nahegebracht. Die böse Hexe Scotia will das von König Richard LeGrey regierte Reich Gladstone unterjochen und setzt dafür jedes Mittel ein, um ihrem Ziel näherzukommen. Da ich nicht unnötig spoilern möchte, spare ich mir weitere detaillierte Ausführungen. Nur so viel: Sollte Scotia in den Besitz eins besonders mächtigen magischen Artefakts kommen, dem "Rubin der Wahrheit", ist Gladstone verloren. Also muss ich dies in der Rolle eines strahlenden Helden unbedingt verhindern und der warzennasigen Lady den Garaus machen. Na, dann mal los!
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Im Spielverlauf besuchen wir allerlei Fantasy-Schauplätze, etwa von Monstern bevölkerte Wälder. Das Echtzeit-Kampfsystem ist so simpel wie klickintensiv.
Zu Spielbeginn stehen mir vier vorgefertigte Charaktere zur Auswahl, die jeweils unterschiedliche Werte bei den spielrelevanten Attributen Zauberkraft, Schutz und Stärke aufweisen. Das Angebot reicht vom Magier Ak'shel über den Krieger Michael und dem flinken Katzenwesen Kieran bis hin zum Allrounder Conrad, der ziemlich ausgeglichene Werte besitzt. Ich wähle spontan den Alleskönner, dessen Porträtbild mir am ehesten zusagt. Zudem kann ich mich nicht so richtig entscheiden, ob ich eher auf Nahkampf oder Zauberei setzen möchte, also sollte der gute Conrad die beste Wahl sein.
Ist letztlich aber alles halb so wild, da ich mein Alter Ego im Spielverlauf parallel in den Klassen Kämpfer, Gauner und Magier hochleveln kann: Abhängig davon, wie oft ich Zaubersprüche wie "Stromschlag", "Heilen" oder "Feuerball" einsetze, per Langschwert, Axt, Wurfstern oder Armbrust zuschlage und die zahlreich in der Spielwelt verstreuten Schatzkisten mittels Dietrich knacke, steige ich - genügend Erfahrungspunktezuwachs vorausgesetzt - automatisch in der jeweiligen Klasse auf. Um viel mehr muss ich mich puncto Charakterwerten in Lands of Lore dann auch nicht kümmern; einzig die getragenen Waffen und Rüstungsteile beeinflussen den Stärke- und Rüstungswert meiner Figur. Zudem gilt es, auf meinen Lebenspunkte- und Mana-Vorrat zu achten, den ich mit entsprechenden Kräutern, Tränken oder durch ein Nickerchen wieder auffüllen kann.
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Dieser hübschen junge Frau sollten wir besser nicht trauen, denn Spielbösewichtin Scotia hat die Fähigkeit, sich in andere Gestalten zu verwandeln ...
Klick, Klick, Klick
Und wie spielt sich das Ganze nun? Im Grunde sehr ähnlich wie Dungeon Master, Eye of the Beholder und Konsorten, nur mit einigen Komfortverbesserungen, deutlich schickerer Grafik und viel mehr Abwechslung hinsichtlich der Spielwelt. Ergo erforsche ich die Umgebung wie gehabt aus der Ego-Perspektive, bewege mich schrittweise - hier aber immerhin schon sanft scrollend - voran und kann mich lediglich in 90-Grad-Schritten drehen. Mein Abenteuer beginnt in Burg Gladstone und führte mich in den nachfolgenden gut sechs Stunden, die ich für diesen Artikel bislang absolviert habe, durch lauschige Wälder, einen miefigen Sumpf, düstere Höhlen und ein mehrstöckiges Bergwerk. Bin ich anfangs noch alleine unterwegs, schließt sich mir mit dem sympathischen Baccata schnell der erste Begleiter an, den ich ebenfalls aktiv manage. Er ist ein magisch begabter Vertreter der Rasse der Thomgogs und sieht ein wenig aus wie ein Michelin-Männchen mit vier Armen. Später stößt dann noch ein dritter Gefährte zur Gruppe hinzu.
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Lands of Lore inszeniert seine Spielwelt immer wieder mit schön gezeichneten Standbildern.
Alles, was ich in Lands of Lore tue und was um mich herum geschieht, läuft in Echtzeit ab - ich sehe also die zahlreichen und fantasievoll designten Gegner stets schon aus der Entfernung auf mich zustapfen oder -fliegen. Ja, denn neben typischen Fantasy-Kreaturen wie Skeletten, Riesenratten oder Killerskorpionen werde ich hier auch schon mal von aggressiven Hornissen attackiert. Die Kämpfe funktionieren wenig überraschend nach dem gewohntem Dungeon-Crawler-Schema: Angriff oder Zauberspruch auswählen, den linken Mausbutton betätigen, ein wenig um den oder die Gegner herumtänzeln - und das Ganze solange wiederholen, bis die Schlacht gewonnen ist. Das spielt sich zwar alles in allem recht spaßig und einigermaßen flott, aber eben auch ziemlich klickintensiv, zumal dem Spiel leider ein "All Attack"-Button für kollektive Party-Angriffe fehlt. Dafür funktioniert das Magiesystem deutlich simpler als etwa in Dungeon Master: Ich muss lediglich die passende Schriftrolle finden und den jeweiligen Spruch erlernen, schon kann ich ab sofort aus Knopfdruck drauflos zaubern.
Argh, wo ist der Heiltrank?
Apropos klickintensiv: Das gilt auch für Inventarmanagement. Denn was von Westwood eigentlich gut gemeint war, entpuppt sich im Spielverlauf als suboptimal. Mir steht in Lands of Lore nämlich eine aus 48 Slots bestehende Inventarleiste zur Verfügung, die am unteren Bildschirm angebracht ist. Somit ist es nicht notwendig, ein separates Inventarfenster aufzurufen. Allerdings sind immer nur neun Items gleichzeitig zu sehen, weshalb ich ständig durch die Leiste klicken muss, um das gewünschte Objekt auszuwählen. Gerade in einem hektischen Kampf, wenn einem meiner Helden gerade der Lebenssaft ausgeht und ich den dringend benötigten Heiltrank nicht finden kann, endet das schon mal tödlich. Deshalb ist Ordnung im Reisegepäck das A und O.
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Den monströsen Larkhon können wir nur mit Hilfe eines zuvor gefundenen magischen Totenschädels besiegen.
Doch je mehr Gegenstände ich sammle, desto unübersichtlicher wird mein Inventar, und das Ganze artet regelrecht in Arbeit aus. Und glaubt mir, in der Spielwelt von Lands of Lore schlummern viele, viele Objekte! Ob Steine, Ölfläschchen (benötigt man für seine Lampe, die in finsteren Höhlen als Lichtquelle dient), Waffen, Rüstungen, Heilkräuter oder - dafür oft meist witzige - Notizen, hier gibt es allerlei aufzustöbern und zu verwalten. Immerhin kann ich unnützen Plunder bei Händlern zu Geld machen und mich bei dieser Gelegenheit auch gleich mit besseren Waffen und Rüstungen sowie sonstigen Hilfsmitteln eindecken.
Ein wenig Komfort muss sein
Quasi als Ausgleich zu fummeligen Inventarverwaltung hat Lands of Lore einige Komfortfunktionen an Bord, die Dungeon Master und Co. vermissen ließen. Allen voran ein enorm komfortables Automapping: Auf der jederzeit aufrufbaren Karte werden wirklich alle wichtigen Informationen aufgeführt, ob Türen, Geheimgänge, Schatztruhen oder sonstige wichtige Lokalitäten. Sich zu verlaufen, ist hier schon fast eine Kunst. Weiterhin kann ich jederzeit bis zu drei verschiedene Speicherstände nutzen und meine Helden nehmen keinen Schaden, wenn ich versehentlich gegen eine Wand laufe - etwas, das mich in Dungeon Master fast wahnsinnig gemacht hat!
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Was tun? An manchen Stellen lässt uns das Rollenspiel die freie Wahl, wie wir uns verhalten möchten.
Da es einige Rätsel - genretypisch vor allem Puzzles rund um Schalter, Bodenplatten und Portale - in sich haben, kommt mir die Option, den Schwierigkeitsgrad der Feinde jederzeit anpassen zu können, gerade recht. Die überall anzutreffenden Ungeheuer sind "schwach", "normal" oder "wild" - und tauchen leider wieder auf, wenn ich sie in einem bestimmten Gebiet erledigt habe. Das kann manchmal tierisch nerven, dafür kommt bei meinen Streifzügen auch nie Langeweile auf.
Technisch immer noch passabel
Dank seiner farbenprächtigen und atmosphärischen Umgebungen sticht Lands of Lore die eingangs genannten Crawler-Konkurrenten optisch locker aus. Wer 1993 viel Geld in einen 486er-PC nebst VGA-Grafikkarte investiert hatte, wusste spätestens dank dem Westwood-Werk, warum er ab sofort mitleidig auf Amiga- und Atari-ST-Besitzer herabblicken durfte.
Lands of Lore sah seinerzeit großartig aus und muss sich auch heute nicht verstecken. Klar, die abgehackten Animationen verraten das Alter des Spiels und eine Auflösung von 320x200 Bildpunkten ist alles andere als zeitgemäß. Nichtsdestotrotz haben die handgezeichneten Grafiken einfach jede Menge Charme. Zumal ich hier auch regelmäßig kleinere animierte Cutscenes oder hübsche Standbilder nebst durchweg gelungener Sprachausgabe vorgesetzt bekomme, die zusätzlich zur gelungenen Fantasy-Atmosphäre beitragen. Insbesondere König Richard ist exzellent vertont; er wird von keinem Geringeren als dem britischen Schauspieler Patrick "Captain Picard" Stewart gesprochen. Der Soundtrack ist dank passender und gut komponierter Melodien ebenfalls durchaus hörenswert, obwohl die Midi-Musik natürlich nicht mit den orchestralen Klängen moderner Rollenspiele à la The Witcher 3 mithalten kann.
Quelle: Westwood Studios/Screenshot: PC Games
Gelegentlich begegnen wir Scotia höchstpersönlich. Alles richtig gemacht, die hässliche Hexe ist mittlerweile ganz schön genervt von uns!
Mein Fazit:
Schönes Oldschool-Abenteuer mit hohem Unterhaltungsfaktor! Ich bin echt überrascht, wie gut Lands of Lore gealtert ist. Ich hatte auf ein Dungeon-Master-artiges Spielerlebnis mit mehr Dynamik, Abwechslung und Komfort gehofft - und habe so ziemlich genau das auch bekommen. Das Spiel wirkt auf mich wie eine modernere farbenfrohe Version des Vorbilds, das dennoch jederzeit subtil als wichtiger Ideengeber durchscheint.
Die klickintensiven Kämpfe, das Inventar-Chaos und die respawnenden Feinde zehren gelegentlich an meinen Nerven, außerdem hätte ich mir auch etwas mehr Tiefe im Charaktersystem gewünscht. Dennoch bin ich von der atmosphärischen Spielwelt nebst gutem Leveldesign, den liebenswerten Charakteren, dem überraschend hohen Humoranteil und der stilvollen Präsentation äußerst angetan. Ich bin jedenfalls hochmotiviert, Lands of Lore bis zum Abspann weiterzuspielen und Gladstone von der fiesen Scotia zu befreien. Auf geht's, Conrad, wir haben noch was vor!
