Ein Familienfilm für die Festtage: Star Trek 4: Zurück in die Gegenwart
Special
In Teil 4 unserer Star Trek-Retrospektive wird es kontrovers: Autor & Star-Trek-Guru Sebastian Göttling schreibt über Star Trek 4: Zurück in die Gegenwart.
Dankenswerterweise hat der Film für uns genau hinschauende Fans einige wunderbare Merkwürdigkeiten im Angebot. Da ist zum einen die psychedelische CGI-Traumsequenz während der Reise zurück in die Zeit, die morphende Crew-Gesichter, brennende Körper und Schilfrohr darstellt. Als jungen Jugendlichen auf dem Weihnachtssofa zog mich das vollkommen in seinen Bann, war aber wohl ein eher ein prätentiöser Versuch, die interpretationsoffene Ästhetik sowjetischer Science-Fiction-Filme einzufangen. Fantastisch ist auch der "Kärcher-Mann", auf den mich mein Podcast-Mitstreiter Simon Fistrich vor vier Jahren aufmerksam gemacht hat. Rund um das Meeressäuger-Institut sind die Bürgersteige dauerfeucht und in viel zu vielen Szenen ist ein schrulliger Typ zu sehen, der unerklärlicherweise mit seinem Wasserschlauch die Fußwege nass hält.
Wenn man diese rätselhafte Bewässerungsaktion einmal gesehen hat, kann man sie nie wieder nicht sehen. Viel erzählerisches Kapital wird außerdem daraus geschlagen, dass sich die Charaktere im 20. Jahrhundert diskret zu verhalten haben - und dennoch beamen sich die Helden gleich mehrere Male sehr unachtsam auf das Klingonenschiff, obwohl sich die zeitgenössischen Menschen gar noch nicht weit genug entfernt haben und den Verschwindetrick durchaus noch sehen könnten.
Höhepunkt der Unachtsamkeit ist allerdings das Hineinhieven gigantischer Plexiglasplatten per Helikopter in das durchsichtige Schiff. Mitten im Golden Gate Park hängt am helllichten Tag ein halber Scotty in der Luft, während die Platten in die Unsichtbarkeit abgesenkt werden.
Da drängt sich direkt die nächste Frage auf: Warum müssen es überhaupt durchsichtige Platten sein? Immerhin verbringen die Wale nur eine sehr kurze Zeit in ihrem fliegenden Zeitreise-Bassin und die Fenster erlauben es ihnen gerade einmal, maximal drei Meter weiter zu blicken als ob man einfach eine normale, wasserdichte Wand eingezogen hätte.
Als sich schließlich am Ende des Films das klingonische Schiff über einem Walfänger enttarnt, ist deutlich zu sehen, wie das kleine Schiffchen der fiesen Walmörder von einem riesigen klingonischen Kernschatten bedeckt ist. Trotzdem rennt in einem Zwischenschnitt die Walfang-Crew über ein sonnendurchflutetes Deck.
Zu guter Letzt ist es eine frappierende Parallele zum Besuch V'Gers im ersten Kinofilm, dass sich der Erde drei Filme später schon wieder eine Sonde nähert, die auf eine Antwort pocht und ansonsten mit globaler Vernichtung droht. Doch anders als bei V'Ger erfahren wir niemals die Herkunft und genauen Beweggründe der Walsonde, was ich charmant rätselhaft finde, denn nicht immer braucht es für alles eine Erklärung.
Quelle: Paramount
Das dynamische Original-Teasermotiv vom legendären Bob Peak
Doch genug der lustigen Pingeligkeiten, wenden wir uns der Reklame und den internationalen Anpassungen des vierten Films zu. Star Trek war anno 1986 immer noch vorrangig ein US-amerikanisches Phänomen und hatte in Übersee so gut wie keine Bedeutung. Gerade der dritte Film hatte außerdem sehr unter dem parallel anlaufenden Megahit "Ghostbusters" gelitten.
Das heißt: Viele Menschen auf unserer Seite des Atlantik hatten den dritten Kinofilm, der gleichzeitig der zweite der laufenden Trilogie war, überhaupt nicht gesehen. Um die potenzielle Verwirrung zu minimieren, schraubte man also vor den Film für die internationale Vermarktung eine ausführliche Rückblende und holte dafür sogar eigens William Shatner vors Mikrofon, damit dieser ein erklärendes Logbuch einsprach.
Diese internationale Rückblende ersetzte übrigens eine in der US-Fassung eingeblendete Widmung an die verunglückte Crew des Spaceshuttles Challenger. Und weil der Name Star Trek in Übersee eben kein Zugpferd war, kehrte man kurzerhand die Gewichtung des Titels um. Auf dem Poster stand nicht groß "Star Trek 4: The Voyage Home", sondern in Deutschland groß "Zurück in die Gegenwart" und darunter ganz klein, beinahe schon verschämt "Star Trek 4".
Dieser Titeltausch wurde auch im Rest der Welt durchgezogen, doch nur in Deutschland wählte man einen Filmtitel, der nicht zufällig, sondern ganz bewusst, an den großen Robert-Zemeckis-Erfolg des Vorjahres, "Zurück in die Zukunft", erinnern sollte. Auch das vom Künstler "Gareth" geschaffene, internationale Poster, welches Kirk, Spock, den Punk und den Motorradpolizisten in den Fokus rückt, sollte wohl absichtlich einen ganz anderen Eindruck hinterlassen, also eher eine Erinnerung an John-Hughes-Komödie evozieren.
Schade eigentlich, dass dieses kitschige Poster weltweit zum Einsatz kam, denn in den USA arbeitete man wie seit dem ersten Film mit der Kunst des legendären und einzigartigen Bob Peak. Besonders das Vorschauposter, das weder Raumschiffe noch Charaktere abbildet, ist ikonisch.
In dynamischer, riesiger Schrift stürzt der brennende Filmtitel auf die Metropole San Francisco zu. Ein sensationelles Poster, das gerahmt bei mir im Wohnungsflur hängt. Alle, die die Gästetoilette benutzen, sehen es beim Herauskommen an der gegenüberliegenden Wand.
Doch welchen kritischen Stellenwert nimmt der vierte Film in der Reihe ein? Als ich ihn damals an Weihnachten 1991 sah, war es wie ein frischer Eimer salzigen Meerwassers ins Gesicht: Nach Filmen voller Raumschiffbrücken und Studioplaneten läuft die geliebte Crew "on location" und unter freiem Himmel durch die Jetztzeit.
Mittlerweile, im Jahr 2023, wirkt dieser Ausflug eher wie eine ulkig angestaubte Reise in die 80er-Jahre, hat aber dennoch kein bisschen seines Charmes verloren. Es ist schön, die Enterprise-Crew in einer "Fish-out-of-Water-Story" zu erleben, in der sie eben nicht heldenhaftes Oberwasser haben, sondern ausnahmsweise ganz kleine Brötchen backen müssen und von der Gesellschaft als Schrullos und Loser gesehen werden.
Toll ist, dass dabei ausnahmsweise einmal alle Charaktere, auch die vier untergeordneten, Dinge zu tun bekommen. Ein wenig zu kurz kommt dabei bloß Sulu, den wir nur flüchtig am Steuer des Helikopters sehen.
Eigentlich war eine Szene vorgesehen, in der Sulu einem kleinen Jungen begegnet, der sich als einer seiner Urahnen entpuppt, doch das gecastete Kind erwies sich am Drehtag als äußerst kamerascheu und ließ sich auch nach mehrstündiger Anstrengung nicht dazu bewegen, mit dem Weinen aufzuhören und mit dem Schauspielen anzufangen. Die Szene entfiel ersatzlos, sehr zum Leidwesen George Takeis, ist aber in Vonda N. McIntyres Roman zum Film enthalten.
