Mädchen sind zu doof zum Spielen

Special

Die Geschichte einer Wette. Und wie die Wissenschaft den Jungs in den Rücken fällt.

Pädagoge Jens Wiemken, Betreuer zahlreicher Projekte zum Umgang Jugendlicher mit den neuen Medien, lässt meine Aufgeblasenheit endgültig platzen: »Das Problem taucht immer bei Neueinsteigern in die PC-Welt auf. Senioren, die noch nie eine Maus über den Bildschirm steuerten, haben schon Schwierigkeiten, auf dem Windows-Desktop bestimmte Symbole anzuklicken.« Das legt sich. Würden Frauen einfach nur regelmäßig trainieren, träfen sie genauso gut wie Männer. Gut, gut, ich nehme es hin. Dann muss aber auch der Reiz der Spiele auf sie wirken -- muss einfach, auf mich wirkt er ja auch!

Ich überrede Marlina zu einer neuen Runde Half-Life 2. Vorher beschreibe ich ihr, was ich selbst daran interessant finde: das Hasten durch dunkle Gänge, das Verstecken, das Vorschielen hinter Ecken, das Tauchen durch Kanäle, kleine Rätsel, Angreifer, die mich erschrecken, dass mein Herz den Takt verpasst. Vielleicht braucht sie nur eine kleine Blickwinkelkorrektur. Marlina gibt auch zu, dass das spannend klingt. Dann gehen die Kämpfe los, und Marlina bemüht sich. Sie trifft einige Gegner. Sie schleicht und rennt durch einige Gänge. Nur, sie empfindet kein Vergnügen. Wenn ein Schuss ihre Spielfigur verletzt, zuckt sie zusammen. Wenn aus dem Nichts ein Polizist auftaucht, dann erschrickt sie, so wie ich das tue. Aber danach macht sich auf ihrem Mund kein Lachen breit -- auf ihre Stirn tritt Schweiß. Die treibende Musik nimmt ihr die Luft. Die Geschwindigkeit, mit der sie reagieren muss, strengt sie an. Mein Kitzel bedeutet für sie Angst, realen Stress. »Warum soll ich das eigentlich wollen?«, sagt sie entnervt. Bald bricht sie das Spiel ab. Sie überlegt. »Ich weiß nicht. Als Mädchen lernt man immer, dass man von dunklen Ecken wegbleiben soll. Von maskierten Männern sowieso. Und hier soll ich absichtlich dahin? Vielleicht verbinde ich deshalb keinen Spaß damit. Das kostet bloß Kraft.«

Die typischen Rollen der Geschlechter

Für Jens Wiemken ist dieser Unterschied in der Wahrnehmung keiner zwischen Marlina und mir, sondern einer zwischen den Geschlechtern an sich: »Die Gen-Wissenschaft begründet das damit, dass Männer immer noch den Jagdinstinkt in sich haben. Damit sind das Jagen und Aufspüren und dann natürlich das Töten der Beute eine vererbte Eigenschaft der Männer. Frauen kümmern sich aufgrund genetischer Spuren um das Gesellschaftliche, den Zusammenhalt. Richtig ist auch, dunkle Ecken sollen Mädchen meiden. Das sind traditionelle Geschlechtsrollenannahmen, die dem Schutz des Nachwuchses und der gebärfähigen Frau dienen.« Die Spielweisen von Männern und Frauen spiegeln das wider. Hartmut Warkus deutet in eine ähnliche Richtung: »Untersuchungen zur Gewaltwahrnehmungen beim Fernsehen haben gezeigt, dass Mädchen immer die Opferperspektive einnehmen. Für die Art und Weise, wie der Täter handelt, interessieren sie sich viel weniger. Aber Actionspiele bieten gerade die Täterperspektive an -- man muss sich durchschießen. Das widerstrebt der weiblichen Veranlagung. Darauf müssen Mädchen sich erst einlassen, sich richtig überwinden.«

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