Staffel 2 von Star Trek TNG: Streiks, Sturköpfe und Sternen-Storys
Special
Teil 7 unserer Star-Trek-Retrospektive führt Autor Sebastian Göttling zurück auf den Fernsehbildschirm und in die zweite Staffel von The Next Generation!
Dass Staffel 2 auch einige Episoden zu bieten hat, die gerne mal übersehen werden, gilt insbesondere für einen drei Episoden langen Hattrick in der Staffelmitte, der mit "Contagion" (Die Iconia-Sonden) beginnt. In dieser Folge wird äußerst dramatisch ein Schwesterschiff der Enterprise zerstört, die Yamato, woraufhin sich Archäologe Picard mit den Ruinen einer längst untergegangenen Hochzivilisation befasst, die den Weltraum ohne Raumschiffe und stattdessen mit Portal-Technologie bereiste. Wer genau diese Iconianer waren, wie sie aussahen und ob es sich bei Ihnen um Eroberer oder um freundliche Aliens handelte, das bleibt angenehm mysteriös. Auch das Auftauchen der stets rätselhaften Romulaner in derselben Folge verstärkt diesen sagenumwitterten Effekt.
Episode Nummer 2 in diesem Dreigestirn ist die fieberhaft surreale "The Royale" (Hotel Royale), in der ein Außenteam der Enterprise auf einem Planeten, der eigentlich nur aus giftigen Gasen besteht, in ein heruntergekommenes Hotel/Spielcasino aus dem Las Vegas der 1980er-Jahre stolpert und dieses nicht mehr verlassen kann. Des Rätsels zynische Lösung ist, dass vor Hunderten von Jahren ein NASA-Astronaut in dieser ungastlichen Umgebung strandete und ihm die hiesigen Aliens ausgerechnet aus einem mitgebrachten Schundroman dieses kitschige Habitat kreierten - ohne zu wissen, dass sie dem frühen Raumfahrer damit seine eigene Vorhölle schufen.
Finale dieser Trilogie des Absonderlichen ist "Time Squared" (Die Zukunft schweigt), worin die Enterprise ein Shuttle aufgabelt, das nur wenige Stunden aus der Zukunft zurückgereist ist und einen völlig desolaten, nicht einmal mehr sprachfähigen Captain Picard an Bord hat, der als einziger der Zerstörung seines Schiffes entgangen ist.
In dieser klaustrophobischen Episode nähert sich die Enterprise scheinbar unausweichlich ihrem eigenen Schicksal - und als am Ende doch ein Schlupfloch gefunden wird, erklärt die Episode die merkwürdigen Vorkommnisse nicht, sondern hinterlässt die Zuschauenden mit Fragezeichen.
Quelle: Paramount
Perfekt für Halloween: Ein Loch im Weltraum
Episoden wie diese sind es - aber auch gegen Anfang der Staffel die Halloween-geeignete Folge "Where Silence Has Lease" (Illusion oder Wirklichkeit?), in der die Enterprise buchstäblich von der Landkarte hinuntersegelt in ein Loch im Weltall -, die die oft verkannte zweite Staffel für mich zu einem Wohlfühlort machen.
Denn der Weltraum ist hier freakig, hat Zähne, scheint wie bei H.P. Lovecraft kontrolliert zu werden von unsichtbaren und unaufhaltbaren Mächten der Verdammnis - eine Story-Geschmacksrichtung, für die ich ebenso viel übrig habe wie für die spätere, braver inszenierte Hochglanz-Next-Generation.
Über diese Folgen und ihre düsteren Implikationen tauschten meine Schulfreunde und ich uns im Jahr 1992 Woche für Woche begeistert aus, als "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" im ZDF lief. Welche geheimnisvoll-düstere Gruselgeschichte würde man uns wohl in der nächsten Woche auftischen?
Der Höhepunkt all dessen war zweifelsohne Maurice Hurleys Magnum Opus "Q Who" (Zeitsprung mit Q). Q, der allmächtige, intergalaktische Joker ist bei seinem erst dritten Auftritt gar nicht so sehr zu Späßen aufgelegt, wie er es später sein würde. Stattdessen will er in dieser Geschichte Jean-Luc Picard und seiner ach so perfekten Crew eindrucksvoll demonstrieren, dass sie den abgrundtiefen Schrecken, die draußen in den Weiten des Weltalls auf sie warten, noch lange nicht gewachsen sind.
Mit einem fantastisch weiten Raumsprung (und eben keinem Zeitsprung, auch, wenn der deutsche Titel das behauptet) führt Q eine fatale Begegnung herbei mit den übermächtigen, unerbittlichen und jede Kommunikation verweigernden Cyber-Zombies, den Borg, die zur Nemesis des Jean-Luc Picard werden sollten.
Kein Happy End, stattdessen 18 tote Crewmitglieder, eine bitter gelernte Lektion und am Horizont die unheilvolle Gewissheit, dass die Borg nun von der Menschheit wissen und früher oder später kommen werden als ein alles fressender Heuschreckenschwarm, dem man nichts entgegenzusetzen hat. Eine mitreißende und konsequente Episode, an der einfach alles stimmt.
Der Autorenstreik verhinderte übrigens ebenfalls eine Verbindung zwischen dieser Folge und der gerade genannten Episode namens "Time Squared", dank der sich herausgestellt hätte, dass Q auch für das rätselhafte Zeitloch verantwortlich zeichnete. Wobei mir persönlich die gesendete, unerklärte Version lieber ist.
Maurice Hurley war es auch, der der Enterprise-Crew, die in Staffel 1 noch einigermaßen steif daherkam, die dringend notwendige Lockerheit verpasste.
Denn aus seiner Feder stammen die Episodenauftakte, die mit der eigentlichen Handlung nur wenig zu tun haben, dafür aber unsere Heldinnen und Helden zum Beispiel beim allwöchentlichen Pokerspiel zeigen.
Oder aber Will Riker seine Kolleginnen und Kollegen zu einem Abendessen einladen lassen, von dem er behauptet, es handele sich um Omelett - doch jeder, der auch nur ein bisschen etwas von Kochen versteht, sieht sofort, dass es sich um schnödes Rührei handelt.
Diese scheinbar trivialen Freizeitaktivitäten sind es, aufgrund derer die Charaktere von Staffel 2 an lebendig und authentisch wirkten und die die Crew zu einer Familie zusammenwachsen ließen. Riker-Darsteller Jonathan Frakes lobt Maurice Hurley bis heute dafür, dass er "ein bisschen Frakes in den Riker hineinkommen ließ". Und immerhin: Mit der von Hurley erfundenen Pokerpartie haben wir Zuschauenden uns nun schon zweimal von unseren geliebten Charakteren verabschieden dürfen.
