Die Entstehungsgeschichte von Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Das unentdeckte Drehbuch
Special
Sebastian Göttling nimmt euch wieder mit in die unendlichen Weiten des Weltraums, diesmal in seinem Rückblick auf Star Trek 6: Das unentdeckte Land.
Der erste Anlauf: Harve Bennett, der damalige Chef des Kino-Franchise seit Star Trek 2: Der Zorn des Khan (The Wrath of Khan), und Ralph Winter, der einen Film später als Co-Produzent in die Reihe einstieg.
Gemeinsam mit David Loughery, dem Autor des glücklosen fünften Kinofilms, schrieben sie das vollständige Drehbuch zu einer Idee, die sie sich schon fünf Jahre zuvor für den vierten Kinofilm vorgenommen hatten: ein Prequel der Reihe, welches an der Sternenflottenakademie spielt.
Als zünftig-traditionelle Star-Trek-Moral hätte man darin einen jugendlichen Spock gesehen, der am "College" Opfer von Rassismus und Mobbing wird - und wie ihm der junge Jim Kirk tapfer zur Seite steht und dabei sein bester Freund wird.
Außerdem sehen wir Kirks erste große Liebe, die auf tragische Art und Weise ums Leben kommt, was dazu führt, dass es für den späteren Captain niemals wieder eine Frau geben kann, einzig und allein die Enterprise wohnt in seinem Herzen. In einer Rahmenhandlung wären mindestens William Shatner und Leonard Nimoy als Altdarsteller zu sehen gewesen, außer ihnen aber keine weiteren Darstellerinnen und Darsteller der Original-Crew.
Der eigentliche Film hätte unbekannten Jungschauspielerinnen und Schauspielern gehört, eben junge Versionen der alten Helden, die allesamt nicht viel Gage gekostet hätten - ein sehr schmackhafter Vorschlag für das finanziell angeschlagene Paramount-Studio, weswegen Executive Frank Mancuso Sr., ohne groß zu überlegen, sein grünes Licht gab. Ein folgenschwerer Fehler.
Quelle: Paramount
Das Postermotiv von John Alvin
Während das Akademie-Drehbuch in Arbeit war, bekam die Original-Riege Wind davon und war alles andere als begeistert, weil sie nicht nur vom Rampenlicht auf die Ersatzbank verwiesen werden sollte, sondern infolgedessen auch eine deutlich geringeren Gage bekommen hätte.
Auch Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry, der lediglich verantwortlich zeichnete für die aktuell laufende Next-Generation-Fernsehserie, nicht aber für die Kino-Reihe und deswegen ein äußerst antagonistisches Verhältnis mit Harve Bennett pflegte, war zutiefst angekäst.
Im Wissen darum, dass auch viele Fans lieber die alten Helden als neue Schauspielende sehen wollten, tat Roddenberry etwas, das er im vergangenen Jahrzehnt schon mehrfach gemacht hatte: Er posaunte eigentlich vertrauliche Details der Geschichte auf Conventions und anderswo in der Öffentlichkeit heraus.
Außerdem fabulierte er eine handfeste Lüge hinzu, um das Vorhaben in besonders schlechtem Licht dastehen zu lassen: "Starfleet Academy soll das heißen, das wird also so wie Police Academy! Die wollen aus 'unserem' Star Trek einen albernen Klamauk machen!"
All dieser Wirbel hatte indirekt Erfolg. Martin S. Davis, oberster Kommunikationspräsident von Paramount und Chef von Frank Mancuso Sr., wurde auf das Projekt aufmerksam und fühlte sich in seinem hierarchischen Status gekränkt.
Wenn irgendjemand ein neues Star-Trek-Projekt in Auftrag geben würde, dann nur er selbst und nicht Mancuso - und schon gar nicht Davis' Kopf hinweg, ohne jegliche Information. Mancuso bekam auf die Finger gehauen und trotz eines fix und fertigen Drehbuchs wurde bei Starfleet Academy der Stecker gezogen. 18 Monate Pre-Production für nichts und wieder nichts.
Doch die gesamte Saga der Entstehung des sechsten Star-Trek-Kinofilms ist eine der verletzten Eitelkeiten. Davis vermutete richtig, dass Harve Bennett alles andere als begeistert sein würde, wenn man sein Projekt und damit auch ihn selbst, den Retter und Lenker des Kino-Franchise seit 1982, eiskalt abservieren würde.
Also machte ihm Davis ein versöhnliches Angebot: "Harve, lass ein Drehbuch für den sechsten Film schreiben, in dem die alten Recken im Zentrum des Geschehens stehen. Produziere das Ganze und streiche dafür anderthalb Millionen Dollar Gage ein." Doch Bennett war verschnupft und stellte ein Ultimatum: "Starfleet Academy oder ich gehe." Gesagt, getan. Bennett nahm nach vier Filmen seinen Hut.
Der zweite, parallele Anlauf: Niemand Geringeres als Chekov-Darsteller Walter Koenig schrieb zwar kein komplettes Drehbuch, aber eine umfangreiche Outline mit dem Titel In Flanders Fields.
Quelle: Paramount
Der Mann, der die Kinofilme mit gerader Nummer schreibt: Nicholas Meyer
Ausgangslage ist ein intergalaktisches Polit-Beben, denn die Romulaner treten der Föderation bei, und gemeinsam Krieg gegen die Klingonen zu führen - doch es kommt noch dicker: in einer mit dem Holzhammer servierten Anti-Ageism-Parabel fällt die gesamte Original-Crew außer Spock beim jährlichen Gesundheitscheck mit Pauken und Trompeten durch, sie werden suspendiert.
Das Resultat ist, dass der Vulkanier vom Dienst mit einer brandneuen und blutjungen Crew auf Entdeckungsmission fliegt. Recht bald begegnen sie einer Spezies von Monsterwürmern, die parasitär die gesamte Crew befallen. Selbstverständlich ist es jetzt die Verantwortung der alten, krankgeschriebenen Recken, doch wieder aktiv zu werden und die Kids zu retten.
Als Simon Fistrich, mein Ko-Moderator beim gemeinsamen Podcast "Trek am Dienstag", und ich vor ein paar Jahren erstmalig über diese Story stolperten, lachten wir über diese trashige Fanfiction, die sich der gute Walter überlegt hatte. Da konnten wir ja noch nicht ahnen, dass eine sehr ähnliche Story mit der dritten Staffel Picard bittere Realität werden sollte. Am Ende heißt es Abschied nehmen von den alten Spezis, denn außer Pille und Spock sterben sie alle den Heldentod.
