Bargeld, Bigotterie, Berlinale: Wie Star Trek 6 Das unentdeckte Land in die Welt kam

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Kim Cattrall als Valeris - ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten.
Quelle: Paramount

Es geht weiter mit unserem Rückblick auf Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Autor Sebastian Göttling zeichnet die bizarre Entstehungsgeschichte des Filmes nach.

Da ist es womöglich opportun, noch einmal ein Best-of zu bringen, alle möglichen Geschmacksrichtungen der Originalserie aneinanderzureihen. Und dennoch hätte es mir viel besser gefallen, wenn der sechste Kinofilm kein Mixtape wäre, sondern ein Konzeptalbum. Außerdem ist The Undiscovered Country mit knapp über 100 Minuten auch einer der kürzeren Star-Trek-Filme.

Warum die Laufzeit nicht auf etwas mehr als zwei Stunden bringen und dadurch wenigstens einem der Handlungsfäden stärkeres thematisches Gewicht verleihen? Mir hätte das gefallen. So ist es für mich am Ende ein kurzweiliges und vielseitiges Potpourri - ich gucke den Film wunderbar glatt weg, auch wenn er mich nicht vollständig satt macht.

Übrigens: Auf VHS erschien Star Trek 6 mit einigen Szenen, die es nicht in die Kinoversion geschafft hatten. Sie zeigen den erwähnten Colonel West, der einerseits eine waghalsige Befreiungsaktion für Kirk und McCoy vorschlägt, andererseits aber selbst einer der finsteren Verschwörer ist.

Erst im Jahr 2022 erschien eine 4K-Scheibe des Films, auf der man zwischen beiden Schnittfassungen in hervorragender Qualität hin- und herschalten kann. Höchste Zeit war das, denn die zuvor veröffentlichte Blu-Ray, die mehr als ein Dutzend Jahre die bestverfügbare Version war, ließ den längeren Cut vermissen und bot ein einigermaßen verhunztes Bild.

Kommunikationsoffizierin Uhura kurz vor der berüchtigten Wörterbuch-Szene Quelle: Paramount Kommunikationsoffizierin Uhura kurz vor der berüchtigten Wörterbuch-Szene Dank übermäßigem DNR (Digital Noise Reduction) hatte der Film auf Blu-Ray praktisch keine Textur, die Charaktere wirkten alle wie Wachsfiguren aus Madame Tussauds. Die neue 4K-Veröffentlichung hingegen ist ein detailreicher und authentischer Augenschmaus und wie mittlerweile alle UHD-Scheiben der ersten zehn Kinofilme sehr empfehlenswert.

Zurück ins Jahr 1992. Zwischenstopp im Februar, genauer gesagt am Vorabend des Valentinstags. Obwohl - oder gerade weil - Star Trek in Deutschland noch die Existenz eines Nachtschattengewächses führte, war es damals eine mittlere Sensation, dass Star Trek 6: Das unentdeckte Land außer Konkurrenz auf der Berlinale, der Krone der deutschen Filmveranstaltungen, im altehrwürdigen Zoo-Palast laufen sollte. Nicht zuletzt sicherlich, weil der Film eine Art Mauerfall im Weltraum beschreibt und so ein emotionaler Anker für Berlin gegeben war.

Deutsche Fans sollten exklusiven Zutritt zu der Veranstaltung haben - und so berichtete Michael Eberhardt vom deutschen Fanclub Star Trek Central Europe, wo er auch einen Verkaufsservice für internationale Star-Trek-Devotionalien betrieb, in der Club-Zeitschrift Trekworld über diesen denkwürdigen, von Schneeregen heimgesuchten Tag.

Uniformierte Star-Trek-Fans sollten die Premierenvorstellung kostenlos besuchen können - daran merkt man mal wieder, dass Star-Trek-Fans in den 90er-Jahren von den Medien gerne und oft karnevalistisch vorgeführt wurden. Ungewöhnlich war allerdings, dass es diesmal der eigene Filmverleih war und keine RTL-Vorabendsendung, die aus den Fans zu begaffende Zootiere machte.

Weil die Organisation einiges zu wünschen übrig ließ und vor Ort in Berlin nicht ganz klar war, wie viele Tickets überhaupt verfügbar waren, bildeten sich lange Schlangen kostümierter Fans im unwirtlichen Wetter. Als Michael und seine Gruppe die begehrten Karten für den Abend endlich abgestaubt hatten, flohen sich alle in Restaurants und irische Pubs zum ausdünstenden Trocknen.

Auf der jüngsten UHD-Scheibe im Director's Cut zu sehen: Odo-Darsteller René Auberjonois als Colonel West Quelle: Paramount Auf der jüngsten UHD-Scheibe im Director’s Cut zu sehen: Odo-Darsteller René Auberjonois als Colonel West Fans verloren sich aus den Augen, fanden sich überraschend wieder, Jahrzehnte vor der Existenz von WhatsApp, das all das furchtbar einfach gemacht hätte. So waren sie, die frühen Rock&Roll-Tage des Fandoms.

Es wurde gemunkelt, dass sich die Hauptdarsteller William Shatner und Leonard Nimoy höchstselbst die Ehre geben würden; Gerüchte von Hotelzimmern im Adlon, die auf die beiden reserviert waren, machten die Runde, doch "Kirk" und "Spock" blieben der zukünftigen deutschen Hauptstadt fern.

Stattdessen erschienen im Zoo-Palast Regisseur Nicholas Meyer und Nebendarstellerin/Supermodel Iman. Da es im Festival-Vorfeld hitzige Diskussionen darüber gegeben hatte, ob etwas so Profanes und Anspruchsloses wie ein Star-Trek-Film überhaupt auf der großen Berlinale gezeigt werden durfte, war Meyer einigermaßen verärgert. Die beiden Prominenten standen nur kurz auf der Bühne, wo sie knappe und unpersönliche Worte aufsagten. Schade, dass man den Frust aufgrund der Diskussion mit der Festival-Leitung ausgerechnet an den engagiertesten Fans ausließ.

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