Im Namen von Kane! Tiberian Sun spaltet die Fans bis heute - und ist immer noch ein richtig gutes C&C
Special
Für viele war's ein Meilenstein, für andere ein Fehlschlag: Tiberian Sun sollte der Höhepunkt der Command & Conquer-Serie werden. Doch Westwood hatte den Fans zu viel versprochen - und lieferte trotzdem tolle Echtzeit-Strategie.
Seltsam fällt aber das modulare Bausystem für die GDI-Türme aus. Der Gedanke dahinter ist, zunächst einen Sockelturm hinzupflanzen und danach die passende Waffe draufzuschrauben. Weil es aber kein Interface für Gebäude-Upgrades gibt, müssen die Waffen wieder klassisch über die Bauleiste hergestellt werden. Heißt also, dass man effektiv für jeden Turm nun zwei Bauvorgänge braucht. Und das ist genauso umständlich, wie es klingt.
Erstmals in Command & Conquer könnt ihr auch Wegpunkte setzen. So lassen sich einfache Befehlsketten bilden, was im Genre zunehmend wichtiger wird. Leider ist das Interface dafür aber noch so umständlich, dass es sich kaum sinnvoll nutzen lässt - kein Wunder also, dass die Funktion für den späteren Nachfolger Alarmstufe Rot 2 nochmal komplett neu designt werden muss.
Abwechslung statt Langeweile
Eine große Stärke von Tiberian Sun ist aber bis heute sein gelungenes Missionsdesign. Westwood hat sich wirklich ins Zeug gelegt, um die Einsätze abwechslungsreich zu gestalten und Überraschungen einzustreuen. So gibt es nun mehr geskriptete Ereignisse und alternative Routen auf den Maps, NPCs melden sich zwischendrin zu Wort und man hat auch einfach interessante Ziele zu erfüllen. Da gibt es zum Beispiel eine Mission, in der man ein gestrandetes Ufo vor einem NOD-Angriff verteidigen müssen. Das ist weder besonders lang noch knifflig, aber doch eine nette Abwechslung vom üblichen Zerstöre-die-Feindbasis-Design.
Quelle: PC Games
Natürlich gibt es auch wieder Commando-Missionen mit starken Einzelkämpfern, die gehören bei C&C einfach dazu. In Tiberian Sun befehligt man zum Beispiel ein paar schwer bewaffnete Mutanten-Spezialisten und knobelt sich mit ihnen bis zu einem NOD-Gefängnis durch, das man dann prompt in Schutt und Asche legt. Das ist alles deutlich besser geskriptet als in den Vorgängerspielen und meistens auch eine ganze Ecke fairer und spaßiger.
Gerade in den Levels, in denen man nur einen kleinen Trupp ohne Basis befehligt, will aber trotzdem jeder Schritt gut überlegt sein, sonst ist der Einsatz blitzschnell gescheitert. Ein bisschen Trial and Error steckt da also drin, doch immerhin: So frustig wie im ersten C&C oder in Alarmstufe Rot (diese elenden Indoor-Levels mit den Hunden!) wird es zum Glück nie.
Quelle: PC Games
Auch in Tiberian Sun gibt's vor jeder Mission wieder einen Kartenbildschirm, auf dem man sich den nächsten Einsatz aussucht. Diesmal stellen manche Levels aber Nebenmissionen dar, mit denen man sich den nächsten Haupteinsatz etwas leichter machen kann. Wenn man zum Beispiel in einer Mission einen Bahnhof erobert oder eine NOD-Basis demoliert, gibt's dafür im nächsten Level mehr Ressourcen oder weniger Gegenangriffe. In der Theorie ein cooles Konzept, auch wenn man daraus noch so viel mehr hätte machen können. Leider hat Westwood die Idee danach aber nie mehr richtig aufgegriffen oder ausgebaut.
Firestorm: Ein Add-on nach Maß
Und das merkt man schon in Firestorm, der ersten und einzigen Erweiterung für Tiberian Sun. Das Add-on erscheint schon im März 2000 - also gerade mal sieben Monate nach dem Hauptspiel! Trotzdem stimmt die Qualität, denn Westwood liefert zwei neue Singleplayer-Kampagnen, die lose an die Handlung des Hauptspiels anschließen und nun komplett linear ablaufen. Eine Missionsauswahl gibt es also nicht mehr.
Diesmal dreht sich alles um die bösartige NOD-KI "Cabal", die im Verlauf der Geschichte beschließt, ihr eigenes Ding zu drehen und die Menschheit mit einer Cyborg-Armee zu vernichten. Das gewinnt zwar keinen Story-Preis, aber Westwood strickt daraus zumindest unterhaltsame, gut balancierte Missionen, garniert mit brandneuen Videos.
Quelle: PC Games
Michael Biehn kehrt allerdings nicht mehr in seiner Rolle als GDI-Held zurück und auch James Earl Jones verzichtet auf ein Comeback. Deshalb strickt Westwood die Erzählweise um und passt sie an frühere C&C-Teile an: In Firestorm sprechen die Charaktere wieder direkt in die Kamera, so wie schon in Der Tiberiumkonflikt oder Alarmstufe Rot. Das ist zwar weniger cineastisch, aber vertraut: Als Spieler darf man sich nun wieder selbst als der "Commander" fühlen.
Quelle: PC Games
Hier und da streuen die Entwickler außerdem wieder ein paar neue Ideen ein. Zum Beispiel gibt es da einen Einsatz, in dem wir mit ein paar Spezialsoldaten einen Aufstand unblutig niederschlagen müssen, während neutrale NPCs nach und nach über die Karte marodieren. In anderen Missionen kommen die Forgotten stärker zur Geltung, so heißen die Tiberium-Mutanten, für die Westwood eigentlich im nächsten C&C noch eine größere Rolle vorgehen hatte. Zu einer eigenen Fraktion reicht es zwar noch nicht, aber zumindest dürfen sie hier schon mal mit eigenen Panzern und Commando-Soldaten anrücken.
Die beiden Hauptfraktionen bekommen ein paar neue Einheiten spendiert. NOD kann zum Beispiel eine mobile Fahrzeugfabrik aufstellen, um überall auf der Map Einheiten zu produzieren. Getarnte Drohnen heften sich an feindliche Fahrzeuge und decken so die Map für den Gegenspieler auf. Und die GDI bekommt mit dem Juggernaut endlich eine eigene Artillerie-Einheit, die über lange Distanzen feuern darf - übrigens eine der ganz wenigen Einheiten, die es auch in den nächsten Teil Tiberium Wars geschafft haben.
Quelle: PC Games
Manche der neuen Technologien werden in der Kampagne nur angerissen, doch dafür kann man im Multiplayer aus den Vollen schöpfen und alle Neuerungen ausgiebig nutzen. Firestorm bringt außerdem einen völlig neuen Mehrspielermodus namens World Domination Tour, in dem man rundenweise Gebiete erobern kann. Ein nettes Konzept, das allerdings der Zeit zum Opfer gefallen ist: Es ist nämlich das einzige Feature aus Tiberian Sun, das ihr heutzutage aus technischen Gründen nicht mehr nutzen könnt!
