Mädchen sind zu doof zum Spielen

Special

Die Geschichte einer Wette. Und wie die Wissenschaft den Jungs in den Rücken fällt.

Cate Archer tritt auf den Plan

Mein Trumpf heißt No One Lives Forever 2! Das Beste an der Idee: Erneut ist es ein Ego-Shooter, den ich Marlina auftische. Wenn ich sie so drankriege! Heldin Cate Archer bringt alle Voraussetzungen mit: Intelligenz, Humor, Dickköpfigkeit, Coolness, Attraktivität, schnippische Blicke, lässige Gesten -- und sie trägt Mode aus den 60ern. Oh, ich bin mir schon vorher sicher, dass ich so was von gewonnen habe! Und es läuft gut. Nach kurzer Einübung bleibt Marlina an keiner Wand mehr hängen, alle Bewegungen des Actionspiels hat sie plötzlich unter Kontrolle. Die Übelkeit bleibt auch aus. Das heimlichere Kämpfen liegt ihr sehr: Sie versteckt sich, schießt aus der Entfernung, durchwühlt Rucksäcke und Schubladen, entschlüsselt Nachrichten, legt Bomben. Das ist die Action aus Half-Life 2 gedrosselt durch die Geruhsamkeit von Gothic 2. Sie versinkt darin! Wie im Rollenspiel bastelt man an den Fertigkeiten der Spielfigur, das mag sie , das ist produktiv. Die Story entwickelt sich in Kapiteln, die auftretenden Figuren haben allesamt Ecken und Kanten -- nicht einmal die Soldaten sind platt dargestellt, sondern als lustige Parodien. Überall ein Augenzwinkern. Das alles motiviert Marlina dermaßen, dass sie immer und immer besser wird. Sie hört gar nicht mehr auf zu spielen. Wegen ihr verpassen wir beinahe eine Ballettvorführung! Ich bin begeistert.

Da fällt mir auf: Wer hat dann jetzt gewonnen? War ich clever, oder hab ich mich selbst hereingelegt? Ich habe ihr nachgewiesen, dass Spiele Spaß machen. Sie hat bewiesen, dass sie das Spielen beherrscht. Auf einmal rückt mir der Wetteinsatz doch noch drohend ins Bewusstsein. Die Möglichkeit einer Niederlage hatte ich nicht bedacht. Wer massiert wen? Drei Wochen lang Entspannung oder Muskelkater, es geht fast um Leben oder Tod!

Die Entscheidung

Zwei Momente entscheiden. Der erste: Als Marlina eine Bombe platziert, tritt ein Countdown in Kraft. Das kommt überraschend, vorher war es nie so. Zehn, neun, acht ... Ich muss lachen: Zeitdruck! Sieben, sechs, fünf ... Marlina bemerkt, was geschieht. Vier, drei, zwei ... Marlina flattert mit den Armen, das Huhn ist zurück, neuerdings mag ich Hühner. Eins. Marlina handelt. Sie speichert. Es ist ihr einziger Spielstand. Null! Die Explosion streckt Cate Archer nieder, die Pause danach streckt sich lange hin. Ich grinse. Irgendwann sage ich: »Baby, war das blöd? War das weiblich?« Sie stiert mich an.

Dann beginnt der zweite Moment. Marlinas Blick ändert sich. Sie guckt pikiert, arrogant -- auf einmal überlegen. Mir wird furchtbar heiß. Die schlimmste aller Waffen bleibt die weibliche Logik. Man kann sich nicht schützen, niemand kann das. »So oder so«, eröffnet Marlina mir. »Bei allem Spaß. Im Endeffekt ist es so: Jetzt haben wir den ganzen Tag in dem abgedunkelten Zimmer verbracht. Da bleibt schon auch eine Leere in einem, weil man nichts Sinnvolles gemacht hat. Finde ich. Fühlst du dich nicht ein bisschen matt?« Sie bleibt dabei und geht telefonieren. Ich habe verloren. Pädagoge Jens Wiemken sagte es mir vorher: »Frauen töten eher sozial.«

Daniel Ch. Kreiss

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