Bargeld, Bigotterie, Berlinale: Wie Star Trek 6 Das unentdeckte Land in die Welt kam

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Kim Cattrall als Valeris - ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten.
Quelle: Paramount

Es geht weiter mit unserem Rückblick auf Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Autor Sebastian Göttling zeichnet die bizarre Entstehungsgeschichte des Filmes nach.

Auch darüber könnte ich hinwegsehen, wäre dann nicht das plötzliche Rassismusproblem der Crew, das aus dem Nichts kommt. Am Ende des fünften Films - jawohl, das ist kein Verschreiber, das passiert bereits im fünften und nicht erst im sechsten Film - findet zwischen Mensch und Klingone eine gemeinsame Sieges- und Friedensfeier an Bord der Enterprise statt.

bei diesem Bankett bahnte sich unter Anwesenheit zahlreicher Botschafter von Nimbus III bereits der Friede an, der einen Film später unerklärlicherweise als undenkbar gilt. Im Laufe dieser Party laufen Sulu und Chekov den wohlgeformten Muskeln einer klingonischen Navigatorin hinterher, nur um sich einen Film später darüber auszulassen, wie widerlich die Klingonen doch stinken.

Was ist da passiert? Und auch Kirk, der zwar im dritten Kinofilm seinen Sohn durch die Hand des klingonischen Renegaten Kruge verlor, machte bislang nie ein gesamtes Volk für diesen Mord verantwortlich. Noch in Auf der Suche nach Mr. Spock, nur wenige Minuten nach Davids Tod, lässt er beim einzigen klingonischen Überlebenden des feindlichen Schiffes Gnade vor Recht ergehen.

Gibt zu, dass er log, als er gelobt hatte, ihn umzubringen, und schickt ihn in Richtung Kittchen. Drei Filme später speit Kirk auf einmal hasserfüllt: "Lasst sie sterben!" Wo kommt das plötzlich her? Einzig und allein aus Meyers und Nimoys Wunsch, die negativen Charaktereigenschaften unserer Helden auf 11 zu drehen, damit das Überwinden des Hasses umso erstaunlicher und die Friedensbotschaft am Ende des Films noch strahlender sind.

Ich finde aber, dass hier geschummelt wurde. Und selbst damals müssen das schon Leute gedacht haben, denn in die Romanumsetzung des Films, die bereits 1991 erschien, schmuggelte Autorin J.M. Dillard eine Szene, in der Kirks geliebte Carol Marcus durch einen klingonischen Angriff schwer verletzt wird, was wiederum den Hass in Kirk neuerlich hochkochen lässt.

Ein politisches Attentat in der Schwerelosigkeit Quelle: Paramount Ein politisches Attentat in der Schwerelosigkeit Diese Passage, die in keinem Drehbuchentwurf zu finden ist, hätte Dillard in ihrem Buch kaum eingebaut, wenn nicht auch ihr dieser merkwürdige Sinneswandel der Helden übel aufgestoßen wäre.

Mittlerweile habe ich eine Erklärung dafür gefunden, die all das für mich verständlicher und leichter verdaulich macht. Denn Nicholas Meyer ist zeitlebens ein riesiger Sherlock-Holmes-Fan, hat über den Londoner Meisterdetektiv schon viel geschrieben und gefilmt, weswegen es kein großer Zufall ist, dass sich auch Spock im sechsten Kinofilm als kombinierender Kriminalist betätigt.

Unter Holmesianern ist es üblich, in zwei Kategorien zu denken: Da ist zum einen der Kanon, also die von Arthur Conan Doyle selbst geschaffenen Geschichten. Und dann gibt es noch Hunderte, was sag ich, Tausende Takes anderer kreativer Menschen, die mal mehr, mal weniger treu mit dem Kernwerk umgehen.

Freie Herangehensweisen, die auf eine oder mehrere Komponente des holmesschen Mythos riffen, modernisieren, anpassen, völlig verändern - diese Riffs nennt man Pastiche und sie gehören genauso zum Meisterdetektiv wie die Basis-Geschichten von Doyle. Was Nimoy und Meyer hier mit dem freien, dem "kreativen" Umgang der Gesinnung Kirks machten, das ist nichts weiter als eine Star-Trek-Pastiche.

Und gehört damit genauso zum Mythos wie andere, widersprüchliche Dinge; damit kann ich mich ein bisschen lockerer machen. Ebenso wie Holmes ist übrigens die Faszination gegenüber und Aneignung von Shakespeare durch die Klingonen, die zunehmend weniger Sinn ergibt, je länger man darüber nachdenkt, auf ein ganz persönliches Steckenpferd Nicholas Meyers zurückzuführen.

Die größte meiner vielen kleinen Unzufriedenheiten mit dem sechsten Kinofilm ist, dass er ein wilder Mischmasch ist und als solcher nie zu einer umfassenden und kohärenten künstlerischen Vision findet.

Die ersten drei Kinofilme bekommen das nach meinem Dafürhalten in glasklarer Konsequenz hin: The Motion Picture erzählt von den fließenden Übergängen zwischen Mensch, Technologie und dem Transzendenten, das man möglicherweise als Gott oder höhere Dimension bezeichnen kann.

The Wrath of Khan fokussiert sich aufs Altern, Tod und Erneuerung. The Search for Spock handelt davon, wie die Pflicht der Uniform überwunden wird von der höheren Pflicht der Freundschaft und Aufopferung - ebenso wie die Emotion manchmal die Logik bezwingt.

Bei diesem Abendessen verdarb sich William Shatner den Appetit, verdiente sich aber 250 Dollar Bargeld. Quelle: Paramount Bei diesem Abendessen verdarb sich William Shatner den Appetit, verdiente sich aber 250 Dollar Bargeld. Und The Undiscovered Country? Da ist zum einen die für die 90er-Jahre typische Polit-Action-Paranoia. Darin verpackt ein Ruf wider den Rassismus und Kriegstreiberei, doch all das liegt nicht tief genug, ist nicht ausreichend eingewoben, um als Subtext durchzugehen. Dazu kommt die bereits erwähnte Sherlock-Holmes-Ermittlung in einem intergalaktischen Mordfall.

Doch es wird ein narrativer Haken nach dem anderen geschlagen: für eine längere Sequenz mutiert der Film erst zum Gerichtsdrama, dann zum Gefängnisfilm inklusive Ausbruch. Irgendwie wollen sich all diese verschiedenen Bestandteile für mich nicht zu einem gleichmäßigen Ganzen zusammenfügen, alles wirkt irgendwie undercooket.

Die Polit-Story ebenso wie die mäßig spannende Detektivgeschichte könnten beide komplexer sein. Justiz und Gulag sind eigene kleine Kurzgeschichten in sich, ohne jede Ausschmückung. Keiner dieser Story-Fetzen geht in die Tiefe und unter meine Haut. Andererseits - so rede ich es mir schön - passt das wiederum dazu, dass dies das letzte Abenteuer der Original-Crew ist.

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