Die Entstehungsgeschichte von Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Das unentdeckte Drehbuch
Special
Sebastian Göttling nimmt euch wieder mit in die unendlichen Weiten des Weltraums, diesmal in seinem Rückblick auf Star Trek 6: Das unentdeckte Land.
Es ist Donnerstag, der 14. Mai 1992, einer der ersten, wirklich heißen Tage des Jahres. Alle Schulkinder, ach, was sage ich, alle Menschen meiner Heimatstadt Lüdenscheid haben sich aufgemacht ins Freibad, um nach einem grau verhangenen Frühjahr ordentlich Sonne zu tanken und sich im kühlen Nass etwas Erfrischung zu gönnen. Alle Menschen meiner Heimatstadt?
Nicht ganz, denn ich stehe an diesem Nachmittag vor den Pforten des Filmpalastes, dem größten Kino weit und breit - auch heute noch, mehr als 30 Jahre später, ein Schatz von einem unabhängigen Lichtspielsaal, mit einer wunderschönen, denkmalgeschützten Lobby. Ich drücke mir die Nase platt, denn das Kino ist noch geschlossen und ich kann mir besagte Lobby nur durch die Glastüren anschauen.
Allein stehe ich dort in der Hitze, doch ich soll nicht lange allein bleiben - auch, wenn es wahrhaftig nicht viele Menschen sind, die sich zu mir gesellen werden. Als Erstes kommt Thorsten - hurra, Thorsten! - treuen Leserinnen und Lesern dieser Reihe auch bekannt als Spoilerboy, der mir die Inhaltsangaben des zweiten und dritten Star-Trek-Films begeisternd sprudelnd vorab verriet.
Thorsten und ich haben uns an diesem Tag verabredet, um den sechsten Star-Trek-Kinofilm Star Trek 6: Das unentdeckte Land (The Undiscovered Country) im Kino anzuschauen.
Denn obwohl der Streifen bereits am 5. März in deutschen Kinos anlief, gilt Star Trek immer noch als Nischenthema für Freaks und Gift an den Kinokassen, weswegen es der neueste Film erst mit zweieinhalbmonatiger Verspätung in die Lüdenscheider Provinz schafft. Für uns als glühende Fans gilt es jedoch, keine Zeit zu verlieren und den Film instantan anzuschauen. Wen schert da schon der herannahende Sommer?
Nun stehen wir da also bereits zu zweit und schwitzen vor uns hin, als endlich Herr Lubba, der Kinobesitzer, ankommt und seinem Laden aufschließt.
Nicht aber, ohne uns zwei Pubertel von oben bis unten argwöhnisch zu beäugen, mit den Worten: "Na, für euch zwei mache ich den Film aber nicht an. Entweder es kommt noch ein Dritter oder die Vorstellung ist abgesagt." Welch Horrorszenario! Thorsten und ich malen uns schon die schlimmsten Situationen aus:
Wir werden unverrichteter Dinge nach Hause geschickt, kommen morgen am Freitag wieder, sind immer noch zu zweit, müssen wieder abdampfen, kommen am Samstag wieder, erneut Fehlanzeige - und so weiter. Dieser verdammte Sommer mit seinem Kinopublikum-absaugenden Freibad - niemand denkt an uns arme, bedürftige Nerds!
Quelle: Paramount
Die Zerstörung des klingonischen Mondes Praxis ist der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs im All.
Endlich erscheinen drei weitere, rettende Nachtschattengewächse, die sich mehr für Klingonen als fürs Dreimeterbrett interessieren. Drei Typen aus dem Jahrgang über uns, die Thorsten und mich ein bisschen skeptisch anschauen, wir beiden schauen nicht minder skeptisch zurück, aber immerhin sind wir nun zu fünft und das sind zwei mehr als Herrn Lubbas kritische Masse.
Einer der drei Neuankömmlinge ist Gerrit, mit dem ich sieben Jahre später gemeinsam studieren und mich eng anfreunden sollte. Ein weiterer ist Jan, mit dem ich 23 Jahre später einen Retro-Podcast und damit meine späte journalistische Karriere beginnen sollte. In unserer gemeinsamen freundschaftlichen Erinnerung sind um diesen Mai-Tag mittlerweile zahlreiche Legenden gestrickt worden.
Manche von ihnen wahrer als andere. Doch das sind alles Geschichten für einen anderen Tag, jetzt erst einmal sind es nicht zwei enge Freunde und ein Dritter im Bunde, sondern drei suspekte, weil ältere Nachmittagsretter. Hinein in den wunderbar klimatisierten Saal des Filmpalastes - mindestens genauso erfrischend wie das Freibad.
Immerhin sind wir hier vor gesundheitsschädlichen Einflüssen gefeit, denn von hautkrebserzeugendem Projektorlichtbrand hat noch nie jemand gehört. Obwohl: Herr Lubba meint es außerordentlich gut mit uns, wenn auch schlecht mit unseren Gehörgängen. Als der Film mit der dramatisch donnernden Musik des Cliff Eidelman losgeht, zieht es uns beinahe die Trommelfelle über den Kopf aus.
Quelle: Paramount
Kreativer Chef des Franchises für einen Film: Spock-Darsteller Leonard Nimoy
Herrlich, so laut dürfen wir daheim nie Filme gucken! Außerdem ist der Ton in der kinderüberfluteten Nachmittagsvorstellung oft genug eher dünn, "doch diesen fünf nerdigen Vögeln kann man es mal so richtig geben", denkt sich Herr Lubba womöglich und für die nächsten 110 Minuten schickt er uns ins ohrenbetäubende 23. Jahrhundert zum letzten gemeinsamen Abenteuer der originalen Enterprise-Crew - und mich in meinen allerersten Star-Trek-Film, den ich nicht Jahre später im Fernsehen, sondern (beinahe) aktuell im Kino anschaue.
Dabei war es drei Jahre zuvor im Jahr 1989 wieder einmal alles andere als sicher, dass es überhaupt einen sechsten Kinofilm geben würde. Wir erinnern uns: Der von William Shatner inszenierte, fünfte Star-Trek-Film Star Trek 5: Am Rande des Universums (The Final Frontier) war bei der Kritik und an den Kinokassen krachend durchgefallen.
Auch schwächelte die parallel laufende Spin-off-Serie Star Trek: The Next Generation zunehmend und drehte sich langsam, aber sicher um den Strudel der Absetzung. Star Trek war alles andere als eine "Hot Property", eher eine lahme Ente. Zu allem Überfluss steckte das produzierende Studio Paramount trotz vieler veritabler Hits der vorangegangenen Jahre, die nichts mit Star Trek zu tun hatten, tief in den roten Zahlen.
1990 kam dann aber doch Bewegung in die Angelegenheit, denn hinter den Kulissen des Studios gab es einige eingefleischte Star-Trek-Fans, auch wenn das Nerdtum unter den höheren Angestellten Hollywoods damals noch stigmatisiert war und man als Executive sein potenzielles Fan-Dasein nicht offen leben konnte. So blieb diesen "Closeted Trek Fans" nur verhaltene Tuschelei, die aber dennoch Wirkung entfaltete.
Diese flüsternden Stimmen raunten einander zu: "Hey, 1991 wird das silberne Jubiläum der Star-Trek-Originalserie. Und auch, wenn vieles gerade nicht besonders rosig aussieht, können wir das doch nicht einfach verstreichen lassen!"
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Und so begaben sich, zunächst ohne Studiomandat, zahlreiche Autoren an die Arbeit, in der Hoffnung, Paramount ihr jeweiliges Skript vorlegen zu können, sobald man sich auch dort Gedanken um den 25. Jahrestag machen würde. Als diese erwartbare Aufforderung dann endlich kam, waren bereits mehrere Teams gestartet.
