Bargeld, Bigotterie, Berlinale: Wie Star Trek 6 Das unentdeckte Land in die Welt kam

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Kim Cattrall als Valeris - ihre Nacktfotos mit vulkanischen Ohren ließ Leonard Nimoy vernichten.
Quelle: Paramount

Es geht weiter mit unserem Rückblick auf Star Trek 6 Das unentdeckte Land: Autor Sebastian Göttling zeichnet die bizarre Entstehungsgeschichte des Filmes nach.

Kirk-Darsteller William Shatner hat eine andere Geschichte parat: Gene Roddenberry soll den Film gesehen haben und daraufhin völlig entrüstet gewesen sein, was Star Trek 6 alles Schlimmes mit seinem "Baby" anstellte.

Er drohte mit einer Klage und machte schon wieder seinen Anwalt Leonard Maizlish scharf, woraufhin sich Paramounts Rechtsabteilung auf einiges gefasst machte, wozu es nie kam, weil Roddenberry vor der Klageschrift das Zeitliche segnete. Ob überhaupt eine - und wenn ja, welche - der beiden Geschichten stimmt, wird wahrscheinlich auf immer ein bestens gehütetes Hollywood-Geheimnis bleiben.

Einen Tag vor der Filmpremiere hinterließen sämtliche Star-Trek-Hauptdarstellerinnen und -darsteller ihre Handabdrücke und Unterschriften in den Gipsplatten vor dem legendären Grauman's Chinese Theater in Los Angeles, welches daraufhin zu einem Wallfahrtsort für Star-Trek-Fans avancierte, den ich vier Jahre später selbst aufsuchen durfte.

Da sah ich dann auch das Resultat einer Anekdote, die im Zusammenhang mit diesem Festakt immer wieder kolportiert wurde, nämlich dass sich DeForest Kelley in all der Aufregung verschrieb, als er seinen eigenen Namen zu Gips bringen wollte. Ein Fauxpas für die Ewigkeit.

Als der Film am Nikolaustag 1991 anlief, war die Kritik deutlich gnädiger zu ihm, als sie es mit Shatners Vorgängerfilm im Jahr 1989 gewesen war. Die abwechslungsreiche und actiongeladene Geschichte, gepaart mit den verblüffenden politischen Parallelen zu realen Ereignissen, wusste vor allem Mainstream-Kritiker zu überzeugen.

Michael Dorn spielt Worfs Großvater und Kirks Pflichtverteidiger. Quelle: Paramount Michael Dorn spielt Worfs Großvater und Kirks Pflichtverteidiger. Zwar gab es kein gar so phänomenales Medienecho wie beim zweiten oder vierten Kinofilm, aber unterm Strich wurde Star Trek 6: The Undiscovered Country ein grundsolides Zeugnis ausgestellt. Auch an der Kinokasse machte sich Erleichterung breit, denn den 30 Millionen Dollar Kosten standen am Ende 97 Millionen Dollar Einnahmen gegenüber.

Das Studio war glücklich, ebenso waren es Shatner und Nimoy, die sich ja in weiser Voraussicht auf eine Gewinnbeteiligung eingelassen hatten. Ein siebter Kinofilm war sichere Sache und während die Öffentlichkeit und die Fans in den nächsten Jahren viel und lange diskutieren würden, ob die Original-Crew doch noch ein letztes Mal zurückkommen oder die Fackel an die Next Generation übergeben werden sollte, stand studiointern eigentlich bereits fest, dass der nächste Film Picard & Co. übertragen werden sollte, die berits zu diesem Zeitpunkt dank der Borg für große Furore auf dem Fernsehbildschirm sorgten.

Als Nicholas Meyer im April 1992 - mehrere Monate nach der Filmpremiere - zu seinem Zahnarzt ging, war dieser voll des Lobes für den neuen Star-Trek-Film. Nick Meyer dankte ihm und entgegnete, wie stolz er darauf war, eine solche direkte Science-Fiction-Parallele auf Glasnost und Perestroika geschaffen zu haben.

Dem Dentisten stand größte Verwirrung ins Gesicht geschrieben, denn von Tauwetter im Kalten Krieg hatte er im Kinosessel nichts mitbekommen, für ihn war der Film lediglich eine rasante Actiongeschichte mit Kirk und Klingonen. Manchmal bleibt man halt einfach an der Oberfläche oder trägt Scheuklappen und hat trotzdem großen Spaß - eine für Meyer gleichermaßen erholsame wie ernüchternde Wurzelbehandlung.

Doch was macht der Film mit mir? Im Mai 1992 war meine Fanseele von Star Trek 6 genauso weggeblasen wie meine Ohren von der Ouvertüre, doch in den darauffolgenden Jahrzehnten hat sich zumindest bei mir eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Und das bei einem Film, der für viele Fans einen der Top-Star-Trek-Filme, wenn nicht gar den besten der gesamten Reihe, darstellt.

Ich bin ein wenig bei dem, was Gene Roddenberry angeblich gesagt hat, denn generell zeigen die Filme 2 bis 6 eine viel militaristischere Sternenflotte als es beispielsweise die Next Generation oder auch die Originalserie und der erste Kinofilm tun.

Der Bronson Canyon bei Los Angeles wird im Hochsommer zum Eisplaneten. Quelle: Paramount Der Bronson Canyon bei Los Angeles wird im Hochsommer zum Eisplaneten. In Das unentdeckte Land nächtigen die niedrigrangigeren Besatzungsmitglieder in Schlafsälen, werden per Pfeife zum Appell gerufen, während der Smutje in der Schiffskombüse Haferschleim kocht. Im Hintergrund agieren schattenhaft alteingesessene Admiräle und Militärs, deren in Fleisch und Blut übergegangener Lebensinhalt der Kalte Krieg gegen die Klingonen ist.

Im Gegensatz zu Roddenberry kann ich das alles ganz gut verknusen, wäre das nicht eines von vielen kleinen Gewichten, die der Film für mich in die negative Seite der Waagschale wirft.

Außerdem ist sich Nicholas Meyer nicht zu schade, die interne Logik der Star-Trek-Welt und die Integrität ihrer Figuren für zahlreiche Gags zu opfern. Der billigste unter diesen Späßen ist sicherlich "der mit dem klingonischen Wörterbuch". Die Enterprise will sich, um Kirk und McCoy aus dem Knast zu befreien, über die klingonische Grenze stehlen, wird dabei aber von zwei Grenzposten rechts rangewunken, die es über Funk auszutricksen gilt.

Und anstatt dem Publikum die fantastischen linguistischen Fähigkeiten von Kommunikationsoffizierin Uhura zu zeigen oder aber zu demonstrieren, dass der Enterprise-Bordcomputer über eine automatische Übersetzungsfunktion verfügt, wie sie im Jahr 2024 in jedem Computer seit langem gang und gäbe ist, holt man ein dickes und staubiges klingonisches Wörterbuch hervor, in dem die Brückencrew hektisch umherblättert und dabei gequälte One-liner produziert, die sicherlich fiele Fans lustig finden, ich aber eher "cringe" empfinde.

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