Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Star Trek TNG Staffel 6: Viele Reisen ins Ich im sechsten Jahr von Captain Picard
Quelle: Paramount

Das große Finale nähert sich: Wir blicken auf die vorletzte Staffel von Star Trek The Next Generation und erklären, was sie so besonders gemacht hat.

In Folge 3, Man of the People (Der unmoralische Friedensvermittler), ging Bordpsychologin Deanna Troi eine unheilige und unfreiwillige telepathische Verbindung mit einem Diplomaten ein, der sich sämtlicher negativer Gefühle entledigte, indem er sie auf Deanna projizierte, was argen Raubbau an ihrem Körper und ihrer Seele nach sich zog.

Diese Episode und Deannas Verwandlung in einen Vamp mit keck-grauer Strähne im Haar würde man heute zwar als Trash oder gar High Camp bezeichnen, aber auch hier geht es schon ein zweites Mal um finstere Vorgänge in der Psyche eines Enterprise-Besatzungsmitglieds.

Folge 4 war dann das monumentale Relics (Besuch von der alten Enterprise), doch vor einem Blick auf den Inhalt und die Entstehung ein Wort zu der deutschen Titelvergabe. Im Gegensatz zu den sehr griffigen und eleganten Originaltiteln haben wir es hier drei Male in Folge mit deutschen Episodentiteln zu tun, die sperriger und ulkiger kaum sein könnten.

Der unmoralische Friedensvermittler geht nicht gerade glatt von der Zunge, ebenso wenig wie Todesangst beim Beamen oder Besuch von der alten Enterprise. Die beiden letzteren wirken so umgangssprachlich plump wie seinerzeit Picard macht Urlaub - außerdem kommt hier mitnichten die alte Enterprise zu Besuch, sondern lediglich ihr legendärer Chefingenieur Montgomery "Scotty" Scott.

Was auch immer die Synchronredaktion damals gedacht haben mag, sie hat diese Folgen für die Ewigkeit mit reichlich merkwürdigen, deutschen Titeln versehen. Später folgen noch einige Stilblüten mehr, doch nicht mehr so geballt wie hier zu Staffelbeginn.

Deanna Troi und viele andere werfen in Staffel 6 dunkle Blicke in ihre eigene Psyche. Quelle: Paramount Deanna Troi und viele andere werfen in Staffel 6 dunkle Blicke in ihre eigene Psyche. Und ja, ganz recht, mit James Doohan als Scotty sollte hier ein viertes und auch letztes Mal ein alter Recke der Originalserie Gaststar bei der Next Generation sein. DeForest Kelley als McCoy in Pilotfilm war eine augenzwinkernde Staffelstab-Übergabe, bei der nicht einmal der Name des Charakters genannt wurde.

Der Auftritt von Spocks Vater Sarek gegen Ende von Staffel 3 wurde nur ausnahmsweise gestattet und die Chefetage legte dabei großen Wert darauf, dass der greise Vulkanier nur ein einziges Mal den Namen seines legendären Sohnes in den Mund nehmen durfte. Die silberne Jubiläumsfeier und das Cross-over mit dem sechsten Kinofilm ein Jahr zuvor waren dann der große Eisbrecher. Auf einmal waren Verbindungen zur Originalserie völlig in Ordnung und dem kurz zuvor noch verpönten Spock wurde ein epischer Zweiteiler gewidmet.

Eigentlich sollte Stabautor Brennan Braga, bekannt für seine freakigen Science-Fiction-High-Concept-Geschichten, Scottys Geschichte bei der Next Generation schreiben, doch dann besann man sich darauf, dass man ja mit Ronald D. Moore einen großen Fan und Kenner der klassischen Serie im Autorenteam wusste.

Der Original-Series-Spezi Moore übernahm also das Drehbuch und erinnert sich daran, wie es auf einmal möglich war, so kurz nach Spock in Unification erneut eine solch enge Verbindung zu den Ursprüngen des Franchises zu schlagen: "In den frühen Staffeln hatte die Next Generation das Gefühl, dass sie sich noch beweisen musste. Deswegen fiel direkt zu Beginn die Entscheidung, keinerlei alte Storylines aufzugreifen, nicht über die alten Recken zu sprechen und auch nicht deren Söhne oder Töchter in die Serie zu holen." Damit sollte erreicht werden, dass das von vielen Alt-Fans immer noch nicht akzeptierte Spin-off auf eigenen Beinen stehen würde.

Die TNG-Serienbibel, das war die Richtlinie, an der sich sämtliche angehenden Autorinnen und Autoren orientieren mussten, besagte ausdrücklich: "Wir kaufen keinerlei Geschichten über die originalen Star-Trek-Charaktere Kirk, Spock, McCoy, Uhura, Chekov, Scotty oder Sulu, auch nicht über ihre Nachfahren. Sosehr wir die Originalbesetzung auch lieben, sie sind immerhin unsere Kinder, wollen wir, dass sich die Aufmerksamkeit des Publikums einzig und allein auf die neuen Charaktere richtet."

Mittlerweile aber war man erfolgreicher, als es die Originalserie zu ihrer Zeit jemals war, hatte sich also freigeschwommen und zudem im Vorjahr erkannt, dass es gar nicht so schlimm war, einen alten Star wiederzuholen. Mit solchen Stunt-Castings vermochte man die Serie weder zu unterminieren noch abzuwerten.

Bei Relics gab es folglich keine große Debatte mehr, auch wenn sich Showrunner Michael Piller auf eine solche vorbereitet hatte, als er beim damaligen Franchise-Chef Rick Berman vorstellig wurde: "Ich hatte mit großen Problemen gerechnet, denn Mr. Berman mag solche Gags normalerweise nicht, aber komischerweise hatte er einen guten Tag."

Auch wenn die damaligen Vorstellungen des Rick Berman äußerst unflexibel wirkten - seinen "guten Tag" bei Relics unbenommen -, ich würde mir diese Strenge, gepaart mit Mut zu brandneuen Charakteren, heutzutage sehr wünschen. Bei einer der aktuell laufenden Star-Trek-Serien, Strange New Worlds, besteht die Riege der Hauptcharaktere mit lediglich einer einzigen Ausnahme aus bereits bekannten Figuren oder deren Verwandten - von Spock über Schwester Chapel bis hin zu einer Nachfahrin von Khan Noonien Singh.

Dieses Selbstreferenzielle, diese Rückbezogenheit einer Serie, die eigentlich in die Zukunft blicken und alte Zöpfe abschneiden soll, zeugt für mich von fehlendem Selbstvertrauen oder dem Versuch, sich durch möglichst viel Fanservice anzubiedern. Doch Kreativität und Kunst können, so meine Einschätzung, nicht entstehen, wenn man ständig nur im eigenen Saft vergangener Jahrzehnte gart.

Zurück zu Relics. Das wurde eine warmherzige, vielleicht etwas unspektakuläre, aber doch würdevolle Episode, in welcher Scotty zeigen konnte, dass er auch dann, wenn er per Transporter-Trick ein Dreivierteljahrhundert in die Zukunft transportiert wurde, noch einiges zu bieten hatte, obwohl die Next-Generation-Charaktere den Maschinenraum-Opa zunächst belächelten und seine angestaubten Ratschläge für nicht zeitgemäß hielten.

Für Scottys Besuch bei der Next Generation wurde ein kleines Stück der Original-Enterprise-Brücke rekonstruiert. Quelle: Paramount Für Scottys Besuch bei der Next Generation wurde ein kleines Stück der Original-Enterprise-Brücke rekonstruiert. Die größte und nicht völlig unberechtigte Sorge beim Schreiben dieser Episode war, dass der eigentliche Chefingenieur der Enterprise-D, Geordi La Forge, in seiner mal gönnerhaften, mal genervten Ablehnung Scotty gegenüber zu unsympathisch wirken könnte. Denn wer gemein zum ursympathischen Berufstrinker Scotty ist, der ist womöglich auch nicht nett zu Hundewelpen oder Katzenbabys.

Merkwürdig wirkte in der Episode, dass der aus der Zeit gefallene Ingenieur in seiner psychisch möglicherweise traumatisierenden Situation völlig alleingelassen wurde, vor allem von Bordpsychologin Deanna Troi.

Eine dankenswerterweise auf den Blu-Rays enthaltene Deleted Scene zeigt, was hätte sein können: Selbstverständlich wurde Deanna vorstellig bei Scotty und bot ihre Hilfe an - der hingegen war rückständig genug, zu denken, dass es sich bei ihr um eine Hostess handelte und fiel empört aus allen Wolken, als sich ihm erschloss, dass sich eine Therapeutin um ihn kümmern wollte. So etwas hatten die "echten Kerle" seines 23. Jahrhunderts nie nötig gehabt!

Dennoch war Scotty von Heimweh geplagt und benutzte das neumodische Holodeck der Enterprise-D, um mit einer Flasche Hochprozentigem in der Hand eine virtuelle Replik der Kommandobrücke seiner geliebten Original-Enterprise zu besuchen - da blieb wahrlich kein Auge trocken.

Und obwohl in den Jahrzehnten seit der Erstausstrahlung von Relics noch mehr als einmal die gesamte Brücke und auch Korridore der 60er-Jahre-Enterprise rekonstruiert wurden, war das anno 1992 ein großes Unterfangen, vor allem aber auch eine teure Angelegenheit. Da war es völlig egal, dass die Next Generation beste Einschaltquoten erzielte - für einen Komplettnachbau war kein Platz im Budget, Erfolg hin oder her.

Die Frage war damals also: Wäre es denkbar, ein winziges Modell zu bauen und James Doohan dann mithilfe des Bluescreen-Verfahrens in die Miniatur einzukopieren? Auch die Möglichkeit, den Schauspieler digital in Aufnahmen aus der Originalserie einzufügen, wurde kurz untersucht, aber dann wieder als technisch unmöglich fallen gelassen - denn der Film Forrest Gump mit all seinen revolutionären Verfahren war 1992 noch Zukunftsmusik, der kam erst 1994 in die Kinos.

Am Ende bediente man sich eines genialen Tricks: Man baute tatsächlich einen ganz kleinen Abschnitt der Originalbrücke, quasi ein Tortenstück, das den Turbolift darstellte, sowie die anderthalb rechts davon liegenden Stationen, davor stellte man eine Replik von Kirks Captain-Sessel auf. Einzig und allein vor diesem schmalen Backdrop bewegte sich Doohan; hätte die Kamera auch nur zwei Fingerbreit nach links oder rechts geschwenkt, wäre aufgefallen, dass das Set dort endete.

Um die Illusion dennoch vollkommen zu gestalten, öffneten sich die Holodeck-Türen zu Beginn der Szene auf eine Totale der Enterprise-Brücke aus der Originalepisode This Side of Paradise (Falsche Paradiese) von 1967, denn dort gab es eine geeignete und menschenleere Einstellung, an welche sich die Eheleute Okuda erinnerten - weitere Originalserien-Spezies aus dem Next-Generation-Produktionsteam. Der partielle Nachbau, gepaart mit dieser Einstellung, wirkte wie aus einem Guss.

Und obwohl es nur ein kleines Stückchen Brücke war, besuchten dennoch viele verkappte und auch offene Fans aus den Paramount-Produktionsbüros das Set, um für ein paar Momente in den Erinnerungen an die 60er-Jahre zu schwelgen. Ehrengäste waren selbstverständlich Gene Roddenberrys Witwe Majel Barrett, aber auch der legendäre Produzent der Originalserie, Robert Justman, der in Staffel 1 auch noch für die Next Generation gearbeitet hatte. Als Justman ein Stück seines alten Zuhauses erblickte, konnte er nur "Oh my God" sagen.

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 06/2026 play5 06/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk