Videospiele in... Lateinamerika: So spielen Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile, Kolumbien und Co.

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Videospiele in... Lateinamerika: So spielen Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile, Kolumbien und Co.
Quelle: ACE Team

Im ersten Teil unserer Artikelreihe "Videospiele in..." widmeten wir uns China und der dortigen Gaming-Szene. Diesmal nehmen wir Lateinamerika in den Fokus: Wieso brachte Brasilien so viele hochkarätige Klon-Konsolen hervor? Was motiviert die rasant wachsende Indie-Entwicklerszene? Und wie ist es eigentlich um den E-Sport-Sektor bestellt? All das und mehr erfahrt in unserem XXL-Report!

Mit knapp 210 Millionen Einwohner ist Brasilien nicht nur das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas, sondern nach Mexiko auch der größte Gaming-Markt der Region. Mehr als 75 Millionen Brasilianer können sich für Computer- und Videospiele begeistern und bescherten der Branche allein im Jahr 2018 Einnahmen im Wert von 1,48 Milliarden Dollar. Für das Gesamtjahr 2019 prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Newzoo einen Anstieg auf 1,6 Milliarden Dollar (umgerechnet ca. 1,45 Mrd. Euro). Weltweit rangiert Brasilien damit - direkt hinter Mexiko - auf Rang 13 der umsatzstärksten Gaming-Märkte. Nicht minder spannend: Die seit 2009 stattfindende Brasil Game Show stemmt mittlerweile ähnlich hohe Besucherzahlen wie die gamescom in Köln. Im Oktober 2018 etwa strömten 325.000 Spiele-Fans in die Hallen des Expo Center Norte in São Paulo. Für die vom 9. bis zum 13. Oktober 2019 stattfindenden 2019er-Ausgabe werden sogar noch mehr Gäste erwartet. Dazu gesellt sich eine rasant wachsende Indie-Szene, die auch international immer mehr Aufmerksamkeit generiert. Zuletzt zum Beispiel durch die nunmehr siebte Ausgabe des Brazil's Independent Games Festival (BIG).

Doch woher rührt diese allgegenwärtige Games-Begeisterung in Brasilien? Um Antworten auf diese Frage zu finden, lohnt ein Sprung in die Vergangenheit. Zur Erinnerung: Zwischen 1964 und 1985 herrschte das Militär in Brasilien mit harter Hand. Importe vieler Luxusgüter - wie beispielsweise digitale Unterhaltungsmedien - waren größtenteils verboten. Mit dem Aufkommen demokratischer Strukturen Mitte der 1980er-Jahre wurden viele Bestimmungen zwar gelockert, Einfuhrsteuern für Entertainment-Produkte blieben aber weiterhin exorbitant hoch und rangierten auf dem gleichen Niveau wie jene für Waffen und Alkohol. Spiele- und Konsolenhersteller aus dem Ausland schreckte dieser Umstand massiv ab. Da die Öffentlichkeit jedoch nach digitaler Unterhaltung lechzte, bildete sich nach und nach eine ganz eigene Spieleszene heraus. Motor des Ganzen: Grauimporte und Raubkopien - für viele die einzige Möglichkeit, am internationalen Gaming-Geschehen teilzuhaben.

Die Ära der Klon-Konsolen

Um die hohen Importzölle zu umgehen, entschlossen sich zahlreiche brasilianische Elektronikunternehmen zudem recht bald dazu, lokal produzierte Klon-Konsolen auf den Markt zu bringen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das 1989 veröffentlichte "Phantom System" von Gradiente, einem 1964 gegründeten Elektronikriesen aus der Amazonas-Metropole Manaus. Das Phantom System erinnerte optisch an das Atari 7800, war jedoch komplett darauf ausgelegt, 72-Pin-NES-Module abzuspielen. Wer mochte, konnte sogar einen 60-Pin-Adapter nachrüsten und Famicom-Cartridges aus Fernost genießen. Als Eingabegeräte diente eine modifizierte Version des ersten Sega-Mega-Drive-Gamepads, bei dem Gradiente die C-Taste einfach absenkte und in einen Start-Button umwandelte. Weil man Interessenten beim Kauf ferner eines von vier offiziell lizenzierten Vollpreisspielen kostenlos dazulegte (zur Wahl standen Ghostbusters, Gauntlet, Predator oder Super Pitfall), mauserte sich das Phantom System im Handumdrehen zum Publikumsliebling.
Champions of Regnum (vormals Regnum Online) vom argentinischen Entwickler NGD Studios ist das bekannteste, in Südamerika entwickelte MMO. Am 27. Februar 2013 stellten die Macher auf ein Free2Play-Modell um. Wer mal reinspielen will: Auf Steam werdet ihr fündig. Quelle: NGD Studios) Champions of Regnum (vormals Regnum Online) vom argentinischen Entwickler NGD Studios ist das bekannteste, in Südamerika entwickelte MMO. Am 27. Februar 2013 stellten die Macher auf ein Free2Play-Modell um. Wer mal reinspielen will: Auf Steam werdet ihr fündig. Doch Gradiente war nicht der einzige Hersteller sogenannter "Famiclones" in Brasilien. Dynacom aus São Paulo zum Beispiel buhlte zur selben Zeit mit dem Dynavision 2 um Kundschaft, während CCE sein Glück mit einem Gerät namens Top Game versuchte. Der Clou hier: Das Top Game bot ab Werk gleich zwei Modulschächte - einen für NES- und einen für Famicom-Titel.

Nintendo waren diese und andere Klon-Geräte erwartungsgemäß ein Dorn im Auge, weshalb die Japaner Anfang der 90er beschlossen, offiziell im brasilianischen Markt Fuß zu fassen. Die Folge: Dank einer Kooperation mit Playtronic - einem Joint Venture zwischen Gradiente und dem traditionsreichen brasilianischen Spielwarenhersteller Estrela - ließ Nintendo erstmals Konsolen außerhalb Japans produzieren. Den Anfang machte im Sommer 1993 das Super Nintendo, welches bis zum Frühjahr 1995 zeitweise 60 Prozent des brasilianischen 16-Bit-Marktes für sich beanspruchen konnte. Die Betonung liegt auf zeitweise, denn mit insgesamt drei Millionen verkauften Einheiten gilt das Sega Mega Drive rückblickend betrachtet als Gewinner des 16-Bit-Wettkampfs in Brasilien.

Dauerbrenner Sega Master System

Den 8-Bit-Sektor dominierte Sega in Brasilien ebenfalls spielend. Hauptgrund hierfür war eine überaus fruchtbare Kooperation mit dem brasilianischen Spielwarenhersteller Tectoy. Dieser produzierte das Sega Master System ab 1989 nicht nur vor Ort, sondern kümmerte sich auch mit viel Herzblut um die Vermarktung und Lokalisierung. Segas Mammut-Rollenspiel Phantasy Star etwa wurde eigens für den brasilianischen Markt ins Portugiesische übersetzt. Kurios: Bei Wonder Boy in Monster Land tauschte das Lokalisierungsteam die Hauptfigur sogar kurzerhand gegen die in Brasilien deutlich bekanntere Comic-Figur Mônica aus - und traf damit genau den Nerv der Community. Genau wie Capcom: Auch sie erkannten die Zugkraft des brasilianischen Master-System-Sektors und veröffentlichten ihren 16-Bit-Kracher Street Fighter 2 im Jahr 1997 noch einmal in einer 8-Bit-Version.

Allein in Brasilien gingen bis einschließlich 2016 über acht Millionen Master-System-Konsolen über die Ladentische, darunter diverse, eigens für diesen Markt produzierte Modelle mit Dutzenden vorinstallierten Spielen. Und auch heute sind diese Geräte vielerorts noch immer problemlos und zu fairen Preisen zu haben.
Die als Open-Source-Software verfügbar Godot Engine stammt ursprünglich vom argentinischen Entwickler Okam Studio und erfreut sich steigender Beliebtheit. Lizenzgebühren entfallen hier komplett, selbst für kommerzielle Projekte. Quelle: godotengine.org Die als Open-Source-Software verfügbar Godot Engine stammt ursprünglich vom argentinischen Entwickler Okam Studio und erfreut sich steigender Beliebtheit. Lizenzgebühren entfallen hier komplett, selbst für kommerzielle Projekte.
Gleiches gilt für Microsofts Xbox 360 sowie Sonys PlayStation 2 und PlayStation 3. Diese Konsolen-Oldies zählen - abseits von PC und Smartphone - ebenfalls weiterhin zu den beliebtesten Spieleplattformen Brasiliens und werden seit 2011 (Xbox 360) respektive 2009 (PS2) und 2013 (PS3) direkt vor Ort hergestellt, was die Preise massiv drückte. Hinzu kommt, dass die Sicherheitsmechanismen aller drei Geräte längst durch Hacks ausgehebelt wurden, was Raubkopien Tür und Tor öffnete. Aus Entwickler- und Publisher-Sicht auf den ersten Blick ein Desaster. Chronologisch betrachtet führte jedoch genau diese Tatsache dazu, dass viele Brasilianer überhaupt erst mit modernen 3D-Konsolenspielen in Kontakt kamen, nun zunehmend mehr Geld für ihr Hobby ausgeben und dabei auch immer häufiger legale Bezugswege wählen. Oder um es mit den Worten des brasilianischen Journalisten Pablo Miyazawa, Chefredakteur von Rolling Stone Brasil und IGN Brasil, auszudrücken: "Diejenigen, die heute Raubkopien konsumieren, tendieren viel eher dazu, in Zukunft für eine offizielle Konsole zu sparen."

Und PS4 und Xbox One? Sind in Brasilien ebenfalls erhältlich, rangieren jedoch in Preisregionen, die vielen Landesbewohnern im wahrsten Sinne des Wortes die Tränen in die Augen treiben. Vor allem zum Start waren die Konsolen für viele nahezu unerschwinglich. Zum Vergleich: Zum Launch kostete eine in Brasilien gefertigte Xbox One 2199 Real, was damals umgerechnet etwa 710 Euro entsprach. Fast doppelt so viel mussten Käufer einer PS4 hinblättern. Hier kostete die Hardware zum Launch 3999 Real, umgerechnet etwa 1290 Euro! Ein Großteil davon - nämlich 63 Prozent - entfiel auf verschiedene Steuerabgaben, die Sony beim Import zu leisten hatte. Dazu gesellte sich eine knapp 22-prozentige Marge für den Händler vor Ort. Erst als Sony im Oktober 2015 begann, die Konsole lokal herzustellen, sanken die Kosten spürbar. Nach weiteren Preissenkungen beträgt der Preis einer regulären PS4 heute 2399 Real (ca. 742 Euro). Allerdings gab Sony im selben Atemzug bekannt, dass die Produktion in Brasilien in Kürze wieder eingestellt wird - vermutlich, weil der Wechselkurs derzeit günstig steht und auch Einfuhrzölle etwas zurückgegangen sind.
Laut dem Marktforschungsunternehmens Newzoo kann der lateinamerikanische Spielemarkt 2019 bereits 252,6 Millionen Gamer vorweisen, die insgesamt knapp 5,6 Milliarden Dollar Umsatz generieren werden – umgerechnet ca. 5,06 Milliarden Euro. Quelle: Newzoo Laut dem Marktforschungsunternehmens Newzoo kann der lateinamerikanische Spielemarkt 2019 bereits 252,6 Millionen Gamer vorweisen, die insgesamt knapp 5,6 Milliarden Dollar Umsatz generieren werden – umgerechnet ca. 5,06 Milliarden Euro.

Viva México!

Der zweite große Gaming-Hotspot in Lateinamerika ist Mexiko. 2018 interessierten sich 55,8 Millionen Mexikaner für Computer- und Videospiele und investierten dabei 1,6 Milliarden Dollar. 2019 soll diese Ziffer laut Newzoo um weitere 200 Millionen Dollar ansteigen. Mexiko sichert sich damit - obwohl es 83 Million Einwohner weniger hat als Brasilien - Rang eins im lateinamerikanischen Umsatz-Ranking. Historisch gesehen ist die hohe Gaming-Affinität unter anderem in Mexikos direkter Nähe zu den USA begründet: Wer in den 80er- und 90er-Jahren umgehend Zugriff auf brandneue Hardware- und Software haben wollte, reiste dafür einfach ins Nachbarland.

Des Weiteren fielen Importzölle traditionell deutlich niedriger aus (und ausfallen) als in Brasilien. Eine PS4 zum Beispiel kostete in Mexiko zum Start im Jahr 2013 knapp 5800 mexikanische Pesos - und damit ca. 960 Euro weniger als am Zuckerhut. Die Kehrseite der Medaille: Durch die Nähe zu den Vereinigten Staaten wanderten viele talentierte Köpfe in die USA ab, weshalb die Entwicklerszene bis nach der Jahrtausendwende eher überschaubar ausfiel und erst in den letzten zehn Jahren an Fahrt aufnahm.

Antonio Uribe, Mitgründer und Direktor von HyperBeard Games aus Mexiko-Stadt weist zudem darauf hin, dass Start-ups in Mexiko mit vielen bürokratischen Hürden zu kämpfen haben und der Job "Gamedesigner" von der Öffentlichkeit vielfach noch belächelt wird. Darüber hinaus führt Uribe die oft nur schwach ausgeprägte akademische Infrastruktur an sowie die Schwierigkeit, schnell und günstig an offizielle Devkits zu kommen.

Malvinas 2032 aus dem Jahr 1999 ist eines der ältesten Spiele „Made in Argentina“. Ziel des Top-Down-Shooters: Im Jahr 2032 die Falklandinseln von Großbritannien zurückerobern. Quelle: Moby Games Malvinas 2032 aus dem Jahr 1999 ist eines der ältesten Spiele „Made in Argentina“. Ziel des Top-Down-Shooters: Im Jahr 2032 die Falklandinseln von Großbritannien zurückerobern.
Die gute Nachricht: Viele Indie-Entwickler lassen sich von diesen Stolpersteinen nicht abschrecken und bleiben hochmotiviert am Ball. Das 3D-Actionspiel Mulaka aus der Feder von Lienzo zum Beispiel überzeugte im Frühjahr 2018 viele internationale Kritiker. Noch erfolgreicher ist der Weltraum-Raketen-Simulator Kerbal Space Program von Squad (siehe Kasten): Bereits 2015 ging der Titel bei Steam durch die Decke und wird mittlerweile von Take-Twos Publishing-Ableger Private Division vermarkt. Nicht außer Acht lassen wollen wir Heart Forth, Alicia. Alonso Martin, der Macher dieses knuffigen Metroidvania-RPGs, sammelte auf Kickstarter knapp 232.000 Dollar und meldete sich erst Anfang September wieder via Twitch mit einem vielversprechenden Lebenszeichen zurück.

Aber auch im mexikanischen Ausbildungssektor tut sich zunehmend etwas. Die Video Game Makers Academy (https://www.vgmakers.com) zum Beispiel bietet mittlerweile in drei Städten des Landes zwölfwöchige Kurse für angehende Spieledesigner an. Mitmachen kann jeder Interessierte ab 14 Jahren. Kostenpunkt: insgesamt 12.000 mexikanische Peso (ca. 558 Euro).

Argentinien, Kolumbien, Chile: Schlagkräftiges Trio

Zugegeben, Brasilien und Mexiko zählen aktuell zu den Big Playern in Lateinamerikas Spieleindustrie. Doch auch andere Länder haben sich mittlerweile einen sehr guten Ruf erarbeitet. Dies gilt im Speziellen für Argentinien, Kolumbien und Chile. Zusammengenommen erwirtschafteten die Spieleindustrie-Sektoren der drei Länder im Jahr 2018 Umsätze im Wert von einer Milliarde Dollar (Quelle: Newzoo).

Vor allem Argentinien und Chile können mit einigen wirklich traditionsreichen Studios aufwarten. In Chiles Hauptstadt Santiago zum Beispiel sorgt das ACE Team bereits seit 1999 mit kreativen Multiformat-Titeln international für Aufsehen, darunter Zeno Clash (eine Mischung aus First-Person-Shooter und Beat'em-Up) sowie die schrille Geschicklichkeits-Gaudi Rock of Ages (siehe Kasten). Nicht zu vergessen das zur Gamescom 2019 enthüllte The Eternal Cylinder ein faszinierender Mix aus Elementen der Lebenssimulation Spore und einem kunterbunten Open-World-Survivalspiel.

Im argentinischen Buenos Aires hingegen halten die NGD Studios seit 2002 die Gamedesign-Flagge hoch. Ihre bisher bekanntesten Titel: Das Fantasy-MMO Champions of Regnum (vormals Regnum Online) sowie das im Auftrag von Wargaming entwickelte 4X-Rundenstrategiespiel Master of Orion: Conquer the Stars.

Schaut man genauer hin, entdeckt man natürlich auch in vielen anderen Städten Lateinamerikas aufstrebende Indie-Studios. In Uruguays Hauptstadt Montevideo etwa ließen sich bereits 2010 die Ironhide Game Studios nieder - das Team hinter dem millionenfach heruntergeladenen Tower-Defense-Hit Kingdom Rush. In Lima, Peru, arbeiten die erfahrenen Leap Game Studios aktuell an Tunche, einem handgezeichneten 2D-Beat'em-Up/Roguelike mit Regenwald-Setting. Oder nehmen wir Ecuadors 2850 Meter über dem Meeresspiegel liegende Hauptstadt Quito: Auch hier feilen derzeit mindestens zwei Indie-Buden an neuen Videospielerlebnissen.

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